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Cecil Beaton und seine „Fashionable World“

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Ausstellung

Die National Portrait Gallery in London zeigt einen Überblick über das Werk des englischen Fotografen Cecil Beaton. Von Stephan Reimertz.

Die National Portrait Gallery gehört zu den vielen Dingen, um die man die Engländer beneiden kann. Den Deutschen stünde eine solche Institution gut zu Gesicht, etwa in den Räumen des Reichstags. Ihr Problem ist, dass sie kein Bild von sich selbst haben. Eine solche nationale Porträtgalerie würde ihnen ein wenig aufhelfen. Auch gäbe es interessante Diskussionen: Wer ist Deutscher? Wie geht man mit Österreichern um? Was tun mit den bösen Buben und Mädeln? In der National Portrait Gallery in London auf der Rückseite der National Gallery am Trafalgar Square fand bereits 1968 Cecil Beatons erste Ausstellung statt, die zugleich die erste Personalausstellung eines lebenden Photographen in einem britischen Nationalmuseum überhaupt war. Es beweist, ebenso wie die Retrospektiven 2004 und jetzt, wie sehr sich das ganze Land in den Werken Beatons spiegelt.

Cecil Beaton Selbstporträt
(c) Stephan Reimertz

Dieses Porträt Cecil Beatons schuf Erwin Blumenfeld im Jahre 1937 in Paris; halbverschattet, wie es der kunsthistorischen Tradition vom siebzehnten Jahrhundert bis in die Moderne entspricht. Der getonte Gelatine-Silberabzug scheint zu demonstrieren, was Sigmund Freud zu der Frage sagte, wieviel wir überhaupt über einen Menschen wissen können: »Die biographische Wahrheit ist nicht zu haben.« Zeit seines Lebens ließ Beaton sich von Menschen faszinieren. Umgekehrt hat auch er die Menschen fasziniert.

Cecil Beaton Selbstporträt Blumen
(c) Stephan Reimertz

Schon zwei Jahre vor seiner ersten Retrospektive hatte Beaton eines von vielen Selbstporträts von sich geschaffen, wie auf diesem Silberabzug zu sehen. Fotografie wird hier zum Mittel der Selbsterkundung und –erschaffung, wie es auch Schriftsteller wie August Strindberg in seinen Fotos von sich selbst oder Künstler wie Dix und Beckmann in ihren gemalten Selbstporträts anwandten. Cecil Beaton fügt hier eine hohe Form männlicher Eleganz in einen feminin-verspielten Rahmen ein. In England sind solche eleganten Selbstverständigungen bis heute möglich. In den siebziger Jahren wurden sie von der Popkultur aufgegriffen, man denke etwa an Allround-Begabungen wie David Bowie, Bryan Ferry oder Nick Cave, bei denen der Stil zu inhaltlichen Aussage wird und sie gezielt vom Cockney- und London-Lad-Image weiter Teile des Britpop abgrenzt. Wenn sich im Westdeutschland der siebziger Jahre dagegen ein junger Mann betont elegant kleidete, erregte er selbst an einem Wohnort der Oberschicht den Hass von Lehrern und Mitschülern und die Irritation der Altvorderen innerhalb einer weitgehend gleichgeschalteten Gesellschaft, die keine Individualität mehr zuließ.

Stephen Tennent Nahaufnahme Cecil Beaton
(c) Stephan Reimertz

Cecil Beaton gelang der Sprung vom jugendlichen Narziss, der der eigenen Schönheit verfällt, zum Erkenner und Beobachter anderer Menschen. Stephen Tennant fotografierte er an dessen 21. Geburtstag 1927. Schon im Jahr zuvor hatte er über den phantastischen Dandy und Gesellschaftsmenschen, der erst 1987 im Alter von achtzig Jahren in Wilsford cum Lake in Wiltshire sterben sollte, in seinem Tagebuch »this remarkably poetic-looking apparition« und »an unforgettable sight« genannt.

Rex Wistler Gitarre Park Cecil Beaton
(c) Stephan Reimertz

Dies ist die Wiedergabe eines originalen Silberabzugs, den Beaton In a Watteau Glide nannte. Uns allerdings will das Porträt von Rex Wistler im Park von Wilsford Manor eher als Huldigung an die deutsche Romantik als an die französische Régence erscheinen. Ruft es nicht Erinnerungen an Schubert und Wilhelm Müller wach? Die ganze Kunst- und Kulturgeschichte strömt und flutet durch die bildnerische Vorstellungskraft des jungen Künstlers und angehenden Photographen. Und er hat das Glück, in der englischen Oberschicht der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entsprechende Menschen, Typen, Modelle und Umgebungen zu finden, die seine Phantasie und Gestaltungskraft inspirieren und vorantreiben.

Queen Elizabeth II. Prince Charles Cecil Beaton
(c) Stephan Reimertz

Cecil Beaton hinterließ, besonders in seinem Frühwerk, der englischen Gesellschaft ein Bild ihrer selbst. Wie zahlreiche Angehörige der Londoner Society verewigte er zudem Spuren seines Lebens in einem Tagebuch. Hier sehen wir ein Porträt der damaligen Prinzessin Elizabeth (späteren Königin Elizabeth II.) und ihres Sohnes Charles. Über den späteren König notierte Beaton mit Bezug auf diese Aufnahme von 1950, er »was at the stage where he was interested in everything; a live wire«. »he neven flagged in energy, even when those around him were exhausted.«

Prinzessin Margaret Cecil Beaton
(c) Stephan Reimertz

Ein Jahr später porträtierte Cecil Beaton Prinzessin Margaret an ihrem 21. Geburtstag. Übrigens erwies sich das Ballkleid von Christian Dior als umstrittene Wahl. Weit schwingende, volle Röcke waren im Großbritannien der Nachkriegszeit noch eine Neuheit. Zudem war die Kleiderrationierung eben erst beendet worden. Viele Leute regten sich auch darüber auf, dass die Prinzessin einem französischen Couturier den Vorzug gegenüber englischen Modeschöpfern gegeben hatte. Beaton dagegen lobte Margarets »tremendously alert brain. She likes dressing up, flirtations, going to night clubs until all hours.«

Natalie Paley Cecil Beaton
(c) Stephan Reimertz

Cecil Beaton zeichnete und malte auch. Hier haben wir ein mit Tinte und Wasserfarben ergänztes Bleistiftporträt von Prinzessin Natalie Paley von ca. 1935. Sie war die Enkelin von Zar Alexander II. und fühlte sich am meisten in Paris zu Hause, wo sie sich der filmischen und photographischen Avantgarde anschloss. Beaton war von ihr hingerissen: »Her eyes are star bright and her laughter tinkles like a mountain stream over pebbles.«

Vogue Cecil Beaton
(c) Stephan Reimertz

Vor dem Claridge’s Hotel in Mayfair schoss Cecil Beaton seine ersten aufnahmen für Vogue. Das Mannequin trägt, wie überliefert, einen Opernmantel in Apfelgrün und Limone von Irfe. Die neue Daimler-Limousine dagegen kommt in zwei Grautönen. Tatsächlich nähert er sich hier seinem zehn Jahre älteren großen französischen Gegenspieler Jacques-Henri Lartigue an, den ebenfalls ein fast das ganze Jahrhundert ausfüllende künstlerische Weg von Privataufnahmen aus der Oberschicht zum gefragten Porträtisten der Stars geführt hatte.

Cecil Beaton Kodak
(c) Stephan Reimertz

Für seine Vogue-Fotos verwandte Beaton immer noch diese Kodak 3A Faltkamera, die er bereits zu seinem zwölften Geburtstag bekommen hatte.

Emeline von Broglie Cecil Beaton
(c) Stephan Reimertz

Prinzessin Emeline de Broglie in Mackintosh und Regenhut im Jahre 1928. Dieser phantastische Gelatine-Silberabzug spielt mit dem Kontrast von mondänem Modell und Gebrauchskleidung in Aktion. Er nimmt nicht nur Beatons Kriegsfotografie vorweg, sondern wirft auch schon einen Schatten ins spätere zwanzigste Jahrhundert, etwa in die bewusst provokative Reklamefotografie von Helmut Newton.

Piloten Cecil Beaton
(c) Stephan Reimertz

Das Pilotenbild von 1941 ist in seinem Kontrast von Gelassenheit und diffuser Bedrohung ein Beispiel für Beatons Werke aus dem Zweiten Weltkrieg. Dabei muss man auch die kriegsentscheidende Rolle der Royal Air Force in Rechnung stellen. Doch selbst in einem solchen Moment lässt der Photograph die Bedeutung von Eleganz nicht außer acht. Im Gegenteil: Sie wird zur Bedingung und zum Movens der historischen Geltung der Aufnahme.

Cecil Beaton Chinese
(c) Stephan Reimertz

1945 fotografierte Beaton diesen chinesischen Offizier. Auch hier löst sich aus dem Kriegsgeschehen eine fast statuarische Ruhe. Beatons Gabe, jeden historischen Moment in einem schlagenden, ikonischen Augenblick zusammenzufassen, erweist sich auch in fremder Umgebung.

Marilyn Monroe Cecil Beaton
(c) Stephan Reimertz

In den 1950er-Jahren war Cecil Beaton endgültig zum gefragten Porträtisten der Stars avanciert. Venus Unmasked nennt er dies Porträt, das Marilyn Monroe im New Yorker Ambassador Hotel zeigt. Beaton geht es darum, oft gesehene Stars von einer neuen Seite zu beleuchten. Gleichwohl nennt er das Zusammentreffen mit der berühmten Schauspielerin »one oft the great exitements of my photographic career.«

Anne Wintour Cecil Beaton
(c) Stephan Reimertz

Lenken wir den Blick einen Moment aus der Sonderausstellung in die ständige Sammlung der National Portrait Gallery. Dieses radikal ikonische Porträt der berühmt-berüchtigten New Yorker Vogue-Chefin Anna Wintour hängt zurecht an seinem Platz, denn die in Der Teufel trägt Prada karikierte Journalistin ist in London geboren. Ihre allseits bekannte Sechzigerjahre-Frisur mit den Herrenwinkern entdeckte sie früh und blieb ihr ein Leben lang treu. Der Maler Alex Katz schuf hier ein für seinen Stil besonders typisches Gemälde. Dame Anna Wintour verließ kürzlich die New Yorker Vogue und kehrte nach England zurück.

Cecil Beaton’s Fashionable WorldNational Portrait Gallery
St Martin’s Place, London, WC2H 0HEKatalog


Die Ausstellung läuft noch bis zum 11. Januar 2026.

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