Mit drei Stücken – Cacti, choreographiert von Alexander Ekman, Impasse von Johan Inger und Bella Figura von Jiří Kylián – starten das Bayerische Staatsballett, das Bayerische Junior Ballett und Mitglieder des Staatsorchesters während der Ballettfestwoche München in beeindruckender Weise in die kommende Saison. Ein fulminanter Auftakt, findet Irma Hoffmann.
CACTI
Mit CACTI, uraufgeführt 2010 durch das Nederlands Dans Theater 2 im Lucent Danstheater in Den Haag, zeigt Alexander Ekman, wie schon eine ganze Reihe von Bildenden Künstlern vor ihm, seinen Kritikern bildlich gesprochen den Vogel. Mit intelligenter heiterer Satire zaubert er den Zuschauern ein Lächeln ins Gesicht. In Cacti tragen Tänzerinnen und Tänzer mit aufgerissenen Mündern stachlige Kakteen als Symbole für die Kritik an der Kunstkritik stolz vor sich her. Kritiker, deren verklausulierte Eischätzungen, insbesondere der zeitgenössischen Kunst, werden auf die Schippe genommen. Dass diese, wenn überhaupt, nur von Insidern wahrgenommen, jedoch Künstler in ihrer Karriere beflügeln, aber auch zerstören können, ist hier das zentrale Thema.

Premiere am 28. März 2026, Eröffnung Ballettfestwoche 2026
Neuproduktion 2025/2026, Premiere am 28.3.2026 (c) Nicholas MacKay
Alexander Ekman hat aufgehört, Kritiken zu lesen, dafür schuf er „… zusammen mit einem Streichquartett … ein rhythmisches Spiel zwischen Tänzern und Musikern, das zur Partitur für Cacti wurde,“ so im Programmheft. Passioniert und in brillant vollendeter Technik bewegen sich die Tänzer zu Musik von Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven und Transformationen von Franz Schubert. Eine Streichquartettformation, Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters, sitzt nicht im Orchestergraben. Als Teil der Choreographie wandert sie mit ihren Instrumenten über die Bühne; keine leichte Übung, besonders für den Cellisten Benedikt Don Strohmeier, aber auch für So-Young Kim und Matjaž Bogataj (Violine) und Tilo Widenmeyer (Viola), denn sie müssen ihre Instrumente herumtragen und ohne Notenblatt spielen. Bruchstücke aus dem originalen Quartettsatz D 810 Schuberts werden in einer Body Percussion durch Atem-, Klatsch- und Klopfgeräusche der Tänzer akzentuiert, danach löst sich der musikalische Koordinator völlig vom Original, zunächst mit einem Walzer und dann im Viervierteltakt, abgestimmt auf die rhythmischen Geräusche der Tänzer.
Highlight ist das interdisziplinäre Zusammenspiel von Live Musik, Tanz und Sprache in dem Pas de deux der beiden Solisten Carollina Bastos und Osiel Gouneo, die sich in schwindelerregend schneller Abfolge geradezu akrobatisch bewegen, während im Hintergrund eingesprochene Texte von Spenser Theberge ihre Gedanken, zeitlich perfekt auf ihre Bewegungen abgestimmt, laut zum Besten gegeben werden.
IMPASSE
Themen in Johan Ingers IMPASSE, wörtlich: Sackgasse, auch ausweglose Situation, Zwangslage, uraufgeführt 2020, sind der isolierte Mensch, Gruppenzwang, Identitätsverlust, Verlust vermeintlicher Gewissheiten, die trotz grundlegender Hoffnungslosigkeit von Witz und Optimismus durchdrungen sind.
Es geht um eine junge Frau, die sich zwischen zwei Männern nicht entscheiden kann; ein Hin- und Her, das dann am Ende in einer Sackgasse der Beziehungen versandet. Vorgeführt von dem brillanten Solistentrio Violetta Keller, Severin Brunhuber und dem in San Francisco geborenen und in Canada ausgebildeten Soren Sakadales, der 2025 zum Demi-Solisten im Bayerischen Staatsballett ernannt wurde. Violetta Keller, die den Part der ambivalenten jungen Frau tanzt, ist seit 2025 als Erste Solistin wieder in München, nachdem sie 2018, direkt nach ihrer Ballettausbildung in Finnland war. Der 1998 in Ingolstadt geborene Severin Brunhuber lebte ab 2003 in Rumänien, wo er auch seine Ausbildung absolvierte; seit November 2024 ist er Demi-Solist des Bayerischen Staatsballetts.

Premiere am 28. März 2026, Eröffnung Ballettfestwoche 2026
Neuproduktion 2025/2026, Premiere am 28.3.2026 (c) Nicholas MacKay
Zunächst erscheint die Solistin vor einem abstrahierten Haus allein auf der Bühne. Durch ein Tor kommen nach und nach immer mehr Personen hinzu. Das Solostück transzendiert theatralisch in eine Zirkusszene, in der bunt Kostümierte zu Latin- und Balkanmusik feiern und alptraumartig wild durcheinander gestikulieren.
„Natürlich wähle ich Musik, zu der ich auch selbst gerne tanzen würde“, meint Inger. Und die Musik von Ibrahim Maalouf enthalte „viele Schichten mit einer extremen Lebensenergie.“ Energiegeladene Musik des 1980 geborenen französisch- libanesischen Trompete und Klavier spielenden Komponisten und Arrangeurs, der bereits mit neun Jahren seinen Vater als Duo-Partner mit einem Barockrepertoire durch Europa und den Mittleren Osten begleitete und virtuos auf einer Trompete mit vier Ventilen arabische Maqam-Musik spielen kann; sowie des 1979 in Israel geborenen Musikers und Choreographen Amos Ben-Tal, der nach einer Tanzausbildung in Toronto 2005 im Nederlands Dans Theater (NDT) sein Debüt als Choreograph gab.
BELLA FIGURA
Vor genau 25 Jahren schuf Jiří Kylián sein vielleicht schönstes Ballett: BELLA FIGURA, was nicht nur schöner Körper bedeutet; im übertragenden Sinn heißt es auch einen guten Eindruck machen oder auch trotz allem eine gute Figur machen.
„Wir bitten Sie darum, in der zweiten Pause den Zuschauerraum zu verlassen,“ lautet eine Anweisung im Programmheft, die man erst versteht, wenn man nach der Pause den Zuschauerraum wieder betritt: auf der Bühne bewegen sich die Tänzer nahezu lautlos, während das Publikum sich lärmend plaudernd zu seinen Sitzplätzen bewegt. Ist Wahrnehmung von Tanz ohne musikalische Begleitung nur schwer möglich? Eine beeindruckende Performance, die die Frage aufwirft: Wann beginnt eigentlich eine Aufführung? Mit dem Öffnen des Vorhangs? Oder in dem Moment, in dem das Orchester zu spielen beginnt? „Ist die Aufführung zu Ende, wenn sie (die Tänzer) die Bühne verlassen, oder dauert sie bis zum Ende unseres Lebens an?“ fragt sich Jiří Kylián, und: „Wo liegt die Grenze zwischen Kunst und Künstlichkeit?“

Premiere am 28. März 2026, Eröffnung Ballettfestwoche 2026
Neuproduktion 2025/2026, Premiere am 28.3.2026 (c) S. Gherciu
Neun nackte Körper in Rückansicht, ab der Hüfte in glänzend rot leuchtenden aufgebauschten Röcken, bewegen sich in einer von der Seite her beleuchteten und ansonsten im Dunkeln gehaltenen Szene zu barocken Variationen des Deutsch-Amerikaners Lukas Foss (1922-2009) und zu barocken Kompositionen von Alessandro Marcello (1673-1747), Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736), Giuseppe Torelli (1658-1709) und Antonio Vivaldi (1678-1741).
Dass in Bella Figura Tänzerinnen und Tänzer mit nacktem Oberkörper auftreten, hat, so Kylián, nichts Sexuelles; er meint es eher als Gleichstellungsmerkmal für beide Geschlechter. Er habe aber auch Verständnis, wenn Tänzerinnen damit ein Problem haben. Auch die Betreiber der jeweiligen Theater sehen das sehr unterschiedlich: So verlangten sie in Bangkok die Bedeckung der Brüste, in Südamerika dagegen nicht.
Zentrales Thema Kyliáns ist das Erscheinen und Verschwinden von Menschen; er variiert die Mittel: das Erscheinen und Verschwinden vor und hinter dem Vorhang in der Tanzszene bevor das Publikum sitzt; mit einer Tänzerin, die abwechselnd hinter den Falten des Vorhangs verdeckt ist und wieder sichtbar wird; Tänzer, die einmal in den Armen einer Person liegen und ihnen dann wieder entgleiten. Auch spielt er mit dem Licht und – am Ende der Vorstellung – mit echtem Feuer auf der Bühne, das, wie in dem Einführungsvortrag zu erfahren war, jeden Vorstellungsabend von einem speziell dafür eingesetzten Feuerwehrmann bewacht wird.
Kiliáns Perfektionismus ist legendär, indem er die Kunst des Tanzes mit Kalligraphie gleichsetzt: „Ein Kalligraph … wählt sorgfältig einen Pinsel aus … drückt mit einem Strich genau das aus, was er meint.“ Korrekturen seien unmöglich. Er suche „… diesen einen unvergleichlichen Moment, der nie mehr zurückkommt.“
Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.
| Common Ground Dreiteiliger Ballettabend („Cacti“ 2010, „IMPASSE“ 2020, „Bella Figura“ 1995) | Choreographie Alexander Ekman, Johan Inger, Jiří Kylián. Musik Ludwig van Beethoven, Joseph Haydn, Franz Schubert (Arr. Andy Stein), Ibrahim Maalouf, Amos Ben-Tal |
| Bayerisches Staatsballett München | Vorstellungen um 18:00 Uhr: 4.6./ 7.6. /25.10.2026 um 19:00 Uhr: 08.11.2026 um 19:30 h: 16.4./20.4./23.4./25.4./14.7./17.10./28.10./30.10./14.11.2026 |
Das Wichtigste in Kürze
- Satirische Kakteen-Choreografie mit Live-Streichquartett
- Impasse als energetisches Beziehungs-Labyrinth zur Musik Maaloufs
- Bella Figura zwischen Stille, barocken Klängen und echtem Feuer
Ballettfestwoche München (Munich Ballet Festival): Common Ground in Dance
The three-part evening “Common Ground” opens the Ballet Festival Week of the Bavarian State Ballet at Munich’s National Theatre. In “Cacti”, Alexander Ekman counters overintellectualized art discourse with playful satire: dancers carry cacti as trophies of criticism, while a roaming string quartet fuses with body percussion and classical fragments by Haydn, Beethoven and Schubert.
In Johan Inger’s “Impasse”, a young woman caught between two men drifts into an emotional dead end. Outstanding soloists drive the piece from intimate studio atmosphere into an excessive circus vision, as the multilayered, high-energy music by Ibrahim Maalouf and Amos Ben-Tal makes inner pressure audible.
Jiří Kylián’s “Bella Figura” ultimately challenges the audience’s perception. The beginning shifts to the moment when spectators noisily re-enter the auditorium while the dancers are already moving in near silence on stage. Red skirts glowing in the half-light, bare upper bodies without erotic intent, baroque scores and real fire at the end sharpen the gaze for appearing and vanishing. Kylián’s legendary perfectionism aims at that single, unrepeatable instant in which dance burns itself into memory like a calligraphic stroke.
