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Yoko Tawada: „Eine Affäre ohne Menschen“

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Buch Literatur Book

Von Birgit Koß.

Die japanische Lyrikerin und Autorin Yoko Tawada lebt seit Anfang der 80er-Jahre in Deutschland und ist für ihre Werke vielfach ausgezeichnet worden. Sie schreibt ihre Romane sowohl auf Japanisch als auch auf Deutsch. Ihr neuestes Werk ist direkt auf Deutsch entstanden. Es handelt sich um ein Tagebuch, das über 44 Tage geführt wird mit täglichen kleinen Eintragungen. Die Autorin, die für ihren spielerischen und poetischen Umgang mit Sprache bekannt ist, hat sich diesmal einen besonderen Kunstgriff einfallen lassen. Auch wenn es um eine Liebesgeschichte zwischen zwei Büroangestellten geht, kommen Menschen nicht vor – „eine Affäre ohne Menschen“, denn Yoko Tawada lässt die Alltagsgegenstände erzählen.

Wenn die Dinge sprechen

„Wie die Sitze im Europäischen Parlament sind die Löcher kreisförmig angeordnet,, aus jedem Loch spritzt es,, eine lebhafte Diskussion zwischen dem Duschkopf und der Badewanne,, zwischen oben und unten,, die Kachel mit blauem Schiffsmuster wird bespritzt,, die Fugen an der Wand bleiben weiter trocken.“ Dazu kommt ihre eigenwillige Interpunktion. Kurze unabhängige Sätze werden aneinandergereiht und durch doppelte Kommata getrennt. Das schafft einen eigenen Rhythmus beim Lesen, der die Entfremdung durch den Perspektivwechsel auf die Dinge und die eigenwillige Wortwahl – so heißt das Smartphone hier Handteller – noch verstärkt.

Yoko Tawada Eine Affäre ohne Menschen
Cover: Konkursbuch

Die Gegenstände beobachten unerbittlich und ohne Wertung. Allerdings scheinen sie sich gegen den männlichen Protagonisten verschworen zu haben. Einer nach dem anderen gibt seinen Dienst auf, der Boiler, die Espressomaschine, die Waschmaschine…. Er erträgt diese Unbill stoisch und wechselt in seiner Welt zwischen romantischen Gedanken an seine Kollegin und dem Versuch, ihr mit kleinen Geschenken näherzukommen und seiner Empörung über die politische Lage, wo Rechts- und Linkshänder gegeneinander kämpfen. Seine Position ist klar nationalistisch, sogenannt bodenständig. Unverhohlen spioniert er seine Nachbarn aus, denen er kommunistische Umtriebe unterstellt. Aber damit kommt er in Konflikt mit seiner Angebeteten, die sich als Veganerin für soziale und feministische Belange interessiert. Somit schwanken beide immer wieder zwischen offenkundiger sexueller Anziehung und politischer Abneigung hin und her. „In der Wolfszeitung steht, das die Staatenlosen Millionen aus unserer Staatskasse bekommen und das Geld für die Befriedigung ihrer Wollust verschwenden,, das Fremdgehen ist schlimm genug, aber mit einem Fremdländer fremdzugehen ist ein mehrfaches Verbrechen,, die Gartenfrucht lässt die absurde Anschuldigung über sich ergehen, lacht aber am Ende laut auf und nimmt drei Boxerfinger in den Mund und saugt daran,,“.

Ein zartes Gesamtkunstwerk

Durch die unterschiedlichen Ebenen gelingt der Autorin ein feiner Blick auf die Verwerfungen unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Ihr Ton ist skurril, wirkt teils grotesk, zeigt aber gleichzeitig das Bedrohliche im Leben der beiden Protagonisten sehr deutlich, wie die Beherrschung durch die Technik – die Dinge. Es bleibt eine flirrende Geschichte, die zum Nachdenken anregt und ein sprachliches Vergnügen ist, kurz und knapp auf 165 Seiten, wunderschön gestaltet mit farbigen Zeichnungen des flämischen Malers Joachim Patinier. Seine Landschaftsbilder zeigen im manieristischen Stil die sogenannte „Weltlandschaft“. Die Ausschnitte aus diesen Bildern haben Yoko Tawada und Elena Giannoulis durch jeweils einen frei in der Landschaft schwebenden Gegenstand wie einen Becher, eine Hose, einen Boiler ergänzt. So ergibt sich ein gelungenes, zartes Gesamtkunstwerk.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Yoko TawadaEine Affäre ohne Menschen
Konkursbuch Verlag , Tübingen 2025bei amazon
bei Thalia

Das Wichtigste in Kürze:

  • Poetische Erzählung ohne Menschen – mit sprechenden Dingen
  • Sprachkunst zwischen Ironie und Gesellschaftskritik
  • Zartes Gesamtkunstwerk mit Patiniers Weltlandschaften

Yoko Tawada: „Eine Affäre ohne Menschen“ (An affair without people)

Japanese author Yoko Tawada, who has lived in Germany since the 1980s, once again plays masterfully with language and perception in her new German-written work. Over 44 days, short diary entries record an unusual love story—told by objects instead of people. Speaking things like a showerhead, espresso machine, and wall tile become narrators.

Tawada’s distinctive punctuation and phrasing—she calls a smartphone a “hand palm”—create a rhythmic, alienating effect that mirrors the modern world’s estrangement. The male protagonist drifts between nationalist ideas and romantic longing, while his colleague vacillates between empathy and rejection.

Through poetic irony and surreal whimsy, Tawada reveals the fractures of contemporary society and our dependence on technology. Beautifully designed with colored fragments derived from Flemish painter Joachim Patinier’s mannerist landscapes, the book becomes a delicate total artwork.

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