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Kornelia Koepsell: „People in Their Time“

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Literatur

Als eine Zwischenbilanz ihres poetischen Schaffens wird mancher Leser den neuen Gedichtband von Kornelia Koepsell betrachten, zusätzlich weitergerückt durch das Experiment einer Selbstübersetzung ins Englische. Dabei stand ihr Marielle Sutherland vom Deutschen Historischen Institut London als Muttersprachlerin zur Seite. Von Stephan Reimertz.

Kornelia Koepsell blickt zurück auf Menschen in ihrer Zeit / People in Their Time. Von wo? Ist es, mit Thomas Nagel zu sprechen, The View from Nowhere? Jedenfalls scheint sie in ihrer dichterischen Souveränität uns weit entrückt.

Gelassen, glasig und ausgekühlt und wie fast alle ihre Gedichte in Dialog und Echo durch die Jahrhunderte, zugleich aber handwarm heutig, gibt sich die Dichterin beispielsweise in diesem späten Widerhall auf Percy Bysshe Shelley:

Ozymandias

Manches Leben könnte er noch retten.
Statt dessen sitzt er, müde und betrunken,
in einer Bar, die Augen eingesunken
im teigigen Gesicht. Nacht in Manhattan.

Das Universum lässt ihn kalt und wenn Sirenen
heulen, wenn die Flammen himmelwärts
lodern, stolpert sein gestresstes Herz.
Mit welchem Sinn will er die Welt versöhnen?

Nachtgestalten lauern, hoffnungslos,
auf Gelegenheit zur Plünderung.
An alten Mythen ist Manhattan gross,

die in ihm verblassen. Seit den Tagen
der Superhelden tat er keinen Sprung
und kann kein Kind mehr auf den Armen tragen.

Ozymandias

He could still save lives, perhaps.
Instead, he sits there, slumbering and drunk
in a bar, eyes voided, sunk
deep in his doughty face. Night in Manhattan.

The universe leaves him unmoved, and when
the sirens howl, when flames erupt,
his stressed heart falters.
What sense does it make to save the world?

Night creatures lurking, hopeless,
waiting for a chance to plunder.
Manhattan, full of ancient myths,

fading his mind. The days of superheroes
are gone, and no more will he leap
over roofs, a poor child in his arms.

Diesen verhinderten Christopherus übersetzen Koepsell und Sutherland in ein zeitgenössisches, dabei zeitloses Englisch. Während im deutschen Original durchgehend vierzeilige Strophen (Quartette und Terzette), einen klar erkennbaren Reimfluss aufrechterhalten und das Reimschema sich gegen Ende lockert, verliert sich in der englischen Übersetzung der feste Reim größtenteils, der Klang wird freier, fast prosaisch. Einige Binnenklänge bleiben, aber ohne strenge Struktur. Das Deutsche zeigt hier eine festere lyrische Architektur, das Englische wirkt eher erzählend, loses Versmaß erzeugt eine nüchterne, fast distanzierte Atmosphäre. Die Übersetzung rückt das Poem näher an seinen Ort Manhattan, was niemanden überraschen dürfte.

Bedeutungsverschiebungen, Bedeutungserweiterungen

„Manches Leben könnte er noch retten“ → „He could still save lives, perhaps“. Das perhaps schwächt im Englischen die Aussage, macht sie hypothetischer und weniger dringlich. Im Deutschen wirkt es wie eine konkrete, ungenutzte Möglichkeit. „müde und betrunken“
→ „slumbering and drunk“: Slumbering (dösig, schlaftrunken) hat eine weichere, passivere Färbung als müde (erschöpft). Es klingt eher wie ein Wegdämmern als eine physische Ermattung. „Augen eingesunken im teigigen Gesicht“ → „eyes voided, sunk deep in his doughty face“. Doughty bedeutet tapfer oder mutig, was hier im Englischen irritierend wirkt. Das deutsche teigig ist abwertend und körperlich konkret; im Englischen kippt es zu einer unklaren oder sogar positiven Konnotation. „Mit welchem Sinn will er die Welt versöhnen?“→ „What sense does it make to save the world?“
Die philosophische, fast versöhnende Dimension im Deutschen („versöhnen“) wird im Englischen zu einer pragmatischeren, nüchterneren Frage nach dem „Sinn“. Der Klang wird kälter, der moralische Unterton schwächer.

Kornelia Koepsell Menschen und ihre Zeit Cover
Cover: Königsmann & Neumann

Bildsprache und Tonalität

Das deutsche Original wirkt visuell dicht, sinnlich, körpernah, die englische Übersetzung verliert hier etwas an sinnlicher Konkretheit, einige Bilder werden allgemeiner oder abstrakter. Der Ton im Deutschen ist eher teilnahmslos-melancholisch mit leisen ironischen Untertönen, im Englischen eher lakonisch und etwas härter. Insgesamt gehen in der Übersetzung Reimstruktur und Klangfarbe (Alliteration, Binnenreim) weitgehend verloren. Einige semantische Nuancen werden abgeschwächt (z.B. versöhnen vs. save). Körperliche und sinnliche Bildhaftigkeit wird durch abstraktere Wörter ersetzt. Im Englischen entsteht hingegen eine direktere, filmischere Kürze, die in einer modernen, urbanen Szene gut funktioniert. Die freiere Form kann für englischsprachige Leser natürlicher wirken und weniger übersetzt klingen.

Als Percy Bysshe Shelley im Jahr 1817 sein Sonett Ozymandias schrieb, entwarf er in vierzehn makellos komponierten Versen ein Bild vom Sturz der Macht. Die Statue des ägyptischen Herrschers Ramses II. – „king of kings“ – steht als zerbrochener Torso in der Wüste. Um sie herum: nichts als „lone and level sands“. Shelleys Gedicht ist ein Meisterwerk der romantischen Ironie: Die Inschrift prahlt mit unvergänglichem Ruhm, während ringsum der Sand das Werk verschlingt. Mehr als zwei Jahrhunderte später taucht Ozymandias bei Kornelia Koepsell wieder auf; diesmal in einer Bar in Manhattan wie bei Edward Hopper. Koepsell übernimmt den Titel, verlässt jedoch den antiken Rahmen. Ihr Protagonist ist kein Pharao, sondern ein heruntergekommener Superheld, unfähig, ein Kind zu tragen oder noch einmal zu springen. Statt unter sengender Sonne sitzt er unter Neonlicht, „müde und betrunken, die Augen eingesunken im teigigen Gesicht“. Die urbanen Geräusche – Sirenen, Flammen, Plünderung – ersetzen Shelleys Wüstensand und Wind.

Vom Sonett zur urbanen Szene

Während Shelleys Sonett einem strengen Reimschema folgt, wählt Koepsell freiere Strophen. Die Quartette und Terzette reihen sich locker aneinander, ohne durchgehende Reime, dafür mit scharf geschnittenen Bildern. Beide, Shelley und Koepsell, zeigen die Entmachtung des Heroischen. Bei Shelley ist es ein Herrscher, dessen Werk vom Sand bedeckt wird. Bei Koepsell ist es ein Held, den die Großstadt verschluckt. Der eine verliert sich im Raum, der andere in der Zeit. Ironie ist in beiden Fällen das leise, unbarmherzige Element: Shelleys Sockelinschrift wird zur eigenen Widerlegung, Koepsells Superheld hat keine Funktion mehr, seine Mythen „verblassen in ihm“.

Poetische Leistung

Koepsells Ozymandias ist keine Nacherzählung, sondern eine Transformation: vom Wüstensand in die Stadtwüste, von der Statue zum lebendigen, aber ausgehöhlten Menschen, vom heroischen Pathos zur lakonischen Resignation. Sie bewahrt die Grundidee – die Vergänglichkeit von Macht und Ruhm – und übersetzt sie in eine Bildsprache, die heute lesbar ist. Das Spannende: Ihr Gedicht lebt in zwei Spiegeln; im fernen Spiegel Shelleys und im nahen Spiegel ihrer eigenen Übersetzung. Aus der Differenz zwischen Deutsch und Englisch wird sichtbar, wie stark die Wahl einzelner Wörter den Tonfall, die Bildhaftigkeit und die emotionale Ladung verändern kann. In der Gesamtschau entsteht so ein dreifaches Porträt des Ozymandias-Motivs: 1817: romantische Ruine im Wüstensand. Gegenwart (Deutsch): müder Superheld in Manhattan, körperlich und seelisch erschöpft. Gegenwart (Englisch): urbane Filmszene, lakonisch, entmythologisiert. Kornelia Koepsells Gedicht macht damit deutlich: Jede Zeit hat ihre eigenen Trümmerlandschaften; ob aus Stein, Sand oder Asphalt.

Percy Bysshe Shelley – Ozymandias (1817)
(vollständiger Originaltext)

I met a traveller from an antique land
Who said: — Two vast and trunkless legs of stone
Stand in the desert… Near them on the sand,
Half sunk, a shatter’d visage lies, whose frown,
And wrinkled lip, and sneer of cold command
Tell that its sculptor well those passions read
Which yet survive, stamp’d on these lifeless things,
The hand that mock’d them, and the heart that fed.
And on the pedestal these words appear:
“My name is Ozymandias, king of kings:
Look on my works, ye mighty, and despair!”
Nothing beside remains: round the decay
Of that colossal wreck, boundless and bare
The lone and level sands stretch far away.

Die Überschriften der fünf Teile des neuen Gedichtbandes spielen auf Heimito von Doderer an. Ich erkannte nur die erste Anspielung. Sie entstammt dem Gedicht zu Beginn der Strudlhofstiege und steht in Stein auf der gleichnamigen Treppe, über die man vom unteren Teil des Alsergrundes in Wien in den oberen steigt. In diesem findet die Dichterin ihre psychoanalytischen, klinischen und wissenschaftlichen Kollegen. Doch ich denke, wir dürfen ihr Schreiten auf eine höhere Ebene auf einer solchen verstehen. Dann erweist sich ihre Schau auf all die verblassenden Menschen als der orphische Blick zurück einer Dichterin, die dies alles hinter sich gelassen hat.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.
Die Veröffentlichung des Gedichts „Ozymandias“ von Kornelia Koepsell erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Kornelia KoepsellMenschen und ihre Zeit / People in Their Time
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Würzburg 2025
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Was den Gedichtband besonders macht

  • Poetische Neuinterpretation von Shelleys Ozymandias als urbanes Zeitbild.
  • Selbstübersetzung als poetisches Experiment zwischen Sprachen und Tonlagen.
  • Dialog der Vergänglichkeit: von romantischer Wüste zu moderner Großstadtmelancholie.

Kornelia Koepsell „People in Their Time“

Kornelia Koepsell’s new poetry collection Menschen und ihre Zeit / People in Their Time stands as a lyrical mid‑career reflection, deepened by the experiment of self‑translation into English. The result is a fascinating double portrait across languages, tones, and epochs.
At its center lies Ozymandias, her transformation of Percy Bysshe Shelley’s 1817 sonnet. Where Shelley portrays the downfall of power in desert sands, Koepsell sets the emptiness of modern heroes in a Manhattan bar. The ancient ruler becomes a fallen superhero, weary and stripped of meaning.
The German version preserves rhyme and poetic architecture, while the English translation flows more freely—narrative, cinematic, and cool. Subtle shifts emerge: melancholy softens into a dry, detached tone; moral reflection turns pragmatic.
Thus the poem evolves into a contemporary meditation on transience and self‑perception: today’s hero lives without myths, surrounded only by neon and noise. Between Shelley’s ruin, Koepsell’s verse, and her own translation unfolds a poetic space where power, language, and time dissolve into reflection.

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