Kolumne von Susanne Falk.
Viele von ihnen sind absichtlich hierhin gestellt worden, einige hat man schlichtweg an diesem Ort vergessen. Am Ende findet sich aber für jedes von ihnen ein Platzerl: Die Bücher in meiner Ferienwohnung sind ein irrwitziges Sammelsurium an klugen, schrägen oder schlichtweg merkwürdigen Reisebegleitern, den Menschen, die sie hiergelassen haben, vielleicht gar nicht mal so unähnlich.
Wir urlauben gerade am Grundlsee. Zum dritten Mal! Bei der Herfahrt hab ich mich plötzlich gefragt, ob ich ab jetzt zu den Menschen gehöre, die immer an die gleichen Urlaubsorte fahren, wo sie schon alles kennen und daher glauben, sie seien vor jeglichen Überraschungen sicher. Selten war ich so deprimiert über mich selbst, wie in dem Moment, in dem ich mich vor meinem geistigen Auge noch als 80-jährge voll Begeisterung lokale Wurstspezialitäten im örtlichen Unimarkt einkaufen sah. Das waren fünf sehr traurige Minuten einer ansonsten hochgradig entspannten Zugfahrt. Bis ich erneut vor dem unglaublichen Panorama des Grundlsees stand und dachte: Scheiß drauf! Schön ist schön! Ist doch nicht mein Problem, dass ich den besten Urlaubsort der Welt gefunden habe, während alle anderen noch weitersuchen müssen…
Ich bin jetzt Ende vierzig. Meine Experimentierfreudigkeit nimmt seit Jahren rapide ab. Ich mag meine Komfortzone. Darin kenne ich mich aus. Doch ab und zu juckt es mich, im Leben etwas Neues auszuprobieren. Neulich war ich zum Beispiel auf meiner ersten Ü-30-Party. Für jemanden, der demnächst nicht mehr nur Ü-40 sondern schon Ü-50 sein wird ein ziemlich spätes Ereignis im Leben. Es war erstaunlich lustig und ziemlich lehrreich, was die Sozialstudie im VIP-Bereich zutage brachte (Noch nie so viele teure Nasen-Operationen gesehen!) und dass in der richtigen Begleitung alles Spaß machen kann. Sogar Ü-30.
Nun sitze ich an einem Regentag in einer mir vertrauten Ferienwohnung an einem vertrauten See und suche nach der richtigen Begleitung, die mich aus meiner Komfortzone hinaustreibt. Als Programmmanagerin eines Sachbuchverlags schau ich natürlich zuerst die Sachbücher im Regal an. Es ist sogar ein mir bis dato nicht bekanntes Werk meines eigenen Verlags dabei, genauer gesagt vom Verlagsgründer Fritz Molden selbst, das genauso alt ist wie ich: „Fepolinski und Waschlapski auf dem berstenden Stein. Bericht einer unruhigen Jugend“. Könnte ich natürlich lesen, fühlt sich aber irgendwie wie Arbeit an. Dann wäre da noch eine zweisprachige Gedichtsammlung (Polnisch/Deutsch) von Alexander Lernet-Holenia, Titel „Germanien“. Nein danke, oder, besser gesagt. Nie, dziękuję! Und dann wäre da noch Joachim Meyerhoff mit „Alle Toten fliegen hoch. Amerika”. Mag ich sehr, kenn ich aber schon.
Ich bin mir natürlich nicht sicher, welcher Menschenschlag freiwillig Lernet-Holenia liest, kann mir aber gut vorstellen, wer Joachim Meyerhoff hiergelassen hat. Trotzdem: Außerhalb meiner Komfortzone liegt das alles nicht. Ich lese ohnehin gerne recht wahllos drauflos, was mir zwischen die Finger kommt. Was ich dagegen nicht so gerne tue: Wandern im Regen. (Trauma meiner Wandertag-erprobten Jugend.) Tief durchatmen, Susanne, denke ich. Dann hole ich den mitgebrachten Friesennerz heraus und stapfe los. Es reicht allerdings nur für einen Spaziergang bis zum Unimarkt, wo ich mich ziemlich lange vor den örtlichen Wurstspezialitäten aufhalte und am Ende doch zum Käse greife. Immerhin. Morgen wird das Wetter wieder besser. Da kann ich dann den Meyerhoff zum Badeplatz mitnehmen. Und ein Käsebrot. Obwohl mir Wurst lieber gewesen wäre.
My Books! „The comfort zone“. Column by Susanne Falk
Many of them were placed here on purpose, some were simply forgotten in this spot. In the end, however, each one finds its little place: the books in my holiday apartment are a absurd jumble of clever, quirky or downright strange travel companions — perhaps not all that different from the people who left them behind.
We’re currently vacationing at Lake Grundlsee. For the third time! On the way here, I suddenly wondered whether I now belong to those people who always go to the same holiday destinations, where they already know everything and therefore believe they are safe from any surprises. Rarely have I been so depressed by myself as in the moment when I imagined my future 80-year-old self enthusiastically buying local sausage specialties in the local Unimarkt. Those were five very sad minutes in an otherwise highly relaxed train journey. Until I once again stood in front of the incredible panorama of the Grundlsee and thought: Screw it! Beautiful is beautiful! It’s not my problem that I found the best holiday spot in the world while everyone else still has to keep searching …
I’m now in my late forties. My willingness to try new things has been rapidly declining for years. I like my comfort zone. I know my way around it. But every now and then I get the itch to try something new in life. Recently, for example, I went to my first over-30 party. For someone who will soon not only be over-40 but already over-50, this is a rather late event in life. It was surprisingly fun and fairly educational – especially the sociological study in the VIP area (never seen so many expensive nose jobs!) and that in the right company everything can be fun. Even an over-30 party.
Now I’m sitting on a rainy day in a familiar holiday apartment on a familiar lake and looking for the right company to push me out of my comfort zone. As a program manager at a non-fiction publishing house, of course I first look at the non-fiction books on the shelf. There is even a work by my own publishing house that I didn’t know before – to be precise, by the publisher’s founder Fritz Molden himself, and it’s exactly as old as I am: “Fepolinski and Waschlapski on the Bursting Stone. Report of a Restless Youth.” Of course I could read it, but somehow it feels a bit like work. Then there is a bilingual poetry collection (Polish/German) by Alexander Lernet-Holenia, titled “Germanien.” No, thanks — or, better said: nie, dziękuję! And then there’s Joachim Meyerhoff’s “All the Dead Fly High. America.” I like it a lot, but I already know it.
Of course, I’m not sure what type of person voluntarily reads Lernet-Holenia, but I have a pretty good idea who left the Meyerhoff here. Still: none of this lies outside my comfort zone. I like reading rather randomly whatever comes to hand anyway. What I don’t like doing so much: hiking in the rain (a trauma from my school hiking-day-ridden youth). Take a deep breath, Susanne, I think to myself. Then I pull out the oilskin jacket I brought along and trudge off. It only gets me as far as the Unimarkt, where I spend quite a while in front of the local sausage specialties and end up choosing cheese instead. At least that. Tomorrow the weather is supposed to get better. Then I can take the Meyerhoff to the swimming area. And a cheese sandwich. Even though I would have preferred sausage.

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