Von Barbara Hoppe.
In der Welt der Literatur gibt es diese besonderen Momente, in denen vergessene Werke großer Autorinnen und Autoren wiederentdeckt werden und plötzlich in neuem Glanz erstrahlen. So hat Mary Shelley, die vor allem für ihren Roman „Frankenstein“ bekannt ist, ein weiteres Meisterwerk geschaffen, das erst jetzt seine verdiente Aufmerksamkeit erhält. Denn „Mathilda“, geschrieben 1819, blieb lange unveröffentlicht. Erst 1959 erschien der Text posthum – ein Werk von großer Emotionalität und literarischer Wucht. Der Pendragon Verlag legt nun eine Erstübersetzung von Stefan Weidle vor, die den Klang und die Eleganz der englischen Romantik brillant ins Deutsche überträgt.
Mathilda: Zwischen Liebe und Abgrund
Die junge Mathilda wächst in Einsamkeit auf. Ihre Mutter stirbt bei der Geburt, ihr Vater – verzweifelt über den Tod seiner geliebten Frau – verschwindet. Die herzlose Tante, die Mathilda großzieht, schenkt dem Mädchen keine Liebe und Wärme. Erst als der Vater nach vielen Jahren zurückkehrt, scheint die Welt wieder in Ordnung zu sein. In nur wenigen Monaten erobern Vater und Tochter das gesellschaftliche Leben in London. Doch aus der Wiedersehensfreude entwickelt sich eine obsessive Liebe, die Mathildas Schicksal besiegelt. Es ist eine ungesunde Zuneigung, die Mathilda mit der Erkenntnis des Inzests schockiert. Gezeichnet von Schuld, flieht sie vor der Gefahr und sucht Trost in der Natur und noch größerer Einsamkeit – doch der Schatten ihrer Vergangenheit bleibt allgegenwärtig. Dem Tode geweiht, ist „Mathilda“ die Lebensbeichte einer jungen Frau, die zwischen Einsamkeit, absoluter Liebe und Verzweiflung mit Erleichterung dem Ende entgegensieht.
Romantik mit dunklem Kern
Shelleys Sprache ist bildgewaltig, man kann sagen: von epischer Schönheit. Naturbeschreibungen aus England und Schottland fügen sich mit intensiven Seelenlandschaften zusammen. Die Erzählung bewegt sich zwischen leidenschaftlicher Hingabe und abgrundtiefer Verzweiflung und steht damit ganz im Geist der englischen Romantik. Ein Werk zudem – das erfahren wir aus dem kenntnisreichen Nachwort des Übersetzers – , das nicht nur zu autobiographisch war, sondern durch seine tabuisierte Thematik zu skandalös, als dass es zu Lebzeiten der Autorin veröffentlicht werden konnte.
Eine Stimme gegen die Zeit
Mary Shelley (1797–1851) ist die Tochter der Feministin Mary Wollstonecraft und des Philosophen William Godwin. Sie war eine der außergewöhnlichsten Schriftstellerinnen ihrer Epoche. In „Mathilda“ offenbart sie nicht nur eines ums andere Mal ihre literarische Meisterschaft, sondern auch ihr tiefes Verständnis für das menschliche Seelenleben. „Mathilda“ ist ein eindrucksvolles Beispiel romantischer Literatur, eine Reflexion über Verlust, Sehnsucht und Selbstzerstörung.
Was den Roman lesenswert macht:
- Shelley thematisiert obsessive Vaterliebe
- Radikale Einsamkeit als literarisches Motiv
- Romantik trifft auf psychologische Tiefe
| Mary Shelley | Mathilda a.d. Englischen von Stefan Weidle |
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‘Mathilda’: Mary Shelley’s forgotten masterpiece
Mary Shelley’s “Mathilda,” written in 1819 and published posthumously in 1959, is a long-overlooked gem of English Romanticism. Pendragon Verlag now presents the first German translation by Stefan Weidle, capturing Shelley’s poetic voice.
The story follows young Mathilda, who grows up in emotional isolation after her mother’s death and her father’s disappearance. When he returns, their reunion turns into an obsessive relationship, culminating in the realization of incest. Haunted by guilt, Mathilda flees into nature and solitude—until death. Shelley blends epic landscapes with psychological depth. The narrative is radically romantic, filled with passion and despair. The translator’s afterword explains why “Mathilda” was considered too autobiographical and scandalous to publish during Shelley’s lifetime.
Mary Shelley, daughter of Mary Wollstonecraft and William Godwin, once again demonstrates her literary brilliance and insight into the human psyche. “Mathilda” is a powerful reflection on loss, longing, and emotional extremes.


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