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„Schwanensee“ von Patrice Bart: Tanz der Macht

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ballett

Die Berliner Primaballerina Iana Salenko und der schwedische Tänzer Kalle Wigle triumphieren Unter den Linden in Patrice Barts Neuinterpretation der legendären „Schwanensee“-Choreographie von Petipa/Iwanow . Besonders eine Figur wird völlig neu bewertet. Von Stephan Reimertz

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein französischer Choreograph und werden eingeladen, in Deutschland ein Ballett zu inszenieren. Was ist das erste, was Ihnen in diesem Land auffällt, wenn Sie einige Zeit unter seinen Bewohnern weilen? Es ist die brutale und herzlose Art, wie dort Kinder behandelt werden. Das unterscheidet Deutschland am meisten von Frankreich, Italien, England usw. Patrice Bart hat den autoritären und unduldsamen Deutschen mit seiner psychologischen Neuinterpretation des Schwanensees einen Denkzettel auf den Weg gegeben, den sie sich genau ansehen sollten, zumal er in Form eines prachtvollen und festlichen Ballettabends vor ihnen entfaltet wird.

Psychogramm im Federspiel

Bereits Tschaikowski siedelte die Handlung in Deutschland an. Patrice Bart stellt uns in seiner zeitgemäß aufgefrischten Fassung der klassischen Schwanensee-Choreographie eine eisige, innerliche tote Mutterfigur vor. Raffaelle Queiroz nimmt die schauspielerische und tänzerische Herausforderung wissend und psychologisch geschickt an. Mit wenigen Gesten vermag sie die noch junge königliche Witwe auf die Bühne zu stellen. Weil der Mann fehlt, kehrt sie ihrem Sohn gegenüber die phallisch-narzisstische Mutter heraus, die so weit geht, die sexuellen Phantasien ihres Sohnes bestimmen zu wollen. Ihr wäre es lieber, Prinz Siegfried wählte den schwulen Weg zu seinem Freund Benno von Sommerstein (Murilo de Oliveira setzt die Rolle prachtvoll um), solange nur keine andere Frau ins Spiel kommt: Die wird die Totfeindin. Wer glaubt, Regisseur-Choreograph Bart habe diese Konstellationen an den Haaren herbeigezogen, kennt das Leben nicht.

Schwanensee Partrice Bart Unter den Linden
Iana Salenko und Ensemble / Foto: Yan Rezazov

Machtspiele der Nähe

Die Königin war in dem Drama der jugendlichen Selbstfindung, die Schwanensee uns erzählt, bisher immer eine konventionelle Leerstelle. Indem Bart mit einigen wenigen gestischen Veränderungen die Figur der Königin und übrigens auch des Freundes aufwertet, bekommt das ganze Mobile eine gänzlich andere gruppendynamische Bewegung. Dabei bleiben der zweite und der vierte Akt, Höhepunkte des klassischen Balletts überhaupt, nahezu unangetastet. Was uns das Staatsballett und seine Solisten hier bieten, hält russischen Vergleichen stand. Im Bolschoi-Theater würde das Publikum hier in Raserei verfallen. Die Preußen zollen auf ihre Art Respekt. Besonders bei den beiden Pas des Deux hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören können. Was das Traumpaar Iana Salenko und Kalle Wigle hier an technischer Perfektion bei innigstem künstlerisch-psychischen Ausdruck bietet, kann niemanden unberührt lassen. Man darf sich auch die Aufgaben eines Ballettdirigenten nicht zu einfach vorstellen. Alavetina Ioffe hat die Staatskapelle unter sich und das Staatsballett vor sich. Die Kapellmeisterin ist Schnittstelle zweier Welten und entledigt sich dieser zentrifugalen Herausforderung scheinbar mühelos.

Schwanensee Patrice Bart Unter den Linden Paulina Semionova
Paulina Semionova / Foto: Carlos Quezada

Schwanenmacht und Schattenrisse

Bühnen- und Kostümbildnerin Luisa Spinatelli führt uns in die 1890er-Jahre, also die Zeit, in der Schwanensee nach zwei heute versunkenen Choreographien mit der Fassung von Marius Petipa und Lew Iwanow die allen heute geläufige Gestalt erhielt. Allein Schwanensee ist ein Work in Progress. Wenn immer wir eine neue Inszenierung sehen, gewahren wir kleine Variationen und Retuschen. Patrice Barts Aufwertung der Muttergestalt bringt freilich das dramaturgische Problem mit sich, dass jeder Zuschauer die Spaltung der Geliebten in Gut und Böse, Odette/Odile, völlig neu bewerten muss. Der Zuschauer ist zur Mitarbeit aufgerufen. Der böse Zauberer, der Odette gegen ihren Willen unter seinen Fittichen hält, wird nicht etwa als Wiedergänger des Verstorbenen Vaters des Prinzen interpretiert, sondern als Zeremonienmeister im Dienste der Königin. Andrea Marino tanzt und spielt die Rolle mit diabolischer Faszination. So bekommt die neue Dramaturgie ein düsteres Schwergewicht auf der Seite der Königin. Das intelligente und informative Programmheft rundet einen festlichen Ballettabend ab, der den Vergleich mit ambitionierten Produktionen weltweit nicht scheuen muss.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Schwanensee
Ballett in zwei Akten
Musik von Peter I. Tschaikowsky
Choreographie und Inszenierung  Patrice Bart
Staatballett Berlin
weitere Aufführungstermine

Warum die Aufführung sehenswert ist

  • Neuinterpretation mit psychologisch aufgeladener Mutterfigur
  • Herausragende Tänzer Iana Salenko und Kalle Wigle
  • Bühnenstil zwischen klassischer Strenge und moderner Spannung

„Schwanensee“ (Swan Lake) by Patrice Bart: Dance of Power

Patrice Bart’s Swan Lake in Berlin unfolds as a psychological drama. The French choreographer reimagines Tchaikovsky’s ballet as a reflection on emotional austerity and control – a brilliantly staged moral ballet in motion. At its heart stands an icy mother figure, portrayed by Raffaelle Queiroz with measured intensity and psychological precision. The Queen becomes the hidden director of passion and repression. Kalle Wigle and Iana Salenko’s duets radiate both technical mastery and intimate vulnerability.

While Bart preserves the landmark acts of the original, he infuses them with new meaning. The sorcerer now serves as the Queen’s instrument. Designer Luisa Spinatelli situates the ballet elegantly in the 1890s, combining classical texture and modern tension. Under Alavetina Ioffe’s precise direction, the Staatskapelle Berlin performs with clarity and warmth. The result is a dazzling evening where disciplined movement and psychological depth meet in charged harmony.

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