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Grantchester & Rupert Brooke: Der schönste Mann im schönsten Dorf

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Nur ein paar Häuser am Rande von Cambridge bildeten einst die Heimat großer Geister. Bertrand Russell, Ludwig Wittgenstein, Virginia Woolf, John Maynard Keynes, E. M. Foster, Augustus John u. v. a. trafen sich hier zum Picknick im Ausflugslokal und Park »Orchard« und schwammen in der Cam. Keiner aber hat Ostangliens schönstem Dorf Grantchester so ergreifend gehuldigt wie der Poet Rupert Brooke. Von Stephan Reimertz.

Rund um Cambridge mangelt es nicht an Wanderwegen und parkartigen Ausflugszielen; da ist der alte Römerweg im Wald von Wandlebury, da sind Schloss und Park Wimpole, da ist die mittelalterliche Stadt Ely mit ihrer atemberaubenden Kathedrale. Am leichtesten zu erreichen; nämlich zu Fuß in einer halben Stunde vom Stadtteil Queen Edith’s aus jedoch ist eine kleine Kirche und Handvoll Häuser am Bach, die zusammen eines der schönsten Dörfer Englands bilden: Grantchester.

Rupert Brooke Grantchester
Foto: Stephan Reimertz

Am Ortseingang von Grantchester. Hier sollte man seine Geschwindigkeit nicht nur mit dem Auto reduzieren, sondern auch historisch. Hier ist man in Good Old England angekommen. Die Zeit vergeht langsam oder gar nicht. Kein Wunder, wenn das zwischen Wiesen und Weiden gelegene Dorf bevorzugter Wohnort von Professoren der Universität Cambridge ist und sich hier die höchste Anzahl von Nobelpreisträgern des ganzen Landes finden soll. Man erzählt sich folgenden Witz: Warum wohnen so viele Mathematiker in Cambridge? Weil es hier eine unendliche Anzahl von Tea Parties gibt.

Rupert Brooke Granchester Lord Byron
Foto: Stephan Reimertz

Ausgangspunkt unseres Spaziergangs ist das Addenbrooke’s Hospital, Zentrum einer ganzen Krankenhausstadt am Rande von Cambridge. Derzeit wird hier ein eigener Bahnhof gebaut. Auch hier, mitten in den Gängen des Krankenhauses, gedenkt England seiner Dichter. Wir sehen den auch von Goethe geschätzten Lord Byron, wie er seinen männlichen und weiblichen Verehrern aus seinen Dichtungen vorliest. Wir haben damit das Urbild auch unseres Dichters von Grantchester: Der sportliche schöne Mann, der von beiden Geschlechtern umschwärmt wird. Nun kann unser Spaziergang beginnen. Aber passen Sie auf, wenn sie über die Straße gehen! Der Linksverkehr ist ungewohnt und bringt auch Fußgänger in die Bredouille. Ende April 1975 verunglückte der deutsche Dichter Rolf Dieter Brinkmann in London tödlich, als er die Straße überqueren wollte und von einem Bus erfasst wurde.

Grantchester Rupert Brooke Häuser
Foto: Stephan Reimertz

Jenseits des rabiaten und schematischen Kapitalismus, der in Großbritannien Fuß gefasst hat und der selbst die schönsten Landschaften verschlingt, treten wir hier ein in ein scheinbar unberührtes Stückchen Altes England. Selbst über die Universitätsstadt Cambridge gleich nebenan ist längst ein schamloser und zynischer Heuschreckenschwarm von Käppi- und turnschuhtragenden Touristen eingefallen, die sich zwischen Kettenrestaurants bewegen. Verschwunden sind all die gemütlichen Cafés, in denen Wittgenstein an seinen philosophischen Untersuchungen, Russell an den Principia Mathematica schrieb.  Doch hier in Grantchester kann man unverbaute altenglische Architektur, wie sie immer und überall im Land aus dem geschmacklosen Brutalismus der Moderne heraussticht, noch in ihrer originalen, ewig frischen Form studieren. Manch originelles Haus erquickt schon durch seinen Anblick. In Tweedjackett oder Barbour-Jacke sind Sie hier völlig richtig gekleidet. Sportlich-elegante Clarks oder Maßschuhe sollten etwas robuster sein. In der Übergangszeit kann es am Fluss und auf den Seitenwegen ganz schön matschig werden.

Grantchester Rupert Brooke See Natur Idylle
Foto: Stephan Reimertz

»In Grantchester, in Grantchester! — / Some, it may be, can get in touch / With Nature there…« schrieb Rupert Brooke in seinem berühmten Gedicht »The Old Vicarage, Grantchester« im Mai 1912. Und nun kommt das Überraschende: Keineswegs brachte der Dichter sein Poem an Ort und Stelle zu Papier, wie man vielleicht meinen könnte. Vielmehr schrieb er es im Café des Westens in Berlin, also in wehmütiger Erinnerung. Sein berühmter Text, der im Garten des Ausflugslokals »The Orchard« auf einer Tafel wiedergegeben ist, kontrastiert die Idylle des englischen Dorfes mit dem bunten Durcheinander der kosmopolitischen Großstadt, in der Brooke sich gerade befand.

Grantchester Rupert Brooke Haus See Cam Cambridge
Foto: Stephan Reimertz

Das Flüsschen Cam, von dem Cambridge seinen Namen ableitet, war an dieser Stelle Treffpunkt der schwimmbegeisterten intellektuellen Elite der Vorkriegszeit. Auch heute noch wird der Flusslauf für »wild swimmer« empfohlen, also alle die, die Pools und Schwimmbäder verachten und Meere, Flüsse, Seen und Bäche vorziehen. Doch Einheimische raten vom Baden ab. Leider verfügt Großbritannien über eine mangelhafte Umweltgesetzgebung. Alles ist zugunsten der großen Konzerne ausgelegt, die in die Wasserläufe ihren Dreck und ihre Gifte einleiten dürfen; einer der Gründe dafür, warum der Kapitalismus im Vereinigten Königreich nicht funktioniert und warum das Schlagwort vom »Late Soviet Britain« die Runde macht, nach der in der Cambridge University Press erschienenen Abhandlung der politischen Ökonomin Abby Innes von der London School of Economics.

Grantchester Rupert Brooke Flusslauf Cam
Foto: Stephan Reimertz

Der eine oder andere kann mit englischer Landschaftsmalerei wenig anfangen – bis er die englische Landschaft kennenlernt. Die Wiesen und Weiden, oder hier die Flusslandschaft der Cam Richtung Cambridge, haben ihre eigene Poesie. Wie hier in Grantchester findet man sie immer noch hier und da unverbraucht, selbst auf der Zugfahrt von Cambridge nach London. Sie formte einen Menschentyp, der Freiheitsgefühl, Individualismus und Stil verbindet. Dennoch stößt man dann und wann noch auf typisches selbstironisches Understatement, dezente Exzentrik und natürlichen Wortwitz. Norbert Elias spricht von einer »Ausweitung des ursprünglich auf Oberklassen beschränkten englischen Gentlemankanons in einen verbürgerlichten Aspekt des nationalen englischen Kanons«.

Grantchester Rupert Brooke Old Vicarage
Foto: Stephan Reimertz

Hier stehen wir im Hofe jener Old Vicarage, die Brooke in seinem berühmten Poem meinte. Heute bewohnt Lord Archer die Vicarage, der mit seinen Unterhaltungsromanen Millionenauflagen erzielt. Der Dichter wohnte gleich nebenan und steht nun als Statue im Hof, gekleidet in der Uniform eines englischen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Man kann kaum etwas Ergreifenderes erleben als wenn sich Soldaten des Großen Krieges von verschiedenen Fronten begegnen. Sie standen auf unterschiedlichen Seiten, aber später sind sie Kameraden, die ein gemeinsames Schicksal teilen. Brooke sollte solches Erleben nicht mehr zuteil werden. Er starb als Soldat mit siebenundzwanzig Jahren am 23. April 1915 an Bord eines französischen Krankenhausschiffes. Als Kriegsdichter war er mit einer Reihe von Sonetten berühmt geworden. Sei Tod wirkt wie ein ironischen Kommentar einerseits zum Tode Byrons, andererseits zum Tode all der jungen englischen Soldaten aus allen Schichten, die ihre Heimat verteidigten. Rupert Brooke, der Sänger des Krieges, starb an einem Mückenstich. Er zog sich eine Sepsis zu und wurde gerade nach Gallipoli am Hafen der Insel Skyros transportiert. Sein Grab befindet sich bis heute in einem Olivenhain der Insel. Fast prophetisch hatte er kurz zuvor geschrieben, als Soldat den Tod vor Augen:

If I should die, think only this of me:
That there’s some corner of a foreign field
That is for ever England.

Grantchester Rupert Brooke Porträt
Foto: Stephan Reimertz

Eine intakte Oberschicht und eine tatsächlich regierende Krone machen es einem Dichter leichter zu leben und zu dichten. In keinen Sumpf wird er herabgezogen, weder den des Mittelmaßes noch eines wie immer gearteten Marktes. Rupert Brooke schrieb seine bekanntesten Gedichte im Jahr 1914, als Großbritannien in den Ersten Weltkrieg eintrat. Für Brooke, der schrieb, bevor das volle Grauen des Konflikts erkannt wurde, schienen junge Männer dankbar für die Gelegenheit, für ihr Land zu kämpfen. Der Tod galt als ein Opfer, das es wert war, gebracht zu werden. Brookes Werk wird häufig herangezogen, um ein romantisiertes Ideal des vor­kriegszeitlichen Englands heraufzubeschwören. Sheril Schell nahm dieses Photo 1913 auf, nur zwei Jahre bevor Brooke auf dem Weg zum Kampf bei Gallipoli an einer Infektion starb. Zu Lebzeiten galt der junge Dichter als attraktivster Mann Englands. Dieser Gelatine-Silber-Abzug vom April 1913 wird in der ständigen Sammlung der National Portrait Gallery am Trafalgar Square in London gezeigt.

Grantchester Rupert Brooke Friedhof
Foto: Stephan Reimertz

Blick vom Friedhof in Grantchester of die Church of St Andrew and St Mary, deren älteste Teile aus dem zwölften Jahrhundert stammen. Die Schrecken zweier Weltkriege sind vergessen, und eine korrupte Regierungsschicht glaubt heute in Großbritannien, sich auf neue Weltkriegsabenteuer einlassen zu können. Nach einem raschen Durchlauf immer neuer unfähiger Premierminister in den letzten Jahren, der an italienische Verhältnisse der Siebziger erinnert, sieht das erschöpfte Land nun doch der Möglichkeit einer Friedens- und Volksregierung entgegen. Wenn wir die jungen Dichter des Ersten Weltkriegs wie Rupert Brooke, Wilfried Owen, Isaac Rosenberg, Julian Greenfell, Charles Sorley u. a. heute lesen, alle im Ersten Weltkrieg gefallen, lesen wir ihre Kriegsdichtung als Mahnung zum Frieden. Darüber sollte man die hohe poetische Qualität ihrer Werke nicht übersehen. So erhält ein Gedicht wie »Peace« von Rupert Brooke einen ganz neuen Sinn:

Now, God be thanked Who has matched us with his hour,
And caught our youth, and waked us from sleeping

Collected Poems by Rupert Brooke

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