Von Stephan Reimertz.
Kohei Saito, japanischer Philosoph und marxistischer Ökologe, legt mit „Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus“ eine fulminante Kampfschrift vor, die weit mehr ist als eine akademische Wortmeldung zur Klimadebatte. Es handelt sich um eine moralisch aufgeladene, geistig weit ausholende Intervention in eine Zivilisationskrise, wie sie sich im Westen noch zu selten artikuliert. Das Buch stellt die Systemfrage, mit einer analytischen Wucht, wie man sie zuletzt in der europäischen Debatte der Zwischenkriegszeit fand. Saito spricht von Japan aus, doch sein Buch ist ein Echo auf eine europäische Leerstelle: die Abwesenheit einer verbindlichen Kritik an der liberalen Moderne.
Systemsturz: Das Ende der imperialen Lebensweise
Saito attackiert nicht nur den Neoliberalismus, sondern den gesamten westlich geprägten Lebensstil, eine Lebensweise, die sich auf Wachstum, Ausbeutung und Externalisierung gründet. Diese sogenannte imperiale Lebensweise, schreibt er, ermögliche einem kleinen Teil der Weltbevölkerung ein bequemes Dasein auf Kosten der Peripherie. Dabei seien selbst jene, die von ihr profitieren, innerlich entleert und entfremdet:
„Ohne die Macht der Ware als Bindeglied sind wir nicht lebensfähig. Wir haben verlernt, im Einklang mit der Natur zu leben.“
Solche Sätze erinnern an Rousseau, an Adorno, an Spengler, aber auch an das deutsche Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts, das in seiner Kapitalismuskritik noch eine metaphysische Würde bewahrte. Der Leser aus Europa erkennt sich hier wieder als Teil eines Zivilisationsmodells, das sich seiner eigenen moralischen Insolvenz zunehmend bewusst wird.
Grüner Selbstbetrug
In einem Europa, das von links-grüner Rhetorik durchzogen ist, aber gleichzeitig an seinem industriellen Status quo festhält, wirkt Saitos Kritik wie ein kalter Waschlappen. Er geißelt den „grünen Kapitalismus“ als Selbstbetrug, als ein Wachstumsmodell mit grünem Anstrich, das die Ausbeutungsstrukturen intakt lässt:
„Wenn wir glauben, die Welt durch nachhaltigen Konsum vor der Klimakatastrophe zu retten, betrügen wir uns selbst.“
Die liberale Mitte wird entlarvt als Komplizin einer Verwässerung: Sie will die Welt retten, ohne ihr Leben zu ändern. Was als Nachhaltigkeit verkauft wird, ist in Wahrheit eine Verlängerung der Wachstumslogik unter moralischem Vorzeichen. Für alle, die Verlogenheit des zeitgenössischen westlichen Diskurses immer stärker registrieren, wäre Saito ein Verbündeter, nicht unbedingt politisch, aber in der gemeinsamen Ablehnung bürgerlicher Selbstberuhigung.
Wohlstand ohne Überfluss
Saito entwickelt eine neue Vision von Wohlstand, die mit der spätbürgerlichen Dekadenz nichts mehr gemein hat. Er ruft zur Reduktion auf, aber nicht im Sinne von Askese, sondern als Rückgewinnung des Wesentlichen: lokales Leben, gemeinschaftliches Wirtschaften, Zeitwohlstand statt Konsumterror.
„Der Weg zur Wiederherstellung des Überflusses führt über die Commons.“
Damit greift er Ideen auf, die auch im klassischen europäischen Denken einen festen Ort hatten; von Aristoteles’ Begriff des guten Lebens bis zur katholischen Soziallehre. Der Kapitalismus hat den Menschen zu einem Wesen reduziert, das sich nur über seine Kaufkraft definiert. Saito kontert: Würde beginnt dort, wo man wieder lernt, etwas nicht zu brauchen.
Marx im Klimazeitalter
Der japanische Ökonom und Philosoph beruft sich ausdrücklich auf Karl Marx, insbesondere auf dessen späte, ökologisch sensibilisierte Texte. Doch anders als viele westliche Marxisten schwelgt er nicht in historischer Nostalgie oder Klassenkampf-Romantik. Sein Marxismus ist nüchtern, aufklärerisch und pragmatisch; ein Denken in Prozessen, nicht in Dogmen. Damit liegt er näher bei Hannah Arendt als bei Herbert Marcuse.
„Der Glaube, dass der Erfolg im Kampf gegen die Erderwärmung davon abhängt, wie viel jeder Einzelne von uns tut, hält uns davon ab, die für die heutige Zeit wirklich wichtigen und mutigen Taten zu vollbringen.“
Hier spricht nicht der politische Aktivist, sondern der Moralphilosoph, der den Menschen zur Selbstverantwortung ruft, nicht in konsumethischer Kleinkrämerei, sondern in struktureller Klarheit. Auch dies ist die Linie einer Ästhetik der Verantwortung, nicht des Protests.
Europas Selbstbefragung
In einem Europa, das zwischen Technologieeuphorie und nostalgischer Regression taumelt, könnte Saitos Buch ein Anstoß für eine tiefere Selbstbefragung sein: Was ist Fortschritt? Was ist Zivilisation? Was heißt Würde in einer endlichen Welt?
Der Autor gibt keine einfachen Antworten. Aber er stellt die richtigen Fragen, und das in einer Sprache, die philosophisch klar, literarisch zugespitzt und zugleich populär zugänglich ist. Er erinnert den westlichen Leser an etwas, das er längst vergessen hat: dass es auch jenseits von Kapitalismus und Konsum eine Idee des Menschen gibt.
Systemsturz als kulturelle Herausforderung
Saito fordert nicht nur ein anderes Wirtschaften, er fordert eine andere Vorstellung vom Menschen. Eine Vorstellung, die nicht auf Selbstoptimierung und Eigentum, sondern auf Maß, Gemeinschaft und Langsamkeit basiert. Für Europäer wäre dieser Denkansatz ein Aufruf zu einer neuen europäischen Kultur: aristokratisch im Geist, demokratisch in der Lebensform, ökologisch in der Struktur.
„Wir brauchen einen ›new way of life‹.“ Ja, aber keinen neuen Modetrend. Sondern eine Wiederentdeckung dessen, was Kultur einmal bedeutete: Maß, Gedächtnis, Verantwortung, und das Gespür für den Rhythmus der Welt.
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| Kohei Saito | Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus. Aus dem Japanischen von Gregor Wakounig |
| dtv Verlag, München 2025 | bei amazon bei Thalia |
Was das Buch lesenswert macht:
- Radikale Kritik imperialer Lebensweise
- Commons und Maßhalten statt Konsumwachstum
- Marx neu gelesen als ökologische Kulturkritik
Kohei Saito „Systemsturz“ (‘System Crash’): Commons Instead of Consumption
Kohei Saito, a Japanese philosopher and Marxist ecologist, presents “System Crash. Nature’s Victory over Capitalism” as a polemical manifesto that reopens the system question. The book reads the climate crisis as a civilizational crisis and attacks the West’s “imperial mode of living”, based on growth, exploitation and externalisation. Even its beneficiaries appear inwardly depleted and alienated.
Saito denounces “green capitalism” as self-deception: sustainable consumption merely extends the growth logic under a moral guise. Instead, he sketches a vision of prosperity grounded in commons, local anchoring, communal economies and an abundance of time. Dignity begins where one relearns not to need things.
Theoretically, Saito draws on Marx’s late, ecologically attuned writings without lapsing into class-struggle nostalgia. His Marxism is sober, process-oriented, closer to Hannah Arendt. Europe appears as a continent torn between techno-euphoria and regression, in need of a new civilisation: aristocratic in spirit, democratic in form of life, ecological in structure. Saito’s book calls for a different understanding of the human being – beyond self-optimisation and consumerism.

