Von Birgit Koß.
Anne Stern ist mit ihren historischen Romanen über die Hebamme Fräulein Gold aus den 20er- und 30er-Jahren Bestsellerautorin geworden. Nun wendet sich die promovierte Historikerin in „Die weiße Nacht“ der direkten Nachkriegszeit in Berlin zu und hat dafür das Genre Krimi gewählt. Anne Stern sagt dazu: „Ich habe mich … gefragt, wie ich als Schriftstellerin das „Danach“ erzählen könnte. Die Antwort darauf ist meine neue „Lou & König“-Reihe. Nach der sogenannten Stunde Null 1945 steht vermeintlich alles auf Anfang, die Vergangenheit lastet aber schwer auf den Menschen. Dafür brauchte ich einen anderen, etwas härteren Erzählton, der auch dem Krimi-Genre gerecht wird.“
Zwei gebrochene Figuren auf Spurensuche
Dazu wählt sie als Protagonisten die Fotografin Lou Faber und den Kriminalkommissar Alfred König, die beim Fund der ersten Leichen aufeinandertreffen und mit der Zeit zuerst widerwillig, dann sich gut ergänzend zusammenarbeiten. Lou, die während der NS-Zeit im Widerstand war, hat fast alle Freunde verloren. Die Kamera hilft ihr, eine Distanz zwischen sich und ihre Umgebung zu bringen. Mühsam versucht sie, ihre Fotos an die neu entstehenden Zeitschriften zu verkaufen. „Ich habe sonst nichts. Nur die Fotografie. Mit ihr kann ich mir ein Bild von der Welt machen, die ich sonst nicht begreife. Ich kann mit ihrer Hilfe hinter die Dinge sehen, kann sie vielleicht ordnen.“ (S. 377)
König gilt für die neuen Machthaber als unbedenklich, weil er die letzten Kriegsjahre im Zuchthaus in Brandenburg verbracht hat. Doch er macht sich selber zum Vorwurf, dass er anfangs von der Idee der Nazis noch begeistert war und erst im Kriegsverlauf sich gegen das Regime gestellt hat. Dies hat ihn seine Gesundheit – er benötigt einen Stock zum Gehen – und ein Auge gekostet. Somit ist die spröde Lou mit ihrer scharfen Linse die perfekte Ergänzung zu seinem analytischen Verstand.
Kälte, Hunger, Schuld – das Berlin von 1946
Sehr genau hat die Autorin die politische und soziale Situation in diesem Hungerwinter 46/47 recherchiert. „Wir haben sehr gute und präzise Quellen zu dieser Zeit, es gibt Tagebuchaufzeichnungen, Tonfilme, Unmengen Fotografien und sehr gute Sekundärliteratur von Historiker:innen. Ich bin ein visueller Typ und muss alles wie im Film vor mir sehen, darum sind mir besonders Bildquellen sehr wichtig. Ich habe aber auch in den Archiven der Polizeihistorischen Sammlung in Berlin ganze Aktenordner durchgewälzt, in denen schreibmaschinengetippte Berichte der Kriminalpolizei jedes Verbrechen dieser Jahre nach 1945 akribisch dokumentieren.“
Zwischen Schwarzmarkt und Wahrheitssuche
Fans von Volker Kutscher und seinem Gernot Rath können unmittelbar an ihre Kenntnisse über den Aufbau der Berliner Polizei der 30er-Jahre anschließen. Schließlich haben beiden Autoren präzise recherchiert. Neben der praktischen Polizeiarbeit wirft Anne Stern einen genauen Blick auf die unwirtliche Situation der Berliner und Berlinerinnen in diesem Hungerwinter. Mit sorgfältiger Recherche und dem Fokus auf gesellschaftliche Brüche und auf die Innenwelt ihrer Protagonistinnen entwirft sie ein buntes Bild über den Schwarzmarkt rund um die Marheineke Markthalle mit den jugendlichen Hauptakteuren Justus und Greta. Die Autorin gesteht im Gespräch, dass es ihr besondere Freude bereite, sich in die Gedankenwelten der Jugendlichen zu versetzen.
Bilder einer zerrissenen Stadt
Und dann spielt die Stadt Berlin natürlich auch noch eine Hauptrolle im ganzen Geschehen. „Berlin war nicht länger der Mittelpunkt der Welt, wenn das überhaupt je der Fall gewesen war. Aus der einstigen Königin war eine zerlumpte Bettlerin geworden, die für ihre Sünden büßen musste.“ (S. 38)
Somit entführt uns Anne Stern in eine für uns fast unvorstellbare Zeit mit Bildern, die wir zwar in den Nachrichten aus anderen Teilen der Welt fast täglich sehen, deren Augenzeugen in Berlin aber kaum noch am Leben sind.
Spannung mit historischem Gewicht
Gekonnt, spielerisch und spannungsgeladen verzahnt die Autorin ihre Gedankengänge in einem spannenden Krimi, dessen Serienmorde – natürlich – in die NS-Zeit zurückführen und auf weiteres unsägliches Unrecht aufmerksam machen wollen. Somit ist der Cliffhänger am Schluss nur einer der Gründe, um sich auf die Fortsetzung der Reihe zu freuen. Genauso spannend ist die Frage, mit welchen historischen Details Anne Stern die Abenteuer von Lou &König weiterhin anreichern wird.
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Das Wichtigste in Kürze
- Dichte Atmosphäre des zerstörten Nachkriegs-Berlins
- Zwei komplexe Figuren zwischen Schuld und Neuanfang
- Historisch präzise, spannungsvoll erzählt
‘Die weiße Nacht’ (The White Night) – Berlin crime novel by Anne Stern
Anne Stern, known for her “Fräulein Gold” novels, turns to postwar Berlin in “Die weiße Nacht”. In the winter of 1946/47, photographer Lou Faber and inspector Alfred König meet in a shattered city. Both are damaged souls: Lou uses her camera to distance herself from loss, while König bears guilt and war wounds. Together, they investigate a series of murders rooted in the Nazi past.
Stern captures the bleak atmosphere of Berlin’s “zero hour” with precision — hunger, cold, and moral collapse. The city becomes a symbol of ruin and rebirth, torn between memory and hope. Through meticulous research and emotional detail, the novel bridges crime fiction and historical reflection. “Die weiße Nacht” thus opens a new, powerful chapter in Anne Stern’s writing.


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