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Schuberts „Winterreise“ : Liedkunst mit Seele

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Musik

Schuberts „Winterreise, innig schön gestaltet von Konstantin Krimmel (Bariton) und dem Pianisten Daniel Heide bei den Kunstfreunden in Bensheim.Von Barbara Röder.

Im Bann des Leiermanns

Da steht er mit nackten Füßen auf dem Eis: der Leiermann. Er blickt zurück, dreht seine Leier, als sei sie das kreisende Rad seiner Erinnerungen. Ist er vielleicht nur eine Erscheinung, die im Inneren des vor Liebestaumel kranken Schubert’schen Wanderers aus dessen „Winterreise“ singt und flüstert? Oder ist es gar der Leiermann selbst, der bedacht innehält? Der sich zurückwendet, Lebensreisestationen singend rezitierend dem ihm zugewandten Lauscher offenbart? Wir imaginieren. Schuberts Liederzyklus „Winterreise“, nach Liedtexten von Wilhelm Müller 1827 vertont, gebiert Phantasmen, scheint wie ein lyrisches Monodrama zu sein. Eines, das den Geist, das Herz, die Sinne öffnet.

Zwei Künstler, ein Atem

Wenn Schuberts „Winterreise“ auf dem Programm steht, interpretiert von den Ausnahme-Künstlern Konstantin Krimmel (Bariton) und Daniel Heide (Liedbegleitung), ist beim Zuhören eines garantiert: die höchste, sublimste Kunst des musikalischen Erzählens zweier Schubert-Liedkunst-Connaisseure. Keine Hoffnungslosigkeit überfällt uns an diesem Sternstundenabend im Parktheater in Bensheim. Die Künstler lassen uns bei Schuberts traurig-schauerlichem Liedzyklus melancholisch stimmen. Denn so ist dem Hoffen nie ein Ende bestimmt: Wenn Eisblumen im Winter blühen, ist eine bessere Welt fühlbar. (Udo Samel)

Konstantin Krimmel singt, durchlebt Schuberts klingend sprechende Bekenntnisse eines Einsamen von Anbeginn („Gute Nacht“), wie einer, der selbstbewusst liebt, fast immer hoffnungsgewiss ist. Ja, Krimmel ist jener geistesgegenwärtig träumende Reflektierende, der mit Liebe, Verliebtheit im Herzen hastig dem Haus seiner Geliebten, das ihm Geborgenheit versprach, entflieht. Entfliehen muss, um sich, seine Seele zu retten. Nicht ahnend, dass er das Drama in sich trägt. Sein Erinnern und seine Träume werden ihn überfallen in der vor Eiseskälte klirrenden Nacht. Nichts wie hinaus muss er, denn seine Braut für einen Frühling hat einen anderen, reichen Werber gewählt.

Die Stimme des Wanderers

In Gefrorne Tränen treffen wir auf ein glühend heißes Herz. Das innere Drama des Flüchtenden und die äußere, klirrend kalte Natur schildert Krimmel mit betörender Ernsthaftigkeit, nie übertrieben, aber in durchs Hören sichtbar werdenden Bildern. Kongenial dazu orchestriert Daniel Heide die pianistische Stimme Schuberts. Heides ausdrucksstarke, farbintensive Zwischentöne, perkussive Naturschilderungen wie klirrende Ketten, säuselnde Winde oder tobende Winterstürme hört man selten so meisterlich interpretiert. Wir folgen dem Winterreisenden, der gefangen ist in seinen irremachenden Visionen und utopischem Träumen.

Im Lindenbaum oder Rückblick imaginieren Krimmel und Heide glasklar, trocken im Klang, realistisch spürbar den Frühling. Der Liebende beschwört das Rauschen der Blätter, das Finden der seligen Ruh. Selbst wenn im Irrlicht und „Die Krähe“ vom Grab, der „Treue bis zum Grabe“ gesungen wird, blitzt in Krimmels balsamischem Gesang Hoffen, Atemschöpfen auf, nie die totale Verzweiflung. Wenn wir im letzten Lied Der Leiermann dem wundersamen Alten, dem Leiermann begegnen, ist die letzte Station der Wanderschaft, der Winterreise, erreicht. Der Klang wird fahl und dennoch kraftvoll. Noch immer pulsiert im vom Schicksal Getriebenen ein liebendes Herz.

Krimmel Heide Schuberts „Winterreise“
Foto (c) Barbara Röder

Ein Nachklang, der bleibt

Als Zugabe erklang Schuberts Litanei auf das Fest Allerseelen. So rein, so schön, dass es schmerzt. Standing Ovations für Konstantin Krimmel und Daniel Heide. Eine Sternstunde des Liedgesangs, die die Seele berührte.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Poetisch klare, emotional durchleuchtete Interpretation
  • Präzises Zusammenspiel von Stimme und Klavier
  • Liedkunst mit melancholischer Wärme und Tiefe

Schubert’s ‘Winterreise’: Art song with soul

The hurdy-gurdy man stands barefoot on the ice, his wheel turning like the circle of memory. In their interpretation of Schubert’s Winterreise (1827, after Wilhelm Müller), baritone Konstantin Krimmel and pianist Daniel Heide evoke a world of solitude and fragile hope.

Krimmel shapes each song with a rich yet transparent voice, as a storyteller fleeing from himself, tenderly tracing the wanderer’s inner turmoil. Heide responds with pianistic nuance and color — shimmering winds, crackling frost, pulsing silence.

In songs such as Der Lindenbaum and Die Krähe, glimmers of promise emerge where despair might linger. The cycle ends with Der Leiermann: sound fades, but the heart still beats. As an encore, Schubert’s Litanei auf das Fest Allerseelen glowed in pure, aching beauty — a moment of quiet transcendence.

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