„Tradition und Aufbruch“ lautete die Headline, die imaginär über den Salzburger Osterfestspielen 2026 schwebte. Und ja: Im Rückblick betrachtet changierten die Salzburger Osterfestspiele 2026 zwischen Sinfonie, Oratorium sowie orchestraler und gesanglicher Opulenz: Joseph Haydns Die Schöpfung (1796/98), Hector Berlioz’ Symphonie fantastique (1830), das Violinkonzert von Max Bruch (1866/68), Antonín Dvořáks 8. Sinfonie (1890) und Gustav Mahlers 8. Sinfonie mit dem Beinamen Symphonie der Tausend (1910). Von Barbara Röder.
„Allem Anfang wohnt ein Zauber inne …“
— Hermann Hesse (Stufen, 1941)
Glückvolle Momente begannen mit Richard Wagners Das Rheingold als Herzstück. Wagners Ring kann als monumentale Großsymphonie betrachtet werden: Das Rheingold als 1. Satz mit Thema und Exposition, Die Walküre als 2. Satz, ein Adagio, Siegfried als 3. Satz, ein Scherzo, und Götterdämmerung als 4. Satz, das Finale. So verstanden standen die ausgewählten Werke der diesjährigen Salzburger Osterfestspiele im Zeichen der Anfänge — und der Suche nach dem Ewigen in der Kunst. Sind wir nicht alle ein wenig dem Zauber des Anfangs verfallen? Jenem Moment, in dem Kunst, eine Begegnung, die Zeit außer Kraft setzt? Die Zeit aufzuheben sei das Privileg von Meistern, postulierte einst der niederländische Weltpoet Cees Nooteboom. Den Werken der Musikpoeten Haydn oder Berlioz sei nochmals nachgespürt.
Licht und Schöpfung
Mit Haydns Oratorium Die Schöpfung, einem Meisterwerk, das demütig auf die Erschaffung der Welt blickt, wandern Blick und Ohr hinein in die Zeit der Aufklärung. Der Mensch wird sich seiner selbst bewusst. „La Lumière“, Licht, umgibt den Aufbruch in eine neue Epoche. Haydns Schöpfung lebt aus diesem Geist heraus. 1791, als Haydn nach dreißig Jahren am Hofe Esterházy nach dem Tod seines Brotgebers und Dienstherrn Fürst Nikolaus Esterházy als freier Komponist nach England reiste, wurde er dort enthusiastisch empfangen. Die Briten verehrten Haydn und feierten ihn als „Shakespeare der Musik“.
Haydns Begeisterung für das Oratorium in Originalsprache wurde vom niederländisch-österreichischen Diplomaten, Kunstliebhaber und Barockenthusiasten Baron Gottfried van Swieten (1733–1803) geweckt, der während seiner Londoner und Berliner Amtszeit Händelsche Oratorien gehört hatte. Als Sammler zahlreicher Partituren barocker Meister initiierte van Swieten, wieder in Wien ansässig, ab 1782 in seiner Wohnung in der Renngasse opulente Soireen, die die Werke Bachs und Händels in den Mittelpunkt stellten. Für die öffentlichen Händel-Oratorienabende stand kein Geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart am Pult. Dieser bearbeitete und instrumentierte 1789/90 die Oratorien Acis und Galatea, den Messias, das Alexanderfest und die Cäcilienode des britischen Nationalkomponisten Händel.
Haydn ließ nach seiner Reise nach London die Begeisterung für Händels Werk nicht mehr los. 1795, zurück in Wien, suchte Haydn mit der Idee und den Schriften für ein Schöpfungs-Oratorium, die auf John Miltons (1608–1674) Epos Paradise Lost zurückgingen, van Swieten auf. Dieser schuf begeistert ein Libretto, das die ersten sechs Tage der Schöpfung zum Inhalt hat und aus Bibeltexten (Genesis, Psalmen) sowie Teilen von Miltons Paradise Lost besteht. Jahre später sollte er ebenfalls die Texte für Haydns Oratorium Die Jahreszeiten verfassen.
Am 29. und 30. April 1798 fanden die ersten Aufführungen der Schöpfung unter großem Jubel im Wiener Palais des Fürsten Schwarzenberg statt. Die erste öffentliche Aufführung folgte im März 1799 im Wiener Burgtheater. Das Publikum geriet in Taumel. Haydn selbst dirigierte sein Oratorium, Hofkapellmeister Salieri spielte das Cembalo. „Man muß zärtliche Tränen über die Größe, die Majestät, die Güte Gottes vergießen. Die Seele ist erhoben“, ließ Fürstin Eleonore von Liechtenstein ihrer Tochter schriftlich mitteilen. Als „… eine wahre Phantasie eines großen Geistes …“ wurde die zweite Berliner Aufführung des Oratoriums Die Schöpfung von Johann Friedrich Reichardt in der Allgemeinen musikalischen Zeitung im Januar 1801 gefeiert.
Begeisterung und geistig-sinnliche Klänge des Wohllauts erlebten auch die Zuhörer beim „Schöpfungs-Oratorien-Wunder“ mit dem britischen Dirigenten Daniel Harding, den Berliner Philharmonikern, dem Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung: Peter Dijkstra) und drei fulminanten Solisten im Saal des Großen Festspielhauses Salzburg.
Besessene Fantasie
Ein in Töne gegossenes Künstlerleben als Antiheldenroman oder: Das Ich dreht durch im Liebeswahn
Dem Zauber des Anfangs erlag auch einer der innovativsten französischen Romantiker: Hector Berlioz. Er verkörpert mit seiner Symphonie fantastique den Inbegriff des Künstlers, der seine musikkompositorische Seele der „Schwarzen Romantik“ verschrieben hat. War es so, oder lesen wir dies aus allen Texten über das französische Erneuerungsgenie, den akribischen Suchenden nach Ungehörtem und nach gerade erst erfundenen, ausgetüftelten Instrumenten heraus? Eine fulminante Instrumentenkunde hat Berlioz hinterlassen, die kein Geringerer als Richard Strauss ergänzt und revidiert hat.
Stendhal (Marie-Henri Beyle) hat in seinem 1822 erschienenen Oeuvre De l’amour (Über die Liebe) den psychologischen Prozess des Verliebens aufs Minutiöseste beschrieben. Darin klingt der Weg des Verliebens, der erste Augenblick des Fühlens für den Anderen, der Anfang des Liebens recht romantisch. „Kristallisation“ nennt Stendhal die Phase, in der die Fantasie beginnt, die geliebte Person zu idealisieren und sie mit neuen, vollkommenen Eigenschaften zu versehen. Nicht so bei Berlioz: Seine Kristallisation gebiert die „Idée fixe“. Berlioz hat aus seiner obsessiven Verliebtheit zur gefeierten irischen Shakespeare-Darstellerin Harriet Smithson ein inneres künstlerisches Feuer entfacht. Seine fünfsätzige Symphonie ist ein in Töne gegossener Exzess seines Leibes, seines Herzens und seiner Seele. Detailgetreu beschreibt Berlioz — der alles Kompositorische seinerseits kommentierte, auch dies eine Form der Besessenheit — die in den Opiumwahn mündende Verliebtheit, in welcher die zur verzerrten „Kristallisation“ gewordene Angebetete im Finalsatz zum Hexensabbat tanzt, umwogt von mittelalterlichen Dies-irae-Klängen und einer fratzenhaft leittonartigen Klarinettenmelodie.
„Die geliebte Melodie erscheint erneut, aber sie hat ihren noblen und scheuen Charakter verloren, ist nichts anderes mehr als eine gemeine Tanzmelodie, trivial und grotesk“, kommentiert Berlioz dieses schauerlich-schöne Ende. Zuvor streift die als Harriet-Sehnsuchtsmotiv erklingende „Idée fixe“ wie ein klanggewordener Geist durch alle vier Sätze der Symphonie. Berlioz scheint musikalisch die Nacht- und Schattenseiten seines Inneren bloßzulegen und den Schlaf, der Gespenster gebiert, in ein tönendes, seinem Ausdruckswillen immanentes Gewand zu kleiden. Laut Pierre Boulez, einem profunden Kenner der Werke Hector Berlioz’, warfen dessen Zeitgenossen ihm „Gigantomanie“, seine Vorliebe für grelle Effekte und falschen Glanz vor. Heute gilt Berlioz gewiss als Fantast, Visionär und Pionier der Erkundung spezifischer Eigenarten neuer Musikinstrumente und ihrer kompositorischen Kombination. Und er ist ohne Zweifel der Vorreiter, der Kreator der klassisch-romantischen Programmmusik.
Waren wir bereits in Haydns Die Schöpfung von minimaler Programmmusik berauscht, wenn in fliegenden Wolken (Streichertremolo) Insekten surrten, sich „am Boden das Gewürm“ langsam dahinschlängelte oder Adler und Löwe — das Wappen der habsburgischen Kaiserfamilie — oratorisch erklangen, so stürzte uns die geisterhaft schwarze, traumverlorene Symphonie fantastique unter dem überschäumenden, musikalisch geschmackvollen wie bewegenden Dirigat von Tugan Sokhiev in eine gänzlich andere, geheimnisvolle Welt. Werden und Vergehen, Anfang einer schlichten Idee, die aufblühende Liebe, die Suche des Liebenden nach Erfüllung und Wahrnehmung, vielleicht wieder die Suche nach dem Ewigen, welches der „Idée fixe“ immanent ist — all dies tariert Sokhiev klangbeseelt aus. Bei den fulminant aufspielenden Berliner Philharmonikern klingt selbst das Groteske liebevoll, die Opulenz des großen Finales, des Hexensabbats, schrecklich schön.
Arkadische Fantasien und böhmischer Wohllaut
Höchste Konzentration auf den Klang und die Farbintensität der Orchesterstimmen im Dialog mit der Solo-Violine zelebrierte Tugan Sokhiev in Bruchs erstem Violinkonzert gemeinsam mit der Geigerin Janine Jansen, Trägerin des Herbert-von-Karajan-Preises der Salzburger Osterfestspiele. Große rhapsodische Bögen, geschmeidig perlende Läufe und tiefe Musikalität wohnten der spieltechnisch brillanten Interpretation der Ausnahmegeigerin inne. Jansen musiziert ganz aus ihrer schwebenden Körpermitte heraus: fein und kraftvoll zugleich. Umwerfend! Bruch, der sein bis heute unbestritten populärstes Werk ursprünglich Fantasie nennen wollte, ließ sich von dem Jahrhundertgeiger Joseph Joachim dazu überreden, es als Violinkonzert zu bezeichnen.
In Antonín Dvořáks 8. Sinfonie entführten der Dirigent und das Be Phil Orchestra am Gründonnerstag in ländlich-arkadische Sphären. Dvořáks weniger bekannte 8. Sinfonie ist — noch bevor der Komponist mit seiner 9. Sinfonie in Amerika sinfonisches Neuland betrat — ein musikalisch den böhmischen Zungenschlag atmendes Werk, in das wir uns hemmungslos verlieben können. Sokhiev lässt dem 3. Satz, dem beschwingt-luftigen Allegretto grazioso, freien Raum zum Atmen, Tanzen und Jubilieren. Dieser Satz versetzt uns atmosphärisch in eine andere Welt, lässt uns verwandelt zurück und erkennen, was wir lieben.
Frenetischer Jubel und große Begeisterung bei beiden Konzerten mit dem Dirigenten Tugan Sokhiev, der Violinistin Janine Jansen und den berückend-magisch spielenden Berliner Philharmonikern sowie dem Be Phil Orchestra!
Das Wichtigste in Kürze
- Haydns „Schöpfung“ als leuchtender Ursprung
- Berlioz’ „Symphonie fantastique“ als Exzess
- Sokhiev, Jansen und Berliner Philharmoniker in Hochform
Salzburger Osterfestspiele (Salzburg Easter Festival): In Search of the Eternal
The 2026 Salzburg Easter Festival unfolded under the theme “Tradition and Renewal,” presenting a panorama of musical beginnings. At its core stood Wagner’s Das Rheingold, conceived as the opening movement of a symphonic Ring cycle, alongside works by Haydn, Berlioz, Bruch, Dvořák, and Mahler.
Haydn’s The Creation opened a sound world shaped by Enlightenment ideals. Inspired by Handel and encouraged by Baron van Swieten, Haydn created a work of luminous clarity and spiritual breadth, vividly brought to life by Daniel Harding, the Berlin Philharmonic, and the Bavarian Radio Chorus.
In stark contrast, Berlioz’s Symphonie fantastique emerged as an obsessive sonic vision, driven by the recurring idée fixe and culminating in a grotesque witches’ sabbath. Conductor Tugan Sokhiev shaped its extremes with precision and sensitivity.
Bruch’s Violin Concerto, performed by Janine Jansen, and Dvořák’s Symphony No. 8 introduced lyrical and pastoral dimensions. Sokhiev balanced transparency and emotional depth, leading to an enthusiastically received series of performances.




