Seligmachende Holzbläser-Kammermusik bei den Osterfestspielen in Salzburg 2026: Mitglieder der Berliner Philharmoniker spannen zwischen Giuseppe Cambini, Luciano Berio, Pavel Haas und Leoš Janáček einen kammermusikalischen Bogen „von Tieren und Menschen“ – vom formidablen Nachmittagskonzert im Großen Saal des Mozarteums bis zur geheimnisumwobenen Sinfonia concertante KV 297b im Großen Festspielhaus. Das Be Phil Orchestra spielt die Sinfonia concertante Es-Dur KV 297b für Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Orchester mit Jonathan Kelly (Oboe), Wenzel Fuchs (Klarinette), Yun Zeng (Horn) und Stefan Schweigert (Fagott) unter dem Dirigat von Tugan Sokhiev. Von Barbara Röder.
„Von Tieren und Menschen“ lautete das Motto des formidablen kammermusikalischen Nachmittags am Ostersamstag 2026, der im Großen Saal des Mozarteums stattfand. Nachdenkliche Kapriolen aus Italien, Tschechien und ein wenig Frankreich versprach die Musik von Giuseppe Cambini, Luciano Berio, Pavel Haas und Leoš Janáček, die die Mitglieder der Berliner Philharmoniker – Stefan Ragnar Höskuldsson (Flöte), Dominik Wollenweber (Oboe), Andraž Golob (Klarinette/Bassklarinette), Stefan Schweigert (Fagott), Johannes Lamotke (Horn) und Matic Kuder (Klarinette) – in dieses, vielleicht vom „Rheingold“ inspirierte Programm, aufnahmen. Man stelle sich fünf nachdenkliche, melancholisch gestimmte und zugleich beherzt burschikos aufspielende Geschichtenerzähler vor, die unter einer Linde sitzen. Sie finden sich wie zu Schuberts Zeiten zusammen, plaudern, sinnieren, tanzen und vergessen die Welt.
Fabeln mit scharfem Blick
Mit Giuseppe Cambinis Quintetto concertante in B-Dur wurde das Konzert eröffnet. Cambini, ein Zeitgenosse Mozarts, lebte ab 1770 in Paris und schuf zahlreiche Opern, Sinfonien und Werke für Bläserensembles. Er galt als ein in Paris äußerst produktiver italienischer Komponist, wurde von Gluck hochgelobt und von Mozart sogar angefeindet. „1778 beschuldigte Mozart den Italiener sogar, die Aufführung seiner Sinfonia Concertante für vier Bläser, KV 297b, beim Concert Spirituel behindert zu haben.“ Rivalitäten unter Musikern – Gerücht oder Tatsache? Wir wissen es nicht. Cambinis Werk, das dem leichtfüßigen Gout der Pariser Rechnung trägt, beginnt mit einem majestätischen Allegro – ganz nach dem Geschmack der Franzosen in der Zeit vor der Revolution: Pracht, Prunk und die Leichtigkeit der italienischen Arie, wie man sie aus Opern à la Cimarosa kennt. Viel Opernhaftem spüren die Musiker im Larghetto cantabile nach: Die Süße der Melodie, mal vom Horn, mal von der Klarinette gesungen, wird von pochenden „Herzschlägen“ im Fagott begleitet. Im Rondo-Finale wandert ein virtuos anmutendes Thema variierend durch alle beherzt aufspielenden Instrumente.
Mit Luciano Berios „Opus Number Zoo“ in der Fassung für Bläserquintett stand ein ganz besonderes Werk im Fokus des Konzerts. Wer die komplexe „Rheingold“-Inszenierung von Kirill Serebrennikov erlebt hatte, empfand in einer Geschichte aus dem Kosmos des „Opus Number Zoo“ gedankliche Parallelen. Als Zusatz trägt das 1951 entstandene und 1970 revidierte Werk für Bläserquintett und Sprecher den Titel „Children’s Play for Wind Quintet“. Den Text der kurzen „märchenhaften Fabeln“, die die Musiker zusätzlich zum Musizieren sprechen, schrieb Rhoda Levine.
Die Geschichten, denen wir lauschen, sind zum einen Zustandsbeschreibungen übermütiger Tiere, zum anderen tiefsinnige Betrachtungen des allzu menschlichen Getiers. Man hört prägnante Wortspiele, die mit hochvirtuoser Instrumentalkunst verwoben sind und mal humoristisch, mal melancholisch zum Schmunzeln und Nachdenken anregen.
Sanfte Tiere sind es nicht immer, welches der italienische Komponist Luciano Berio in den vier musikpoetischen zoologischen Sprachkompositionen präsentiert. Im „Tanz in der Scheune“ ist ein Hühnchen erfreut darüber, mit dem Fuchs ein Tänzchen wagen zu dürfen, und wenn das Licht gelöscht ist, hat es sein Leben gelassen, während des wilden gefiederten Balztanzes. „And the light goes out“ heißt es im Text. Das Licht des Huhnes verlosch. Armes, dummes, eitles Huhn – selbst schuld! Die anrührendste Tierfabel ist die eines Rehs, das sich beim Anhören des Getöses von Bomben fragt, wie es sein kann, dass der Zweibeiner Mensch die sanfte, stolze Erde vernichtet. „What can be the reason?“ Eine immer gültige Frage für Mensch und Tier. In „Die graue Maus“ schaut eine alte, müde Maus den jungen, huschenden, quietschenden Tanzmäusen zu, musikalisch illustriert durch hohes, raschelndes Flötengesause und -geflirre. Auch hier überwiegt ein melancholischer Ton. Der Rückblick in die Jugend lässt die alte Maus, eine stark vermenschlichte Figur, weise werden und den Ratschlag geben, die Jugend gut zu nutzen. Die lustigste Geschichte der vier schildert den Revierkampf zweier stolzer Kater, die sich mächtig in die Wolle kriegen. „Oh, it was a beastly fight“ sprechen die Musiker so genüsslich aus, dass der komplette Saal lächelt. Beide Großstadtkater humpfen mit erheblichen Blessuren nach diesem tierischen Kampf nach Hause. Ein köstlicher Vortrag, der Wort und Tonkunst gleichermaßen vereinte, den die fünf Musiker ebenso genossen wie das Publikum.
Mit Charme und im süffisanten Plauderton erläuterte Johannes Lamotke, der Hornist des Quintetts, viel Wissenswertes zu den Werken und deren Kompositionsgeschichte. Kleine Komponistenporträts verrieten ein wenig die Dramaturgie für die Auswahl der Stücke. Die beiden letzten Bläserkammermusiken führten musikalisch nach Mähren: Pavel Haas’ „Bläserquintett op. 10“ und das burschikos verspielte Bläsersextett „Mládí“ (Jugend) vom Brünner Leoš Janáček.
Mährische Schatten, jüdisches Licht
Der tschechisch-jüdische Komponist Pavel Haas zählte wie viele Künstler seiner Generation zu denen, die in Theresienstadt und Auschwitz zu Tode kamen. Spät erst wurden die Werke der „Theresienstadt-Komponisten“ entdeckt und neu interpretiert. Pavel Haas hatte in den 1920er-Jahren den Ruf, der bedeutendste Schüler von Leoš Janáček zu sein. Sein „Bläserquintett op. 10“, komponiert 1929, wurde nach der Premiere in Wien 1935 hoch gelobt.
So klingen in dem mit mährischem Zungenschlag tönenden Werk drei wichtigste Ausgestaltungskomponenten durch: Haas’ Vorliebe für tschechische Volksmelodien, die Melodik von Synagogengesängen und die „polyrhythmische Struktur der europäischen Nachkriegsmoderne“ (L. Peduzzi). Dies ist in der fein ausmusizierten Interpretation des Bläserquintetts der Berliner Philharmoniker spür- und erlebbar. Der dritte, sehr rhythmisierte Satz „Ballo eccentrico“ steht als Kontrapunkt dem in sich gekehrten, vergeistigten vierten Satz „Epilogo“ gegenüber. Eine gelungene Entdeckung für uns Hörer!
Goldene Jugend im Bläsersatz
Zum Kehraus erklingt „Mládí“ (Jugend) von Leoš Janáček. Zum Bläserquintett mit Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott gesellt sich eine Bassklarinette und der Klarinettist Matic Kuder. Die humoristisch klingende Melodie der Piccoloflöte symbolisiert im dritten Satz pfeifende Chorknaben des Klosters, die in ihren blauen Uniformen umherstreifen. Janáček hatte in seiner Jugend harte Zeiten im Brünner Augustinerkloster erlitten. Mit dem „Marsch der Blaumeisen“ schenkt er jenen Eleven des Klosters kompositorisch liebevolle Erinnerungen.
Zu seinem 70. Geburtstag 1924 beschenkte sich der Sprachmelodie-Fanatiker Janáček mit dem Bläsersextett „Mládí“ selbst. Die Sprachmelodie des Mottos „Mládí, zláte Mládí“ („Jugend, goldene Jugend“) übertrug er auf alle Instrumente. Dieses Motto findet sich im ruhigen Part des keck ausschweifenden letzten Satzes. Eine wahre Anekdote besagt, dass die erste Aufführung des Geburtstagsständchens „Mládí“ nicht nur an einer defekten Oboe, sondern auch an einer defekten Klappenmechanik der Klarinette scheiterte.
Das Motto des Kammermusiknachmittags hätte auch „Von sanften Tieren und wohligen Tönen“ heißen können. Die herausragenden Holzbläser-Solisten der Berliner Philharmoniker wurden mit begeistertem Applaus und herzlicher Sympathie in den österlichen Abend verabschiedet. Zu gern hätten wir uns als Zugabe von diesen exquisiten Musikern Samuel Barbers „Summer Music“ (1956) gewünscht. Vielleicht im nächsten Jahr, wenn bei den Osterfestspielen 2027 „Die Walküre“ die Bühne erobert und weitere konzertante sowie sinfonische Highlights der Berliner Philharmoniker Salzburg zur begehrten Festivalstadt krönen.
Zwei Tage zuvor, am Gründonnerstag, erklang im Großen Festspielhaus in Salzburg ein Werk, das als geheimnisumwoben gilt und laut Quellen Rätsel aufgibt, ob es überhaupt aus der Feder des berühmten Sohnes der alten Residenz- und Fürstenbischofsstadt Salzburg stammt: Wolfgang Amadeus Mozarts „Sinfonia concertante in Es-Dur KV 297b“.
Aus Briefen wissen wir, dass Mozart aus Paris schrieb und andeutete, was er vorhatte: „Ich bin im Begriff, eine Sinfonia concertante zu komponieren: Flöte, Wendling; Oboe, Ramm; Horn, Punto; und Fagott, Ritter. Punto spielt prächtig“, heißt es 1778 hoffnungsvoll. In der Hauptstadt des musikalischen letzten Schreis und Chics hielten sich vier Spitzenmusiker des Mannheimer Orchesters auf.
Als 1870 eine Abschrift des Stücks – also kein Original aus Mozarts Hand – auftauchte, begannen Zweifel an der wahren Identität der Komposition. Sicher ist, dass Mozart ein feines Gespür für den Gout der Franzosen für Konzerte mit mehrfach besetzten Solobläsern hatte. Wie schon erwähnt, streute Mozart die Geschichte, wonach der Wahlfranzose Giuseppe Cambini die Aufführung eines solchen Bläserkammerkonzerts in Paris aus Missgunst vereitelte. Cambini, dessen Bläserquintett am Ostersamstag im Mozarteum erklang, komponierte viel für die Bläserkammermusik – noch vor dem Mozartverehrer Franz Danzi, der als einfallsreicher Pionier dieses Genres gilt.
Ein formidables, spielfreudiges Bläser-Solistenquartett präsentierte die selten zu hörende „Sinfonia concertante Es-Dur KV 297b“ für Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Orchester. Als Solisten brillierten Jonathan Kelly (Oboe), Wenzel Fuchs (Klarinette), Yun Zeng (Horn) und Stefan Schweigert (Fagott). Das üppig und zugleich elegant burschikos klingende Be Phil Orchestra, eine Orchesterformation, in der Amateurmusiker gemeinsam mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker musizieren, dirigierte Tugan Sokhiev mit aufmerksamer Gelassenheit und feinem Gespür für Nuancen und Farbigkeit.
Die Partitur setzt mit zwei Oboen und zwei Hörnern besondere Klangakzente. In den drei Sätzen Allegro, Adagio und dem lebhaften Andantino con variazioni zeigt sich der virtuose, stets dialogfreudige Zungenschlag des klassischen Konzerts. Die instrumentenspezifische Klangsprache spiegelt im Variationssatz Mozarts Vorliebe für den Typus eines Rondo alla caccia. Das jagdartige Finale wirkt nach einem kurzen, milden Adagio wie eine triumphale Bejahung des Lebens.
Herzlicher Applaus auch hier für die hochvirtuosen, mit beseeltem Tiefgang musizierenden Bläsersolisten der Berliner Philharmoniker und das Be Phil Orchestra mit ihrem Dirigenten Tugan Sokhiev. Großes Kompliment!
Holzbläser-Kammermusik (Woodwind chamber music) at the Salzburg Easter Light Festival
“Of Animals and Men” framed an afternoon of chamber music by members of the Berliner Philharmoniker at the Salzburg Easter Festival 2026 in the Great Hall of the Mozarteum. Giuseppe Cambini’s Quintetto concertante in B-flat opened with Parisian elegance, an operatic Larghetto and a virtuosic rondo that let the woodwinds pass the theme playfully among themselves. At the centre stood Luciano Berio’s “Opus Number Zoo” for wind quintet and speaker, whose animal fables, oscillating between comedy and melancholy, expose human vanity, fear of war and age with dry wit.
Pavel Haas’s Wind Quintet op. 10 brought together Moravian folk inflections, cantillation-like synagogue lines and polyrhythmic modernity, a late-recognised document by a composer murdered in Theresienstadt. Leoš Janáček’s “Mládí” finally transformed youthful memories from the Brno monastery into boisterous wind poetry: whistling choirboys in the piccolo flute, the motto “Mládí, zláte Mládí” running like a luminous thread.
Two days earlier, Mozart’s enigmatic Sinfonia concertante in E-flat major KV 297b at the Großes Festspielhaus let soloists Jonathan Kelly, Wenzel Fuchs, Yun Zeng and Stefan Schweigert blossom alongside the Be Phil Orchestra under Tugan Sokhiev’s nuanced direction. A double Easter radiance over Salzburg’s woodwinds.


