Kolumne von Susanne Falk.
Wir drehen das Kalenderblatt um und hoffen auf einen Neustart. Das ist natürlich naiv. Die Welt ist morgen immer noch die gleiche wie heute. Das Kalenderblatt dagegen nicht und das ist gut so, denn selten waren Autorenkalender so hässlich wie heute!
Mir ist schon klar, dass ich mir da keinen Pin-up-Kalender gekauft habe, aber wie viele Hornbrillenfotos verträgt ein Mensch durchschnittlich pro Monat, ohne aus ästhetischen Gründen einen Herzinfarkt zu bekommen? Selbst von hässlichen Autorinnen und Autoren gibt es doch wenigstens das ein oder andere nette Foto! Wieso nur werden die nie für Literaturkalender benutzt? Muss ich mir das wirklich geben, damit ich einmal pro Woche etwas Neues über Literatur lese und lerne? Ich schwöre, ich bin noch ein Foto eines verschwitzten, hornbebrillten Erich Fried entfernt vom Literarischen Katzenkalender!
Ich verstehe es jetzt, das mit den Rosen, Gedichten, Kätzchen, schönen Städten und Zooviechern: Ich will auch lieber niedliche Tiere anschauen als schlechte Fotos von Autorinnen und Autoren. Ich will Sinnsprüche über Italien mit Bildern von italienischen Landschaften sehen und nicht Umberto Ecos ungeputzte Zähne! Das ist jetzt hart gegenüber Umberto Eco, den ich überaus schätze, aber ich glaube, selbst Umberto Eco hätte lieber einen Kätzchenkalender neben dem Kühlschrank hängen gehabt als sein eigenes Foto. So egomanisch kann ja niemand sein!
Nun hab ich mir in meiner höchst eigenen Egomanie gerne und oft vorgestellt, wie es sein würde, wenn ich selbst einmal in einem der bekannten Literaturkalender vorkommen würde. Aber es überkommt mich mit kaltem Grausen der Gedanke, dafür könnten die ein Foto verwenden, dass zwar eindeutig mich zeigt, aber in keiner besonders ansprechenden Pose, also Susanne, morgens um 1.30 Uhr früh, partymüde, in schlechter Beleuchtung. Solche Bilder gibt es ganz sicher von mir, irgendwo, in irgendwelchen Schubladen. Und das wäre ja schließlich mein echtes Ich, ein wesentlich authentischeres Ich als das gut geschminkte, fröhlich dreinblickende Ich, das ich der Welt gerne präsentieren würde. Denn, nur um mal den österreichischen Bundespräsidenten zu zitieren: So sind wir nicht! Wer läuft denn bitte als sein bestes Selbst ständig vor der Kamera herum? Dabei ist die Antwort so einfach: mein Kater! Der sieht immer gut aus, egal wann, wie und wo! Der ist immer gut angezogen (elegant in schwarz), immer gut drauf (schläft ja auch genug), hat noch die meisten seiner Zähne (keine Krone dabei) und ein überaus freundliches Wesen (dagegen bin ich Grumpy Cat).
Also, liebe Kalendermacherinnen dieses Literaturlandes: Falls ihr je auf die Idee kämt, mich in so einem Kalender zu verwursten, dann bitte, bitte im Literarischen Katzenkalender, mit einem Foto von Teddy. Und das sage ich jetzt nicht aus Eitelkeit (doch klar tu ich das, aber Schwamm drüber), sondern aus Liebe zur Literatur (die empfinde ich wirklich) und aus dem Wissen heraus, dass es eine Menge schlechter Fotos von mir gibt (Oh, boy!): Bitte nehmt meinen Kater! Der hat es verdient! Ehrlich! Bis es soweit ist, kauf ich mir in diesem Jahr einen hornbrillenfreien Kalender ohne 1970er-Jahre Fotos. Also kein Fried, kein Frisch, kein Heiner Müller. Vielleicht stattdessen etwas über Finnland. Elche und Literatur gehen bestimmt auch gut zusammen. Oder Sommerblumen. Oder italienisches Essen. Oder Ostseeküste. Egal was, nur keine Hornbrillen mehr!
Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.
My Books! „Getting Through the Year Without Horn-Rimmed Glasses„
Column by Susanne Falk
We turn the calendar page and hope for a fresh start. That’s naïve, of course. Tomorrow the world will still be the same as today. The calendar page, on the other hand, won’t be – and that’s a good thing, because author calendars have rarely been as ugly as they are now!
I know perfectly well that I didn’t buy a pin-up calendar, but how many photos of horn-rimmed glasses can a person reasonably endure per month without suffering an aesthetic heart attack? Even unattractive authors manage to have at least one or two decent photos of themselves! So why are those never used for literature calendars? Do I really have to put up with this just to read and learn something new about literature once a week? I swear, I’m just one more photo of a sweaty, horn-rimmed-glasses-wearing Erich Fried away from buying the Literary Cat Calendar!
I get it now – roses, poems, kittens, beautiful cities, zoo animals: I, too, would much rather look at cute animals than bad photos of authors. I want aphorisms about Italy paired with pictures of Italian landscapes, not Umberto Eco’s unbrushed teeth! That’s a bit harsh toward Umberto Eco, whom I admire immensely, but I honestly believe that even Umberto Eco would rather have hung a kitten calendar next to his fridge than one with his own photo. Nobody can be that egomaniacal!
In my own very personal egomania, I’ve often imagined what it would be like if I myself were ever featured in one of those well-known literature calendars. But the thought fills me with icy dread that they might use a photo that clearly shows it’s me, yet not in a particularly appealing pose – Susanne at 1:30 a.m., tired from partying, in terrible lighting. Such photos of me most certainly exist, somewhere, in some drawer. And that would, after all, be my real self – a far more authentic self than the well-made-up, cheerfully smiling self I’d like to present to the world. Because, to quote the Austrian federal president for once: That’s not how we are! Who actually walks around in front of a camera as their best self all the time? And yet the answer is so simple: my tomcat! He always looks good, no matter when, how, or where! He’s always well dressed (elegant in black), always in a good mood (he gets plenty of sleep), still has most of his teeth (no crowns), and has an exceedingly friendly nature (compared to him, I’m Grumpy Cat).
So, dear calendar makers of this literary nation: if you ever get the idea of recycling me in such a calendar, then please, please do it in the Literary Cat Calendar – with a photo of Teddy. And I’m not saying this out of vanity (of course I am, but let’s gloss over that), but out of love for literature (which I truly feel) and from the knowledge that there are plenty of bad photos of me out there (oh boy!). Please take my cat! He deserves it! Honestly! Until then, this year I’ll buy myself a horn-rimmed-glasses-free calendar without 1970s photos. So no Fried, no Frisch, no Heiner Müller. Maybe something about Finland instead. Moose and literature probably go well together too. Or summer flowers. Or Italian food. Or the Baltic Sea coast. Whatever – just no more horn-rimmed glasses!

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