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Meine Bücher! „Voll geheim“

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Meine Bücher Kolumne Susanne Falk

Kolumne von Susanne Falk

Ich gebe es zu: Auch ich schaue ab und zu einfach mal Blödsinn im Netz. Und bin dabei kürzlich auf ein Phänomen gestoßen, bei dem Allgemeinwissen als Geheiminformation für Eingeweihte verkauft wird. Oder wussten Sie etwa noch nicht, dass Sütterlin ein „Geheimcode“ ist?

Zugegeben, meine Studentinnen haben auch etwas gestaunt, als ich ihnen ein Kinderbuch in Sütterlin Druckschreibschrift aus den 1920ern vorlegte und nein, den Begriff Sütterlin hatten sie noch nie gehört. Dann werde es dringend Zeit, sagte ich, immerhin seien sie schon im Masterstudiengang und ich erklärte ihnen kurzerhand, was es mit dieser angeblichen „Geheimschrift“ so auf sich hatte. Dazu erzählte ich die Anekdote, wie mein armer Patenonkel, der ausgerechnet dann in die Grundschule kam, als man dort für kurze Zeit ausschließlich Sütterlin unterrichtete, später niemals in der Lage war, eine lateinische Schreibschrift zu entwickeln. Er schrieb seine Urlaubspostkarten an die Verwandtschaft folgerichtig bis ins hohe Alter in lateinischen Druckbuchstaben, weil kaum einer mit der Kurrentschrift etwas anfangen konnte oder wollte.

Im Archiv musste ich zahlreiche in Kurrent abgefassten Briefe entziffern und nein, das wird mit Zeit und Übung nicht einfacher, denn Handschriften sind heute noch so verschieden, wie sie es damals schon waren und man muss sich erst jedes Mal an eine neue Handschrift gewöhnen, bevor man sie wirklich entziffern kann. Gut für die Nachlassaufbereitung einer Einzelperson, schlecht zum Bearbeiten von Archivbeständen mit tausenden verschiedenen Absendern und Adressaten. Aber ich wusste zumindest sehr schnell, was Sütterlin war und ist. Nun brachte ich es meinen Studentinnen bei, weil wir über Schrifttypen redeten und dachte, damit wäre das Thema dann auch schon wieder erledigt. Wen interessiert schon eine Schrift aus dem beginnenden 20. Jahrhundert? Bis ich auf ein Kurzvideo stieß, dass mir ebendiese Schrift als Mega-Ding verkaufen wollte, à la: Hast du gewusst, dass diese Schrift heute keiner mehr lesen kann? Aber auch du kannst diese Geheimschrift mit etwas Übung erlernen!

Ich musste sehr an meinen Patenonkel denken, der Zeit seines Lebens sicher nicht darüber im Bilde gewesen ist, dass er in den 1920ern einem Schreibschriftgeheimbund angehört hatte. Er war damals ja auch bloß sechs Jahre alt und wuchs blöderweise in Schwaben auf. Schwäbische Kinder musste zu dem Zeitpunkt eben Sütterlin lernen. Und ich weigere mich bis heute an eine Verschwörungstheorie über schwäbische Schulkinder zu glauben… Stattdessen stellte ich fest, dass ich mich ärgerte. Sütterlin mag weitgehend unbekannt und darüber hinaus schwer lesbar sein, aber geheim ist daran gar nichts. Man wird jetzt nicht gerade zum Spion, nur weil man das „S“ anders schreibt als andere Leute. Dennoch wurde hier simples Schulkinderwissen von vor 100 Jahren als etwas vermeintlich Neues weil Unbekanntes weil Wiederentdecktes verkauft. Was mich zu der Frage bringt, ob das heute eigentlich mit vielen Dingen so funktioniert: Was für altes Wissen wird heute eigentlich im Netz als Erkenntnis des Jahrhunderts angepriesen? Blut geht mit kaltem Wasser heraus? Kartoffeln darfst du nicht mit Silbermessern zerschneiden? Grönland gehört zu Dänemark?

Wissen ist Macht, schon klar. Aber manchmal ist Wissen eben einfach nicht neu. Nur die Unwissenheit bei einigen Menschen ist schlichtweg zu groß. Was jetzt auch nur eine nette Umschreibung ist für „alle doof“. Aber schreiben Sie das mal in Sütterlin…

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My Books!Top Secret

Column by Susanne Falk

I’ll admit it: I, too, occasionally just look at nonsense on the internet. And recently I came across a phenomenon in which general knowledge is sold as secret information for insiders. Or did you perhaps not yet know that Sütterlin is a “secret code”?

Admittedly, my students were also a bit astonished when I presented them with a children’s book printed in Sütterlin cursive from the 1920s – and no, they had never heard the term Sütterlin before. Then it was high time, I said; after all, they were already in a master’s program, and I promptly explained to them what this supposed “secret script” was all about. In doing so, I told the anecdote of my poor godfather, who happened to start elementary school at precisely the time when, for a short period, only Sütterlin was taught there, and who later was never able to develop a Latin cursive handwriting. He therefore wrote his holiday postcards to relatives in Latin block letters well into old age, because hardly anyone could make sense of – or wanted to deal with – the Kurrent script.

In the archive, I had to decipher numerous letters written in Kurrent, and no, it does not get easier with time and practice, because handwriting was just as varied then as it is today. Each time, you first have to get used to a new hand before you can really decipher it. Good for processing the estate of a single individual, bad for working through archival holdings with thousands of different senders and recipients. But at least I knew very quickly what Sütterlin was and is. I then taught it to my students because we were talking about typefaces and thought the topic would be settled again right away. After all, who is interested in a script from the early 20th century? Until I came across a short video that wanted to sell me precisely this script as a huge thing, along the lines of: Did you know that hardly anyone today can read this script anymore? But you, too, can learn this secret script with a bit of practice!

I couldn’t help thinking of my godfather, who surely never realized in his life that in the 1920s he had belonged to a secret cursive-writing society. After all, he was only six years old at the time and, unfortunately, grew up in Swabia. Swabian children simply had to learn Sütterlin back then. And to this day I refuse to believe in a conspiracy theory about Swabian schoolchildren… Instead, I noticed that I was getting annoyed. Sütterlin may be largely unknown and, beyond that, hard to read, but there is nothing secret about it. You don’t exactly become a spy just because you write the letter “S” differently from other people. And yet here, simple schoolchildren’s knowledge from 100 years ago was being sold as something supposedly new because it was unknown – because it had been rediscovered. Which leads me to the question of whether this is how many things work today: What kind of old knowledge is now being touted on the internet as the insight of the century? Blood comes out with cold water? You’re not allowed to cut potatoes with silver knives? Greenland belongs to Denmark?

Knowledge is power, sure. But sometimes knowledge simply isn’t new. It’s just that the ignorance of some people is plainly too great. Which is also just a nice way of saying “everyone’s stupid.” But try writing that in Sütterlin…

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