Klaus Peter Richter entführt uns mit seiner kritischen Musikgeschichte »Vom Sinn der Klänge« auf eine erstaunliche Weltreise. Von Stephan Reimertz.
Klangvolle Gedankenreisen
So sehr der Ziegelstein aus achthundert engbedruckten Seiten dieser neuen Musikgeschichte abschreckt, so sehr zieht der munter sprudelnde und unterhaltsame Ton des Autors Klaus Peter Richter den Leser in die abenteuerliche Lektüre hinein. Er bringt uns Musik als geistiges Abenteuer nah und verweist Dutzende vielwissende und bemühte Musikhistoriographen auf den Rang von Langweilern. Tatsächlich hat man eher das Gefühl, musikalische Glossen im New Yorker zu lesen als jene in den deutschen Tageszeitungen, in denen Richter seine musikalischen Reflexionen zu veröffentlichen pflegt. Dass der Autor u. a. Verwaltungsbetriebswirt ist, trägt zu seiner Vielseitigkeit bei.
Philosophie des Tons
Die geschickte Rhetorik des neuen Werkes zeigt sich bereits, wenn Richter uns mit chinesischer und altgriechischer Musikskepsis verschiedener Philosophen konfrontiert. Kunst mache blind und Musik taub, befand beispielsweise Lao-tzu, der Vater des Taoismus. Musikfeindlichkeit – ähnlich der Ablehnung des Theaters – ist bis heute ein Standard des Puritanismus. Dabei lässt Richter durchblicken, welch große Macht die Denker dem Phänomen einräumten. Wer die Musik ändert, ändert den Staat, zitiert er Konfuzius.
Musik als Macht und Spiegel
Ganz so pessimistisch wie der Autor braucht man den Einfluss klassischer Musik gar nicht zu sehen. Der simple Blick darauf, wen man bei den sommerlichen Festspielen in Bayreuth, Salzburg und Glyndebourne trifft, wen bei der Saisoneröffnung der Scala, lässt Kulturpessimismus vorderhand doch wieder auf ein erträgliches Maß schrumpfen. Wir haben es nach wie vor mit der Schnittmenge aus einer gesellschaftlichen und einer geistigen Elite zu tun; die Werke wiederum sind zu anspruchsvoll, um sie lediglich als Pflichtübung absolvieren zu können, und in einem universalen Sickereffekt breitet sich ihr geistiger und künstlerischer Gehalt aus.
Von Pop bis Sinnfigur
Nachdem Richter Musik als kulturell-ökonomisches Phänomen einordnet und dabei auch erstaunliche Kenntnisse angloamerikanischer Popmusik ebenso zeigt wie des Kunstmarkts, – von all dem, so scheint es, lässt er sich vielleicht ein klein wenig zu sehr imponieren – verspricht er uns für den Fortgang »Musikgeschichte als Bedeutungsgeschichte klingender Sinnfiguren«.
Antike Resonanzen
Vergnügt springt die Eröffnungsszene in ein Konzert Neros in Rom, als läsen wir in dem berühmten Roman von Dezső Kosztolányi. Mit allerlei uns verschollenen Instrumenten werden wir konfrontiert, etwa der Wasserorgel Hydraulis, und Richter beschreibt sie so farbenfroh, dass dem Leser zumute wird, als hörte er das ebenso legendäre wie vergessene Instrument der Antike.
Der Ton der Zeiten
Mit quirliger Detailfreude schildert der Autor den »bizarren Klangbazar« der Spätantike, die einem Sänger oder Instrumentalisten durchaus sein Brot sicherte, was Neid und Spott der dichtenden Kollegen auf sich zog; nicht anders als heute ein Schreiberling eine Mauerblümchenexistenz fristet, verglichen mit einem Operntenor, der mit Kusshänden und Millionenhonoraren überschüttet wird.
Die Stimme des Ursprungs
Die Gregorianik wiederum charakterisiert der Autor als »eine Art Destillat aus ambivalenter Fülle«, die aus »den farbigen Welten der Spätantike, von den jüdischen Synagogalgesängen bis zu griechischen Hymnen« hervorging. Zusammen mit der neuen Beschränkung auf die menschliche Stimme wie auf das Lateinische wird eine Formalisierung des Ausdrucks bewirkt, die sich als stilbildend für Jahrhunderte erweisen sollte. Der Autor behält das Gesamtfeld, Architektur, Kunst, Geschichte, Philosophie und Theologie, stets im Blick.
Wort und Klang im Einklang
Wenn auch Richter in seinem Werk dem Verhältnis von Musik und Wort keine so angelegentliche Untersuchung angedeihen lässt wie etwa Thrasybulos Georgiades in seinem Standardwerk Musik und Rhythmus bei den Griechen, berührt er doch den Ursprung abendländischer Musik in Überlegungen zur gegenseitigen Abhängigkeit von Wort und Ton.
Hier bringt er beispielsweise in einer Fußnote die Klagen der Anhänger der Alten Messe aus einem halben Jahrhundert auf den Punkt: »Unter dem Aspekt der lautmalerischen Qualitäten des Latein, der mindestens für die Schöpfer der Texte und die kundigen Arrangeure ihrer Choralfassungen wesentlich war, markiert die moderne Zulassung der ‚volkssprachlichen’ Messe durch die römische Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen Bewusstseinswandel von tiefer Symbolik. Damit wird nicht nur ein Band der geistigen Einheit der Kirche preisgegeben, sondern dem ‚Verstehen’ als rational-begriffliches Aufnehmen Priorität vor dem andersartigen ‚Innewerden’ in sinnlich-seelisch tiefer begründeter Wirkung zugebilligt. Die Kirche folgt hier dem aktuellen Zeitgeist intellektueller Ratio unserer technischen Moderne und lässt erkennen, dass sie auf die andersartigen Qualitäten der lateinischen Texte mit den dort akkumulierten Bedeutungskräften entweder verzichtet – oder nicht mehr um sie weiß.«
Musikgeschichte als Menschenbild
Klaus-Peter Richters Buch spürt den anthropologischen und philosophischen Implikationen der Beziehung von Musik und Logos und ihrem vermeintlichen gemeinsamen Ursprung nach und bietet eine tiefgehende und reflektierte Auseinandersetzung mit der europäischen Musikgeschichte. Das Werk beeindruckt durch seine Gelehrsamkeit und behandelt die Musik nicht nur als historische Abfolge, sondern als Ausdruck existenzieller menschlicher Erfahrungen.
Richter verfolgt das Ziel, die klassische europäische Musik im Kontext gegenwärtiger kultureller Herausforderungen wie Postkolonialismus und Pluralismus neu zu legitimieren. Dabei kombiniert er musikwissenschaftliche Präzision mit philosophischen und kulturkritischen Reflexionen. Er erzählt die Musikgeschichte von der Gregorianik bis zur Avantgarde als eine Bedeutungsgeschichte, die anthropologische und metaphysische Dimensionen einbezieht. Es handelt sich um ein anspruchsvolles Sachbuch, das sowohl als Nachschlagewerk als auch als geistesgeschichtliche Erzählung gelesen werden kann.
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Das Wichtigste in Kürze
- Brillante Verbindung von Philosophie und Musikgeschichte
- Sprachlich virtuose Deutung europäischer Klangkultur
- Reflexion über Musik als geistiges und gesellschaftliches Phänomen
Klaus Peter Richter: „Vom Sinn der Klänge (“On the Meaning of Sounds”)
In „Vom Sinn der Klänge„ „(“On the Meaning of Sounds”), Klaus Peter Richter unfolds a surprisingly vivid history of music. Despite its formidable size, the book reads with elegance and lightness, rich in cultural insights and philosophical reflections. Richter links music’s history to anthropological and societal questions, exploring how sound mirrors human existence from ancient thought to modern experience.
His descriptions of the ancient world—such as the water organ Hydraulis or the beginnings of Gregorian chant—turn sound into a metaphor for cultural evolution. Extending beyond music, Richter connects themes from architecture to theology and views classical music as a form of intellectual resistance. He challenges pop culture and cultural pessimism alike.
Vom „Sinn der Klänge“ is not a mere reference work but an intellectual narrative where music becomes symbol, spirit, and reflection. Richter crafts a philosophical and musical journey that transforms music history into a meditation on meaning—a thoughtful, resonant contribution to modern music writing.


