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Mariana Travacio: „Ein Mann namens Loprete“

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Buch Literatur

Es gibt Romane, die nicht viel Platz brauchen, um eine ganze Welt zu öffnen. „Ein Mann namens Loprete“ von Mariana Travacio gehört zu dieser Sorte Buch. 128 Seiten, 62 kurze Kapitel – doch der Nachhall ist enorm. Westernmäßig ausgedrückt klingt das so: Ein Text wie ein trockener Windstoß über staubigem Boden – scharf, knapp, unbarmherzig.

Die argentinische Autorin Mariana Travacio, 1967 in Rosario geboren, ausgebildete Psychologin und auch als Übersetzerin tätig, ist längst eine feste Größe der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur. In ihrem Roman schreibt sie mit einer Präzision, die man fast körperlich spürt. Sie braucht keine großen Gesten, um zu beeindrucken. Sie vertraut auf das, was zwischen den Zeilen geschieht – und genau dort entfaltet sich die eigentliche Wucht dieses Romans.

Gewalt ohne Pathos

Die Geschichte beginnt in einer Bar, irgendwo im Nirgendwo Argentiniens. Ein Mann betritt den Raum: „Ich suche Pepa.“ Die Frau sei ihm „abhanden gekommen“. Weggelaufen trifft es eher. Ein kurzer Wortwechsel mit dem Wirt El Trano folgt, doch er und die beiden anderen Männer in der Bar –Manoel, sein Ziehsohn und Juancho, ein Freund –  wissen nichts über die Frau. Und dann geht etwas schief. Wenige Gläser Gin später liegt der Mann, der sich Loprete nennt, tot am Boden – erstochen und hastig verscharrt. Was genau passiert ist, ist eine der vielen Leerstellen, die Mariana Travacio meisterhaft in ihrem kurzen Debütroman einsetzt. Entscheidend ist: Der Tote war ein Loprete. Und die Lopretes sind viele. Und diese vielen schwören Rache für den toten Bruder. Gleichzeitig erfährt Manoel, dass ein Loprete seine Eltern ermordet haben soll. Plötzlich wird aus Angst vor der Rache der Lopretes Wut auf die grausame Familie und aus dieser Wut wächst erneut Rache. Ein verhängnisvoller Sog, der alle mitreißt.

Was folgt, ist eine Spirale der Gewalt. Männer töten, weil sie glauben, töten zu müssen. Frauen dulden, schweigen oder werden wahnsinnig, weil ihnen nichts anderes bleibt. Und die Landschaft – staubig, weit, zeitlos – bildet die grandiose Kulisse des Geschehens. Travacio erzählt ohne moralische Einordnung oder psychologische Ausleuchtung. Die Emotionen bleiben im Hintergrund und gerade dadurch trifft jede Szene härter.

Mariana Travacio Ein Mann namens Loprete
Cover: Pendragon Verlag

Ein Western ohne Cowboys

All dies zusammen wirkt wie das Setting eines Spätwesterns, wenn man das Genre weit genug fasst: ein Dorf, ein Großgrundbesitzer, Armut, Hitze, Pferde, Karren und ein paar Traktoren, die andeuten, dass die Moderne irgendwo vor der Tür steht, aber längst noch nicht angekommen ist. Die Welt von Manoel, El Trano und den Lopretes ist rückständig, brutal und von Männlichkeitsritualen durchzogen. Und Travacio findet dazu den passenden Stil: Sie beschreibt nicht, wie Schmerz sich anfühlt. Sie zeigt Situationen, in denen Schmerz stattfindet. Der Leser füllt die Lücken – und spürt plötzlich mehr, als Worte je hätten ausdrücken können.

Gesagtes im Ungesagten

Mit „Ein Mann namens Loprete“ zeigt Mariana Travacio, wie intensiv Literatur sein kann, wenn man sich auf das Wesentliche beschränkt und den Mut hat, Spannung aus dem zu schöpfen, was ungesagt bleibt – und damit eine ganz eigene Sprachpoesie entfaltet.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Mariana TravacioEin Mann namens Loprete
Übersetzung: Kirsten Brandt
Pendragon Verlag
Bielefeld 2025
bei amazon
bei Thalia

Das Wichtigste in Kürze

  • Sprachgewalt in radikaler Reduktion
  • Archetypische Rachegeschichte ohne Pathos
  • Karge, zeitlose Landschaft als Spiegel der Schuld

Mariana Travacio: „Ein Mann namens Loprete“

Some novels need little space to open an entire world. A Man Named Loprete by Mariana Travacio is one of them. In just 128 pages, the Argentine author unfolds a landscape of violence, silence, and unspoken longing. In a remote Argentinian bar, a man searches for his vanished wife – soon afterward he is dead. His name: Loprete. His family: powerful and vengeful. From one killing unfolds a spiral of retribution that drags everyone down. Travacio tells it with no pathos, yet with an intensity that feels almost physical.

The power of the unsaid

Her prose is tight, precise, and hauntingly calm. She does not describe emotions – she evokes them. The barren, timeless landscape mirrors the void within her characters. It is a western without cowboys, driven by archaic force.Travacio shows that literature can achieve deep impact by trusting the unspoken. A novel of unsettling linguistic power.

1 Gedanke zu „Mariana Travacio: „Ein Mann namens Loprete““

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