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Henriette Wulff, Andersen und das Feuer

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Buch Literatur

Zwei bewundernswerte Frauen, die abfackelnde „Austria“ und ein schrulliger Dichter: Eine Korrespondenz über die letzten Geheimnisse stülpt das Innerste nach außen. Von Ingobert Waltenberger.

Gnadenlos. Eine Frau – Henriette Wulff – treibt nackt auf einer Kabinentür im Ozean. Rund umher beißender Rauch des brennenden Auswanderungsschiffes „Austria“. Tod und imaginierte Worte. Lügen und Schonung haben ausgedient.

Feuer auf offener See

Henriette Wulff ist ein Opfer der Schiffskatastrophe, die sich historisch stimmig am 13. September 1858 im Atlantik ereignete. Das eiserne Schraubendampfschiff „Austria“ sollte sie und über 500 andere Passagiere in eine bessere, tröstlichere Welt, nämlich nach Amerika, bringen. Zumindest träumten damals alle davon. Henriette will als erstes das Grab ihres Bruders Christian besuchen, der auf der letzten gemeinsamen Reise an Gelbfieber starb und nun in Beaufort begraben liegt.

Alle liebenswürdigen bis nervenden Personen auf See entstammen dem vollständigen Namensverzeichnis einer 50-seitigen Sonderausgabe des Leipziger Familienblatts „Die Gartenlaube“. So treffen wir in den fiktiven Briefen der Henriette an ihren platonisch geliebten Lebensmenschen H. C. Andersen auf den Kapitän F.A. Heydtmann, den italienischen Singvogelliebhaber und Tenorino Giovanni Palicrusca, den jüdischen Revolutionär Alexander Friedländer, den Chefdirigenten der New Yorker Philharmoniker, Theodore Eisfeld sowie der rotschopfigen Wiener Gärtnerin Johanna Stirba.

Briefe ins Ungewisse

Natürlich geht es in den Briefen, die Henriette und Hans Christian einander schreiben, nicht nur um die Chronik eines der dramatischsten Schiffskatastrophen des 19. Jahrhunderts. Im langwierigen Bangen zaudert der feige Dichter, ob er nun den Blick in die Liste der Überlebenden wagen soll oder nicht. Die Entscheidung schwankt:  Soll sich Andersen der möglicherweise desillusionierenden Wirklichkeit stellen oder doch lieber das Reale im Nebel hängen und trübe darben lassen?

Literatur gegen das Schicksal

Stefan Kutzenberger entführt uns auf eine Reise der Liebe und des Untergangs, die das historisch Verbürgte sich anverwandelnd, in kreisenden Gedanken Macht und Ohnmacht der Literatur, die Konnotation von freiem Willen versus höhere Mächte sowie das brüchige Thema der menschlichen Nähe illusionslos sich ineinander verhakend mitverhandelt.

Ein klein wenig blinzelt Kutzenberger ins Jetzt, wenn er Fragen der Kulturförderung, den Wert von Kunst und Kultur in einer Gesellschaft nicht beiseitelassen kann. (Anm.: Der dänische König hat Andersen finanziell großzügig unterstützt). „Kann ein Schriftsteller derart Teuflisches verlangen, den Weg der Geschichte kraft Literatur verändern zu können?“ Mein Tipp: Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er daran scheitern.

Die Größe und Bedeutung des Buches resultiert nicht in erster Linie aus verzweigten philosophischen Überlegungen zu Fatum und Selbstbetrug, Überhebung und individuelle Freiheit. Wiewohl der Tod präsent ist, strahlt das Leben aus den Briefen von Jette und ihren Hans Christian in den Mund gelegten Repliken und umso heller und eindringlicher. Klarsicht statt Camouflage im gut eingeübten Dunkel des Verdrängens.

Henriette weiß um die eitel selbstgefälligen Ergüsse, die Wehleidigkeit sowie die peinigenden kindlichen Schwärmereien ihres Freundes. Ein verschrobener Nerd und emotional in der Pubertät stecken Gebliebener ist er, dieser berühmte dänische Schriftsteller. Aber in seinen Romanen und Märchen ist er zu einer ungemeinen seelischen Delikatesse fähig. Empathisch schlüpft er bis in die letzten Winkel der Seelen seiner Figuren. So kann er sich der Bewunderung, ja der gedanklich intimsten Nähe zu Henriette versichern.

Zwei Frauen, ein Zentrum

Aufräumen und Sehnsuchtsbekundungen einer engen Beziehung sind das Eine, die Gegenwelten von Luxuspassagieren zu Personen des Zwischendecks das Andere. Eine Wertung lässt Kutzenberger offen, macht aber kein Hehl daraus, wem seine Sympathien gehören. In Henriette und der quirligen Hansi Stirba, Wienerin mit Hausverstand, porträtiert Kutzenberger zwei gar grandiose Frauengestalten in al fesco Manier, durch und durch Prachtexemplare ihres so gar nicht schwachen Geschlechts. Und macht damit ein wenig gut, was in der Rezeption der Bedeutung von Andersen bisher fehlte, nämlich eine literarische Auseinandersetzung mit Andersens Muse Henriette Wulff.

In den nur wenigen Stunden, die Henriette und Johanna an diesem 13. Tag an Bord vergönnt sind, entwickelt sich eine Freundschaft, die in ihrer Bedingungslosigkeit und Wärme das eigentliche Epizentrum des Romans bildet. Hansis kritischer Befund gegenüber ihrer Heimatstadt Wien – „Das Problem an Wien sind nämlich die Wiener, deshalb wander‘ ich ja aus.“ – klärt sich im weiteren Verlauf der Geschichte auf. So viel sei verraten: Wir befinden uns dazu auf einmal in der Villa des Dichters und Regierungsrats Jospeh Sonnleithner, Gründers der Gesellschaft der Musikfreunde. Natürlich spielt da auch Andersen seine nicht rühmliche Rolle ähnlich wie jener aus Unschuld schuldig gewordene Herr Botulitzky in Heimito von Doderers fatalem Roman „Ein Mord, den jeder begeht.“

Wie verbogen klingt Andersens Absicht, einen Liebesroman aus seinem Erleben mit Henriette Wulff zu schöpfen: „Er wird davon handeln, wie wir beide auf der Suche nach einer tieferen Wahrheit uns immer näherkommen, so lange bis wir eins werden, was aber natürlich nur in einer übernatürlichen Vereinigung Ausdruck finden kann.“

Mag der Leser oder die Leserin den Blick durchs Schlüsselloch auf Hans Christian Andersens Spleens, seine Arbeitsweise, seine sexuellen Vorlieben suchen. Da wird man sicher fündig. Denn Kutzenberger hat in jahrelanger Vorbereitung alle veröffentlichten Texte und Briefe studiert, auch einige Originalzitate aus dessen Gedankenwelt in die Briefe einfließen lassen. Die enge Durchdringung von Authentizität und Fiktion ist ein Charakteristikum dieses Briefromans um eine versunkene Welt. Beklommen ist zu erfahren, dass ein sonniger Tag nach zehn Tagen Schlechtwetter samt der zur Durchlüftung angeordneten Ausräucherung des Zwischendecks Auslöser der Brandes waren.

Henriette Wulff Kutzenberger Picus Verlag
Cover: Picus Verlag

Die Kunst der Konstruktion

Die Faszination des Buches rührt von der Geschichte farbenreich modellierter Menschen sowie der trickreichen Konstruktion. Denn die Briefe des Romans wurden ja nie geschrieben, geschweige denn abgeschickt. Dem glatten Wasser gleichen die verzückt sich spiegelnden Erinnerungen von Henriette. Sie ist es auch, die die Antworten des Dichterfreundes entwirft. Der Autor schlüpft in die Haut der den Elementen ausgesetzten Frau, die sich wiederum die Worte und Beichten des mal enthusiasmierten, mal aufgebrachten, mal aufgelösten Andersen zusammenreimt.

So viel sei noch verraten. Henriette erlebt auf dem Schiff eine Romanze, die in ihrer Bewegtheit und Kürze etwas Versöhnliches und unendlich Zartes an sich hat. Die Ehrlichkeit und Offenheit einer Hingabe hat ja bekanntlich nichts mit ihrer Dauer zu tun.

Für Opern-Aficionados: Auch die Nachtigall Jenny Lind und noch mehr Musikalisches kommen zu Ehren. Die Diva hat nämlich dem Heiratsantrag des ewig in eine Person – egal welchen Geschlechts – verliebten Dichter doch glatt eine wohlverdiente Absage verpasst. Schwesterliche Gefühle mit dem Phantasten sind völlig ausreichend, hat die kluge Frau messerscharf erkannt.

Verlassen wir nun Jette, wie sie Andersen liebevoll adressiert, ihre Lage auf dem Meer und schauen auf das, was der Autor noch aus der Historie geschöpft hat. Es ist wohl so, dass so manche Überlegung Andersens auch Schöpfungsprozesse der Literatur im Allgemeinen betreffen: „Du kennst das, wie kleine gelbe Küken purzeln die Ideen aus mir heraus und wie eben diese laufen sie dann in alle Richtungen davon. Es ist nicht leicht, sie wieder einzufangen oder auf einen gemeinsamen Weg zu bringen“.

Stefan Kutzenberger spannt die zahlreichen Stränge und Details aus Gegenwart und Vergangenheit zu einem großen Bogen, einem Panorama der conditio humana im Kleinen, das sich mit dem Blick auf das Unendliche der Natur weitet. Dazu gesellt sich eine in ihrer Poesie, Dichte und Präzision wie aus den Urtiefen des Meers entstiegene Sprache. Da ist kein Wort zu viel. Keine Metapher abgenutzt.

Ist die Illusion reicher und dringlicher als die Wahrnehmung der Wirklichkeit? Beides entspringt doch demselben Urgrund des anverwandelt Schöpferischen, der Apperzeption und deren Verdauung ins Eigene.  Andersen hat darauf seine für ihn maßgeschneiderte Antwort. „Man muss sich selbst opfern, um höhere Einsicht und spirituelle Tiefe zu erlangen.“ Er opfert dafür zwar nicht sein Auge, dafür legt er das Gelübde der Keuschheit ab. Wie wir erfahren, geht er damit aber auch nicht sonderlich strikt um.

Offenes Ende im Nebel

Das Ende: Plötzlich taucht am Horizont eine französische Barke auf. Bringt sie Rettung und wenn ja, für wie viele der nicht zahlreichen Überlebenden? Dazu studiert Andersen in einem Zeitsprung die Namen der Passagiere. An die Liste der Lebenden wagt er sich lange nicht. Von den vier Personen auf dem Schiff, die ihm vertraut sind, haben zwei überlebt. Ist Henriette darunter? Jetzt verabschiedet sich der Kritiker mit einem Tritt in seinen eigenen Allerwertesten. Das Feld gehört ganz dem Leser und der Leserin, die vielleicht dieselbe eigentümliche Anziehung und Magie bei der Lektüre von „Die Liste der Lebenden“ erspüren wie ich. Nicht zuletzt sorgen knackige 208 Seiten und ein liebevoll entworfenes Retro Cover für eine bibliophile Lesefreude. Alles in allem ist Kutzenberger ein begnadeter Geschichtenerzähler.

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Stefan KutzenbergerDie Liste der Lebenden
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Henriette Wulff, Andersen and the fire

Stefan Kutzenberger’s novel revolves around the historical disaster of the emigrant ship “Austria,” which caught fire in the Atlantic in 1858. At its center is Henriette Wulff, traveling to America and corresponding in fictional letters with Hans Christian Andersen. Between fear of death and memory, a literary dialogue unfolds that explores inner states rather than the catastrophe itself.

Kutzenberger blends historical fact with poetic imagination. The letters, never written, create a space where reality and possibility overlap. Questions of truth, self-deception, and the power of literature emerge. Andersen appears as a hesitant observer, torn between sensitivity and avoidance of reality.

The female characters are particularly striking. Alongside Henriette stands Johanna Stirba, whose directness contrasts with introspection. Their brief yet intense encounter becomes the emotional core of the novel.The language remains precise and poetic. Kutzenberger creates a nuanced panorama of human existence between hope and loss, unfolding through subtle, resonant shifts in perspective.

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