Zum Inhalt springen

Denzil Meyrick „Der Tote im Kamin“. Krimi mit Charme

Rating: 5.00/5. From 1 vote.
Please wait...
Literatur

Von Barbara Hoppe.

Ein Dorf irgendwo in den North York Moors, Dezember 1952. Der Wind treibt den Rauch durch die Schornsteine, und in einem davon liegt – ziemlich unpassend für die Adventszeit – eine Leiche. Das ist der Auftakt zu Denzil Meyricks Kriminalroman „Der Tote im Kamin“, erschienen beim DuMont Buchverlag. Er ist der erste Band einer neuen Reihe, die in Großbritannien 2023 begann und dem 2024 und 2025 noch zwei weitere Fälle folgen. Im Februar diesen Jahres starb Denzil Meyrick im Alter von nur 59 Jahren. Der Roman ist der alljährliche Weihnachtskrimi des Verlags, und wie schon in den vergangenen Jahren, hat DuMont das richtige Händchen für einen launig-lauschigen Krimi für die kurzen Tage bewiesen.

Der Fall selbst ist verzwickt, das heißt, er sollte eigentlich ganz einfach sein, entwickelt sich aber zu einer komplexen Gemengelage, durch die Inspector Frank Grasby zwischen Schneegestöber und Glatteis eine Woche lang vor Weihnachten hindurchstolpert. Was Meyricks Roman so viel Lebendigkeit und hohen Unterhaltungswert verleiht, sind Tonfall, Figuren und ein feiner Humor. Hier hat sich ein Autor auf die Spuren der ganz klassischen britischen Kriminalliteratur begeben – und sie mit Witz und Warmherzigkeit in die Nachkriegszeit überführt.

Schauplatz Elderby – die englische Provinz mit Abgründen

Doch worum geht’s? Oder vielmehr: Wohin geht’s? Wie so oft und gern in klassischen Krimis geht es in die Provinz. Elderby klingt zunächst nach einem jener Orte, in denen seit Generationen alles beim Alten bleibt. Grasby, der eines fatalen Fehltritts wegen – er ließ versehentlich zwanzig der teuersten Pferde Englands entkommen – in die Einöde strafversetzt wird, glaubt selbst an einen ruhigen Posten, auf dem er lediglich ein paar Diebstähle aufklären soll. Doch schon bei seinem ersten Einsatz im Herrenhaus des örtlichen Adels, Holly House, läuft alles anders, als sich seine Vorgesetzten gewünscht haben. Beim Griff in den Kaminschacht fällt ihm buchstäblich eine Leiche entgegen. Und bei dieser einen Leiche soll es nicht bleiben.

Grasby, Sohn eines Pastors und durch den Krieg gezeichnet, ist kein klassischer Held. Er stolpert, zweifelt, neigt hier und da zur Selbstüberschätzung, was aufgrund der Ich-Erzählung mitunter äußerst komisch daherkommt – und bleibt dabei auf seine Weise liebenswert. An seiner Seite: Daisy Dean, genannt Deedee, eine ambitionierte Praktikantin aus Yale, ein blonder Engel mit stahlblauen Augen, die frischen Wind in das verstaubte Polizeirevier Elderby bringt. Und dann ist da noch Sergeant Bleakly, der als Kriegsheld mit Schlafkrankheit geglaubt hatte, bis zum Ruhestand in Elderby eine ruhige Kugel schieben zu können. Lord und Lady Damnish aus Holly House hingegen sind von der Sorte Adel, den man am liebsten von hinten oder besser gar nicht sehen möchte.

Denzil Meyrick Der Tote im Kamin Ein Fall für Inspector Frank Grasby Cover
Cover: DuMont Buchverlag

Humor, Suspense und Zeitkolorit: Der Ton macht die Musik

„Der Tote im Kamin“ spielt nur sieben Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Meyrick gelingt eine erstaunliche Zeitreise, die einem das Gefühl vermittelt, einen Krimi vor sich zu haben, der in den 50er-Jahren entstanden ist, nicht 80 Jahre nach Kriegsende. Die Atmosphäre dieser Zeit schwingt in jeder Szene mit, die Nachwirkungen des Krieges, die seelischen Blessuren, das Misstrauen, aber auch die permanente Alarmbereitschaft, dass etwas nicht stimmen könnte. Das idyllische Dorf, der Adel, die Kirche – alles hat Risse. Und Grasby führt die Leser mit seiner feinen Beobachtungsgabe geschickt durch die Nachwehen einer kriegsgebeutelten Gesellschaft.

Dabei bleibt der Roman immer unterhaltsam und ist alles andere als schwermütig oder gar düster. Trocken, pointiert und nie ohne ein Augenzwinkern lässt Meyrick seinen Helden die Abgründe der vermeintlichen Idylle durchwaten. Wie gut, dass er seine Geschichte in eine Rahmenhandlung eingebettet hat, die bereits vorab die beruhigende Nachricht enthält: Frank Grasby wird überleben. Denn er ist es, dessen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1976 wir hier lesen. Die „Times“ bezeichnete den Roman als Komödie, und gewiss: Er ist humorvoll, aber er ist auch durchdacht, spannend und hier und da mit melancholischen Anklängen.

Ein kriminalistischer Gentleman alter Schule

Denn Grasby ist kein allwissender Ermittler, sondern ein Mensch mit Schwächen, geprägt von Dienstjahren, Verlust und den blinden Flecken seiner Generation. Doch er hat Instinkt – und er täuscht sich nicht. Der Leser geht nicht mit einem Überhelden auf Spurensuche, sondern mit einem Mann, dem man auf die Schulter klopfen möchte, wenn er wieder in Fettnäpfchen tritt.

Dabei weiß die Geschichte immer wieder zu überraschen. Und man erkennt: Hier ist jemand, der polizeiliche Ermittlungsarbeit kennt. Denzil Meyrick war nämlich vieles in seinem Leben, unter anderem auch Polizist bei der Strathclyde Police. Was es nahe legt, irgendwann auch Romane zu schreiben, und das hat er gut gemacht. Sehr gut.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Denzil MeyrickDer Tote im Kamin
Ein Fall für Inspector Frank Grasby
a. d. Englischen von Sybille Schmidt
DuMont Buchverlag, Köln 2025bei amazon
bei Thalia

Was den Kriminalroman so besonders macht:

  • Kriminalfall mit Witz, Spannung und Nachkriegskolorit
  • Authentischer Ermittler zwischen Ironie und Ernst
  • Meyricks britischer Stil: fein, humorvoll, tiefsinnig

Denzil Meyrick ‘The Dead Man in the Fireplace’. A crime story with character.

In the snow-covered village of Elderby, North York Moors, December 1952, Inspector Frank Grasby discovers a body in a chimney – and soon more will follow. Denzil Meyrick’s crime novel The Body in the Chimney (DuMont) opens a new series that revives the charm of classic British mysteries in a postwar setting.

What begins as a simple investigation turns into a web of deceit, class tension, and moral ambiguity. Grasby, no hero but a war-scarred and self-ironic narrator, stumbles through snow and social pretense with dry wit and reluctant empathy. He is joined by clever Yale intern Daisy Dean and the drowsy Sergeant Bleakly – a trio that brings humor and humanity into the village’s brittle calm.

With sharp observation and period detail, Meyrick recreates the texture of the 1950s: emotional scars, suspicion, and the tentative hope of renewal. Despite its dark undertones, the novel remains lively, humorous, and gracefully written. A perfect holiday crime story – British in spirit, human in essence.

2 Gedanken zu „Denzil Meyrick „Der Tote im Kamin“. Krimi mit Charme“

  1. Pingback: Kulturtipps im Dezember | Murmann Magazin

  2. Pingback: Der Podcast am Sonntag: Denzil Meyrick „Der Tote im Kamin“ |

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert