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Marie Kalergis – die Weiße Fee des 19. Jahrhunderts

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Literatur

Als Pianistin, Dame der Gesellschaft und verführerische Schönheit fasziniert Marie Kalergis-Mouchanoff, née Comtesse Nesselrode, bis heute. Aber auch Melancholie, Ruhelosigkeit und unerfüllte Wünsche bestimmten ihr Leben. Im Teil III unserer Luc-Roger-Serie (Teil 1, Teil 2) stellen wir den Band vor, den der belgisch-bayrische Kulturwissenschaftler der innerlich zerrissenen Gräfin gewidmet hat: Itinéraires et correspondances de la fée blanche. Von Stephan Reimertz.

Im Bann des Salons

Haben Sie je eine große Dame der Gesellschaft erlebt, die einen illustren Salon führt und mit der Elite ihrer Epoche korrespondiert? Diese sind das Ferment der Gesellschaft, ohne sie zerfällt alles in ein amorphes Gewusel. Sie beherrschen die Kunst, die faszinierendsten Geister des Zeitalters an sich zu binden und ihr Haus offen und interessant für die unterschiedlichsten Temperamente zu erhalten. Die Salonnière ist eine Gastgeberin, die in ihrem Hause zum regelmäßigen Jour Fixe einen Raum der Begegnung unterschiedlichster Menschen bietet, vom Hochadel über Künstler bis zur Intelligenzija und Bohème. Das Phänomen findet sich schon im Paris des siebzehnten Jahrhunderts. Aber auch in München und Berlin kennen wir diese Erscheinung, man denke nur an Rahel Varnhagen, Elsa Bruckmann, Ida Boy-Ed oder Sabine Lepsius. Der Jour Fixe von Nicolaus Sombart, der 1985 bis 2005 stattfand, verstand sich als Nachfolger dieser Institution, wobei der Gastgeber stets betonte, dass »eigentlich eine Dame« einladen müsse. Das Musikalische in der Familie übernahm die Tochter Elizabeth. Marie Kalergis dagegen war Pianistin, Salonnière, Mäzenin und Briefeschreiberin in einer Person, und sie war dies alles mit großer Passion.

Erinnerung und Aufklärung

Der Salon war stets ein Ort der Aufklärung, des Gedankenaustauschs, der offenen Meinung, der bürgerlich-aristokratischen Selbstbehauptung gegenüber dem Hof und den Diktaturen. so sagt man, Catherine de Rambouillet, die in ihrem gleichnamigen Palais in Paris den ersten Salon gegründet haben soll, diesen aus Missfallen an den Hofsitten geöffnet habe. Molière hat ihr in den Précieuses ridicules ein Denkmal gesetzt, über das sich dann wiederum der Hof amüsierte. Ein typischer gegen die Diktatur einer Epoche gerichteter literarischer Salon wiederum geht auf Corine Sombart zurück, die durch die Nazizeit hindurch für Systemkritiker aller Couleur ihr Haus im Grunewald offenhielt. Ihr Sohn Nicolaus hat diese Zeit in seinen Memoiren Jugend in Berlin aufregend geschildert. Sein eigener Jour Fixe am Sonntagnachmittag wiederum profitierte von Mitte der achtziger bis Mitte der 2000er-Jahre einerseits vom intellektuellen Proletariat aus der Achtundsechziger Generation, andererseits waren Stil und Stimmung seines regelmäßigen Treffens auch gegen diese gerichtet, indem ein Stück bürgerlich-aristokratischer Selbstbestimmung aufrechterhalten wurde.

Die Weiße Fee tritt hervor

Die Geschichte von Marie Kalergis, geborene Nesselrode, wird in der Biografie von Konstantin Photiadès, der sich in die Archive ihrer Familie vertieft hat, mit aufschlussreicher Genauigkeit erzählt. Sie bildet den ersten Teil von Rogers Anthologie. Marie war eine mondäne Klaviervirtuosin, eine ideale und verführerische Schönheit, die aristokratische Vornehmheit mit dem subtilsten Verständnis für die Bewegungen des Denkens, die Schwankungen der internationalen Politik und die künstlerischen Ideale des 19. Jahrhunderts.

Marie Lipsius war die Herausgeberin der Briefe von Madame Kalergis an ihre Tochter, die uns die fesselnde Persönlichkeit einer weitsichtigen Mutter, die sich um die Erziehung ihrer Tochter und ihren Eintritt in die Welt sorgte, ebenso näher bringen wie die Intimität einer Frau, die, so brillant, begabt und großzügig sie auch war, hinter der Fassade einer scheinbaren Gelassenheit eine tiefe innere Unzufriedenheit und einen unauslöschlichen Hauch von Melancholie verbarg. In den letzten Jahren ihres viel zu kurzen Lebens litt sie unter einer langen Krankheit, die sie schließlich tötete, bevor sie sich ihren Traum erfüllen konnte, die Bayreuther Premiere des Rings ihres Freundes Richard Wagner zu besuchen.

Marie Kalergis Luc-Henri Roger

Wiederentdeckung einer Legende

Diese bislang schwer zugänglichen Texte sind dank dieser Sammlung wieder verfügbar, die Luc-Henri Roger zusammen mit einigen anderen Zeitzeugenberichten zusammengestellt hat. Sie lassen die fabelhafte Geschichte der Weißen Fee wieder lebendig werden.

Einblicke in ein schillerndes Leben

Das umfangreiche Buch lässt uns in die Welt einer außergewöhnlichen Frau eintauchen, an der Schnittstelle zwischen Aristokratie, Kunst und Geschichte. Der Spitzname „Weiße Fee“ passt perfekt zu Marie Kalergis-Mouchanoff. Als virtuose Pianistin mit faszinierender Schönheit und scharfem Verstand durchquerte sie das 19. Jahrhundert mit seltener Eleganz und Intelligenz. Die von Roger mit Geduld zusammengestellte Sammlung von Briefen und Zeugnissen bietet uns ein intimes und differenziertes Porträt einer faszinierenden Persönlichkeit.

Eine aufschlussreiche Korrespondenz, Herzstück der Arbeit, sind Maries Briefe an ihre Tochter. Sie offenbaren eine komplexe Frau, die zwischen Lebensfreude und tiefer Melancholie schwankt. Wir entdecken eine fürsorgliche Mutter, die sich um die Bildung ihrer Tochter kümmert, aber auch eine kultivierte Frau, die sich leidenschaftlich für Musik und Literatur interessiert. Auch ihre Korrespondenz zeugt von seiner scharfen Beobachtungsgabe und Interesse am politischen Geschehen der Zeit. Marie Kalergis-Mouchanoff besuchte die renommiertesten Salons ihrer Zeit. Sie verkehrte mit den größten Künstlern und Intellektuellen, von Franz Liszt bis Richard Wagner. Ihre in Briefen und Zeugnissen erwähnten Beziehungen zu diesen Persönlichkeiten geben uns einen Eindruck von der Vielseitigkeit des Freundeskreises und ihrem Einfluss auf das kulturelle Leben. Luc-Henri Roger hat diese Korrespondenz mit aufschlussreichen Kommentaren versehen.

Dieses Buch ist ein Genuss für Liebhaber von Geschichte, Musik und Literatur. Aber das Buch ist mehr als eine Biografie. Es ist eine Einladung zu einer Reise in die Vergangenheit, um eine außergewöhnliche Frau zu treffen, die ihre Zeit geprägt hat.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Marie Kalergis-Mouchanoff,
née comtesse Nesselrode
Itinéraires et correspondance de la Fée blanche
Textes choisis et commentés par Luc-Henri Roger
Books on Demand, Paris 2020
bei amazon

Was das Buch besonders macht

  • Fesselnde Porträtzeichnung einer außergewöhnlichen Frau
  • Wiederentdeckung einer vergessenen musikalischen Muse
  • Zwischen Aristokratie, Melancholie und schöpferischer Leidenschaft

Marie Kalergis – the White Fairy of the 19th century

Marie Kalergis-Mouchanoff, born Countess Nesselrode, was a pianist, salonnière, and icon of the 19th century. Known as “the White Fairy,” she embodied aristocratic grace, intellect, and musical passion. In Paris, Berlin, and Warsaw, she gathered the elite of her time—artists, thinkers, and nobles—becoming a central figure of European salon culture. Her life, marked by beauty, education, and melancholy, remains a compelling symbol of female self-determination in a male-dominated world.

Luc-Henri Roger has brought together her letters, records, and contemporary accounts in Itinéraires et correspondances de la fée blanche. The correspondence reveals a woman of wit and inner conflict, whose friendships with Liszt and Wagner were as significant as her reflections on art and politics. Beneath her poise lies a woman of yearning and contradictions. Roger’s edition is more than a biography—it is an atmospheric journey into a vanished world of intellect, music, and refined sociability.

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