Zum Inhalt springen

„Das Rheingold“: Oper als Salzburger Welttheater

Rating: 4.75/5. From 4 votes.
Please wait...

Von Barbara Röder.

1967 inszenierte und dirigierte Herbert von Karajan, Gründer und Spiritus Rector der Osterfestspiele Salzburg, seinen zur Legende gewordenen „Ring“-Auftakt des Bayreuther Meisters Richard Wagner. Kurioserweise begann Karajan nicht mit dem Vorabend, Das Rheingold, sondern kühn und mutig mit Die Walküre. Ein furioser Anfang, der Geschichte schrieb! Dieser kometenhafte Erfolg, Neues zu schaffen, ganz Neues, scheint sich zu wiederholen. Nach 13 Jahren in Baden-Baden sind die Berliner Philharmoniker zurück an der Salzach – an jenen Ort, der für sie längst mehr ist als ein Gastspielort: eine zweite Heimat. Und erneut steht ein Aufbruch bevor: Zwei Welttheater-Gesamtkunstwerk-Visionäre machen sich daran, einem existenzialistisch tiefen „Ring“ musikdramatisches Dasein einzuhauchen: der Dirigent Kirill Petrenko und der Theatermacher Kirill Serebrennikov, der Regie führte und die Bühne und Kostüme entwarf.

Das Rheingold Beginn Monika Rittershaus
Der Beginn des Weltendramas „Das Rheingold“ / Foto: Monika Rittershaus

Im Inneren des Klangs einer mystisch-archaischen Welt ohne Ort und Zeit

Wenn Steine Ohren hätten, wären sie erfüllt von den ersten tiefen Rheingold-Es-Ton-Schwingungen der Bässe, die ins schwarze Gemäuer der Felsenreitschule eindringen, sie liebevoll kitzeln, als solle Wasser daraus sprudeln. Magisch, wie aus dem Nichts, einem Hauch gleich, schweben die düster-bedrohlichen Fagotte aus dem Graben herauf. Die sich kräuselnden Wellen der Violinen künden Urzustände, Erneuerungszustände des Daseins an. So tönt der Beginn des Rheingolds, des Vorabends zum „Ring des Nibelungen“. Die fatale Geschichte um den Verzicht auf die Liebe im Tausch gegen das vermaledeite Gold, um Macht und die Gier nach der Weltherrschaft über alle Menschengeschlechter nimmt ihren Lauf. Im Zentrum stehen Wotan, der Lichtalbe, und der Zwerg Alberich, der die Rheintöchter um ihren Schatz, das Rheingold, beraubt. Er schmiedet einen Ring, der Macht symbolisiert und die Gier danach entfacht.

Weltenbrand und Neuanfang

Während die Wogen und Wellen des Rheins musikalisch an die Felsenwände schlagen, irrt – als Videoprojektion auf herabgelassenen Quadraten über der Bühne projiziert – ein nackter, mit weißen Stammesfarben bemalter Mann umher. Sein schwarzer Mund verrät Grauen, Entsetzen, Angst. Er hastet über die kahle, eisige Steppe. Es ist Alberich, der sich seinen Weg durch die wilde Urnatur Islands, die altisländische mythische Heimat der Edda – Wagners Inspirationsquelle –, bahnt. Alberich ist ebenso wie der Lichtalbe Wotan und seine Sippe einer globalen Katastrophe entronnen, in der ein Natur-, ja tierisches wie menschliches Sein auslöschender Weltenbrand wütete. Auf dem vereisten, kahlen Kontinent Afrika suchen die Überlebenden nun Schutz und Heimat. Wir treffen im Rheingold auf „eine verlorene Menschheit, die sich neu zu Stämmen gruppiert hat“ (Serebrennikov).

Ergänzend dazu sammeln sich auf dem breiten Streifen der schwarzen Bühne mythologische Fundstücke, dem afrikanischen Kontinent huldigend: farbenfrohe Kostüme und fantasievolle Skulpturen der russischen Recycle Group. Bewegungschöre in schwarzen Kostümen, die Nibelungen oder das Gold Alberichs symbolisieren, zelebrieren kongolesische, urafrikanische Tänze. Loge ist der einzig rotgoldene Halbgott des Feuers, der als freiheitsliebender, Funken sprühender, spöttischer Akteur im roten, bunten Farbrausch agiert. Loge ist und war schon immer der Freigeist des Dramas! Ein unabhängiger Skeptiker, klug und schicksalsresistent. Er ist musikalisch in feinster Leittonmanie immerdar bis zum glühenden Ende des Rings präsent. Dann nämlich, wenn Brünnhilde nach den „starken Scheiten“ zum Entfachen des Weltenbrands in der Götterdämmerung verlangt.

In einer weiteren starken Szene starrt Wotan in glühend rote Lavaströme. Den Rücken hat er uns zugewandt. Im oberen Teil der langgestreckten Bühne der Felsenreitschule fließen sie: Lavaströme, die als magisch-eruptive Videoprojektion das Ende, das der Göttervater Wotan als Wanderer in der Walküre herbeisehnt, symbolisieren. Er imaginiert bereits das, was Erda prophezeien wird, oder hat es schon erlebt? – Ist Wotan, wie wir alle, in der ewigen Wiederkehr des Gleichen gefangen?

Endzeit, Ring und ewige Wiederkehr

„Alles, was ist, endet: Ein düstrer Tag dämmert den Göttern: Dir rat’ ich, meide den Ring!“, warnt Erda vorausschauend den Lichtalben Wotan. Begegnen wir ihm und seiner Sippe in Serebrennikovs Rheingold-Ausdeutung, nachdem sie den Flammen, die am Ende der Götterdämmerung gewütet haben, entronnen sind? Denn Serebrennikovs Endzeitstimmungsdrama birgt ein fulminantes Aufbruchsszenario für jene, die einen Anfang wagen werden: alle, die über die Brücke in Walhall einziehen, und jene, die sich eine neue Existenz schaffen: Alberich, Mime und Fafner. Serebrennikov denkt, inszeniert und konzipiert seine spektakuläre Rheingold-Weltinnenschau vom Ende des „Rings“ her. Der Untergang der alten Welt hat bereits stattgefunden. Eine neue Chance wartet im Rheingold auf die Götter und Menschen. Der ewige Kreislauf von Vergeblichkeit und Vergänglichkeit ist allgegenwärtig spürbar. Keiner wird entkommen.

Packende Figurenporträts

Zuerst scheint uns der gefeierte Liedinterpret Christian Gerhaher, der den Göttervater Wotan verkörpert, fern von dem, was wir kennen. In Serebrennikovs Ring-Ausdeutung ist Wotan einer, der vieles, wenn nicht alles, hinter sich gelassen hat. Er ist ein Mensch, der sich als Gott gebärdet, als Stammesführer. Einer, der immer wieder nachdenkend auf Resett schaltet. Einer, der sich wieder, trotz aller seiner gewonnenen Erkenntnisse aus der gerade überlebten Katastrophe, in den eigenen Fesseln des Verlangens nach Macht verfängt. Gerhaher ist jener philosophische, reflektierende Geist, der mit feiner Dynamik und gehaltvoller Artikulation singt und gestaltet. Die Abphrasierungen seines Gesangs am Ende großer Passagen können als nachdenkliches Seufzen interpretiert werden. Gerhaher bietet einen ungewöhnlichen, spannenden und kammermusikalisch sich ins Geflecht der Orchesterstimmen verwebenden Gesang eines sonst zu stimmgewaltig tönenden Wotans. Und vielleicht ist uns dieser Wotan so nahe, da er menschlich ist und so gar nichts aus der Katastrophe gelernt hat. Denn um ihn herum leben Verängstigte, zutiefst Verletzte, dem Weltenbrand Entkommene, die sich und ihre Identität neu erfinden müssen. Aber er handelt kaum. Zeigt keine Empathie.

Das Rheingold Christian Gerhaher Wotan Salzburg
Christian Gerhaher (Wotan) © Frol Podlesnyi

Gold, Feuer, Stimmen

Alle Stimmen des Ensembles überraschen mit ihrer Frische und Unverbrauchtheit ebenso wie mit ihrer präzisen Textverständlichkeit. Der hochemotional agierende Alberich von Leigh Melrose, die Lieblingsfigur Serebrennikovs und kruder Gegenspieler Wotans, lässt staunen. Melrose setzt stimmlich einen melodiös prägnanten Gegenpol zu Wotan. Klar in Diktion und herausforderndem Wollen gegenüber den Rheintöchtern, leidend, aber immer autark, wenn er als Alberich im Holzblock gefangen ist. Auch eine starke, zutiefst menschliche Figur! Beeindruckend ist die farbige gesangliche Agilität des wendigen Mimen von Thomas Cilluffo. Jasmin White verleiht der Erda klangvolle, dunkle Würde. Sie ist eine Entdeckung und eine Wucht in ihrer kurzen warnenden Prophezeiung, die das Ende der Götter vorausahnt.

Hell und markant in der Stimmfarbe überzeugt Brenton Ryan als listiger, alles vorausahnender, kalkulierender Loge. Die liebevoll gestaltete Fricka wird von Catriona Morison mit leuchtend warmem Sopran gesungen. Sie ist eher ein unscheinbares Weib als eine fordernde Frau. Sie hat an der Seite Wotans viel erduldet und erlebt. Le Bu und Patrick Guetti bieten als Fasolt und Fafner faszinierende Charakterpartien, die aufhorchen lassen. Markant sehnsuchtsvoll klingt der lyrisch liebende Fasolt von Le Bu, höllisch, von Gier besessen, der Fafner von Patrick Guetti. Yajie Zhang (Wellgunde), Jess Dandy (Floßhilde) und Louise Foor (Woglinde) bestechen vokal mit süßem, markantem Charme und mit lasziv das Gold huldigenden Gesten.

Das Rheingold Salzburg Wotan Erda Frol Podlesnyi
Jasmin White (Erda), Christian Gerhaher (Wotan) © Frol Podlesnyi

Im Inneren des Klangs

Das Rheingold ist durchdrungen vom sprachlichen Verfluchen der Liebe, während das Finale der Götterdämmerung die musikalische Erlösung und Preisung der Liebe impliziert. Walhall-, Rheintöchtergesang und Erlösungsmotiv verweben sich musikalisch ineinander zu einem allumfassenden letzten „melodischen Moment“, wie Wagner selbst seine Leitmotive nannte, als die Götter von den Flammen verhüllt sind. Illustres Werden, leuchtendes Entstehen und schmerzliches Vergehen sind im klang- und klagevollen musikalischen Erzählen allgegenwärtig.

Im irisierenden Finale wenden sich die Lichtalben dem Regenbogen zu, schreiten über die Brücke hin zu Walhall. Wir hören das Licht, den Regenbogen, in oszillierenden Astralgesängen aus dem Orchester aufleuchten. Petrenko entführt mit brillanter Geistesgegenwart und musikalischer Emotionsgewissheit in ein mythologisch tönendes A und O, wo Ort und Zeit aufgehoben sind: ganz hinein ins Innere des Klangs. Eruptiv, schonungslos, wahr!

Ein atmosphärisch herausragendes Salzburger Rheingold, ein künstlerisches Fest, das ebenso wie der Klangphilosoph Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker, eines der weltbesten Wagner-Orchester, mit langanhaltendem, begeistertem Jubel gefeiert wurde. Outstanding, bravo!

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Das Wichtigste in Kürze

  • Utopisches Welttheater zwischen Weltenbrand und Neuanfang
  • Präzise gezeichnete Figurenporträts um Wotan und Alberich
  • Klangliche Tiefenschärfe der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko

“Das Rheingold”: Opera as Salzburg’s global theatre

In the dark stone of Salzburg’s Felsenreitschule, Kirill Petrenko lifts Wagner’s “Rheingold” as if the beginning of the “Ring” rose from a world after a global conflagration. The low E-flat waves of the basses, the ominous bassoons and the surging violins open a mystical, archaic sphere in which Kirill Serebrennikov’s staging shows the mythical figures as survivors on a frozen African continent, forced to regroup into new tribes.

Christian Gerhaher’s Wotan appears as a quietly philosophising, chamber-like man of power whose gently fading phrases make the character’s hesitation audible. Around him the other roles stand out vividly: Leigh Melrose’s existentially driven Alberich, Thomas Cilluffo’s agile Mime, Jasmin White’s dark-toned Erda, Brenton Ryan’s flickering Loge, Catriona Morison’s quietly suffering Fricka and a sharply drawn pair of giants.

In the final tableau, Walhall motif, Rhinemaidens and redemption theme fuse into one shimmering “melodic moment”. As the light-elves turn towards the rainbow and cross the bridge to Valhalla, Petrenko leads the audience with unsparing clarity into the “inner core of sound” – a radiant alpha and omega beyond place and time.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert