Wenn Leben vorüberzieht: tief, wahr, allmächtig… Von Barbara Röder.
Ganz besondere Balladen-Poesie an einem Abend zu erleben, hat Seltenheitswert. In diesen unruhigen Zeiten, sei es im dunkel kühlen und nassen November ’25 oder inmitten geschäftiger Weihnachtsvorbereitungen, sehnt sich der Mensch nach Geschichten und Gesängen. Welche, die berühren und zutiefst menschlich sind. Geschichten, die Herz und Gemüt, ja die Seele berühren, mitschwingen und sie singen lassen. Geglückt ist dies zwei formidablen Künstlern, zwei visionären Ausnahme-Interpreten im Casals Forum Kronberg: dem dramatischen Liedton-Erzähler, Bariton Konstantin Krimmel, und dem Tastenzauberer Daniel Heide.
Balladenzauber in dunklen Zeiten
Den Beginn der hochdramatischen Miniatur-Opern bildeten auserwählte Balladen von Carl Loewe (1796–1869). Loewe, Meister der klassischen Kunstballade, bespiegelt den Zeitgeist des Biedermeier, die Liebe zu Schauergeschichten sowie die Begeisterung für Geister- oder Rittermärchen. Die Wahnsinnsopern „Lucia di Lammermoor“, „Norma“ oder „La Sonnambula“ der Belcanto-Komponisten Gaetano Donizetti und Vincenzo Bellini, um nur zwei bedeutende Vertreter zu nennen, offenbaren die düster tönende Nachtseite der Romantik, auch Schwarze Romantik der europäischen Kultur genannt. Literarisch sind E. T. A. Hoffmann, Novalis, Poe und Shelley ihre Protagonisten. Musikalisch verkörpert Franz Schubert exemplarisch mit seinen Liedern „Der Doppelgänger“ und „Der Tod und das Mädchen“ oder den Balladen „Der Erlkönig“ oder „Nachtstück“ deren Hauptvertreter. Die beiden letztgenannten musikpoetischen Nachtgesänge erklangen im zweiten Teil des Liederabends nach der Pause.
In Loewes „Archibald Douglas“ (1857), der heroisch altschottischen Ballade von Theodor Fontane, wird die tragische Kampfatmosphäre des schottischen Adels gegen König Jakob V. und das Finden der Heimaterde vor der Schlacht geschildert. In „Tom, der Reimer“, der Balladentext stammt ebenfalls von Theodor Fontane, klingen verwunschene, lockende Silberglöckchen im hohen Register des Klaviers, wenn die Elfenkönigin ihren Geliebten für sieben Jahre und auf ewig entführt.


Schauerklänge und Seelenspiegel
In allen Miniatur-Schauer-Kosmen spiegelt der Klavierpart wie ein innerer und äußerer Seismograf, fühlend und miterlebend, die Daseinszustände des Erzählenden, seine Herzens- und Seelenschwankungen oder fröstelnd machende Naturschilderungen wider. So vernehmen wir deutlich hörbar das leise Säuseln der Blätter, Meerestoben oder silberne, helle Glöckchen an einer Pferdedroschke („Tom, der Reimer“). Klavierlied-Connaisseur Daniel Heide beherrscht es mit wachem Spürsinn und delikater Brillanz, auf mannigfache Weise zu imaginieren und Bilder hervorzurufen vor unserem inneren Ohr und Auge. Er ist ein ebenbürtiger Partner für den glänzend, wundersam Seelen-Geschichten interpretierenden Bariton Konstantin Krimmel. Krimmel ist ein charismatischer Balladen-Verführer, der musikalisch die verworrenen Schicksalswege seiner Liedfiguren bloßlegt. Sein hoher, ziseliert kultiviert anmutender Bariton – vergessen wir nicht sein fulminantes Debüt als Don Giovanni in München an der Staatsoper diesen Sommer! – vermag ganz mit dem Wesen der Figuren zu verschmelzen.
Goethes Harfner und Wolfs Nachtseiten
Im zweiten Teil des Abends begegnen wir Hugo Wolfs „Harfenspieler I–III“, Gesänge des Harfners aus Goethes Roman „Wilhelm Meister“. Wolf nannte sie so und stellte diese zusammen mit den Liedern der Mignon an den Anfang seiner Sammlung. Krimmel versteht es, der Wolf-Goetheschen Poesie im ersten Gesang „Wer sich der Einsamkeit ergibt“ seine ganz persönliche Klangfarbe zu verleihen. Dies gelingt ebenso meisterlich im zweiten und dritten Lied, „Um die Türen will ich schleichen“ und „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“. Krimmel ist ein tieffühlender Ich-Erzähler, der mit sich hadert und Stimmen in seinem Inneren vernimmt – schaurig schöngeistige Geschichten, existenzielle Zustände, die Beklemmung, Außer-sich-Sein, Nöte und Grenzsituationen des Daseins beschreiben. Dass dies ein Bedürfnis des klagenden „Ichs“ seit Menschheitsbeginn ist und immer so sein wird, erzählen die beiden begnadeten Künstlerpersönlichkeiten musizierend, rezitierend, kammermusikalisch beseelt. Es kommt in den Sinn, dass die sprechenden Charaktere der Balladen nicht rein aus sich selbst heraus entstehen können, sondern im Dialog von Poesie und Musik erlebbar werden sowie im Dialog mit dem hörenden Publikum.
Resonanzen im Casals Forum
„Eine fallende Stecknadel hätte man vernehmen können…“, so Konstantin Krimmel über das so ganz besondere Publikum. Es ist eine Kennerschaft der holden Liedkunst, die auch den feinen Großen Saal des Casals Forums zu schätzen weiß. Denn dieser lässt im wahrsten Sinne aufhorchen. Seine Akustik ist fulminant. Die Wände projizieren die Klänge, Töne, Worte – gesprochen, gehaucht – in den Raum.
Schubert als Finale und Vermächtnis
In den abschließenden sechs Schubert-Liedern, die zum Kanon deutscher Liedkunst gehören, berauschten und verzauberten: „Der Zwerg“ D 771, „Der Erlkönig“ D 328, „Nachtstück“ D 672, „Der König in Thule“ D 367, „Gruppe aus dem Tartarus“ D 583, „Prometheus“ D 674. Ein Fest für alle Schubert-Enthusiasten in dessen Todesmonat November!
Fazit: ein ganz besonderer Klavierliedkunst-Abend (Dieskau), der „Game of Thrones“-Stimmungen evozierte und Balladen aus uralter Zeit lebendig werden ließ. Ein düster-schwarzes, mystisch tönendes Erlebnis herrlichster Schauerromantik!
Stehende Ovationen für Konstantin Krimmel und Daniel Heide! Zwei außergewöhnliche Liedkunst-Interpreten von internationalem Prestige, welche an diesem Sternstundenabend Kronberg im Taunus zu einer begehrten Liedkunst-Oase kürten.

Kronbergs Liedkunst – ein versprochenes Wiederhören
Dem Tenor Julian Prégardien gebührt Anerkennung für seine wunderbare kuratorische Mitarbeit bei der Entstehung der Liederabende im Casals-Forum Kronberg. Diesem besonderen, sehr kreativ-imaginären Liederabend werden zweifelsohne noch etliche folgen. Es ist ein wünschenswertes Unterfangen für diesen wohltönenden Kammermusiksaal im Casals-Forum Kronberg. Eine Reise ist er allemal wert, dieser Wundersaal, der nur einen Katzensprung von der Banken- und Kulturmetropole Frankfurt am Main entfernt liegt.
Beim nächsten Abend der neuen Lied-Reihe im großen Saal des Casals-Forums der Kronberg Academy am 22.1.2026 um 19:45 Uhr sind Christoph Prégardien (Tenor) und Michael Gees (Piano) mit einem reinen Schubert-Programm zu hören. Am 21.2.2026 um 19:15 Uhr folgen die Sopranistin Christiane Karg und der Pianist Wolfgang Rieger. (hier zum Veranstaltungskalender)
Ein Tipp für alle Lied-Freunde: Der Pianist und Liedbegleiter Daniel Heide lädt regelmäßig namhafte Sänger zu Liederabenden auf Schloss Ettersburg ein. Heide ist Gründer dieser „Konzertreihe“. Schloss Ettersburg liegt auf dem Ettersberg, inmitten einer thüringischen Hügelkette, wenige Kilometer von Weimar entfernt. Dort dichtete Johann Wolfgang von Goethe 1776 einst sein berühmtes „Wandrers Nachtlied“.
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| Casals Forum Kronberg Beethovenpl. 1 61476 Kronberg im Taunus | Website |
Was den Abend so besonders machte:
- Schauerromantik in vollendeter Liedkunst.
- Meisterhafte Balladen von Loewe, Wolf und Schubert.
- Magische Akustik des Casals Forums entfaltet Seelentiefe.
Casals Forum Kronberg: Ballads and Romanticism
At the Casals Forum in Kronberg, baritone Konstantin Krimmel and pianist Daniel Heide presented a remarkable recital uniting ballads by Carl Loewe, Hugo Wolf, and Franz Schubert. Blending Biedermeier spirit, dark Romanticism, and musical storytelling, the evening unfolded scenes of emotional intensity and poetic expression. Heide shaped delicate inner landscapes at the piano, while Krimmel brought his characters to life with compelling dramatic focus.
Highlights included Loewe’s dramatic miniatures Archibald Douglas and Tom, der Reimer, followed by Wolf’s cycle Harp Player I–III based on Goethe. The finale featured Schubert’s iconic ballads such as Erlkönig and Nachtstück. The hall’s crystal-clear acoustics enhanced every musical nuance.
It was an evening that celebrated the essence of German art song, reaffirming Kronberg as a place for intimate, poetic music-making—a luminous start for the Kronberg Academy’s new song recital series.
