Von Stephan Reimertz
Träumereien eines deutschen Jungen: Einmal upstate New York auf den Waldspuren von Lederstrumpf pirschen. Einmal das Fokker DR-1 Jagdflugzeug von Manfred v. Richthofen steuern. Einmal den Lohengrinpfad bei Graupa entlang wandern und nachempfinden, was Richard Wagner fühlte, als er aus seinem Inneren die ersten Takte der Lohengrin-Ouvertüre vernahm… Letzteres zumindest konnte ich mir auf dem Richard-Wagner-Kulturpfad jetzt erfüllen.
Herzklopfen wie Graf August v. Platen bei seiner Ankunft am Markusplatz: »Soll ich ihn wirklich zu betreten wagen?« Es träumt wohl jeder deutsche Junge davon, die Stufen zum Jagdschloss Graupa hinunterzugehen, den Park diesseits und jenseits des Mäuerchens zu erkunden, den Blick schließlich in die unendlich weit scheinende Ebene schweifen zu lassen und zu warten, ob ihn nie gehörte Töne anwehen. So jedenfalls ist es Richard Wagner im Schlosspark Graupa ergangen, als er sich in ihm erging.
Mit Fug heißt der Vorgarten zum Schloss heute Tschaikowskipark. Kein anderer hat Wagner, seiner Oper und ihrem Helden eine so würdige Huldigung dargebracht wie der russische Komponist mit seinem Ballett Schwanensee, dessen Leitmotiv an das Fragemotiv Lohengrins mehr als anklingt. Nicht unbekannt war es in Russland auch, dass der Schwan sich nicht allein im Wappen der Wittelsbacher, sondern auch einiger anderer keltisch-germanischer Geschlechter findet. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass Schwanensee, die Geschichte des Prinzen Siegfried, eine Huldigung des russischen Genius an den deutschen darstellt. Hier brachten sie uns das beste dar, was sie hatten, die Apotheose des klassischen Balletts. In dem heute geschützten Hainsimsen-Eichen-Buchenwald in Graupa gehen wir den Spaziergang nach, den Wagner zwischen Mai und Juli 1846 wandelte und dabei entscheidende Eingebungen für seine ikonische Schwanenoper erhielt.
Gedenkstein für Robert Schumann hinter der Dresdner Oper. Hier ist mehr die innere Welt des Komponisten verkörpert als sein historisches Aussehen. Und nun stellen Sie sich vor, Sie sind Schumann, lauschen der Lesung eines jungen Komponistenkollegen und sächsischen Landsmanns namens Richard Wagner und müssen den Kopf schütteln, obgleich sie sein Talent anerkennen. Doch die Geschichte des von den gewöhnlichen Menschen verkannten Schwanenritters, der sich doch nach nichts sehnt außer nach einem normalen Leben mit Weib und Kind, und der am Ende vor der Kleingläubigkeit und dem Argwohn der Menschen fliehen muss, erscheint Ihnen zu fremd. Außerdem tragen Sie sich gerade selbst mit einem Opernstoff über die hl. Genoveva, Heldin des Marionettentheaters, und bleiben doch lieber beim Gewohnten, statt einen sehr weiten Schritt in die Zukunft zu wagen, von dem Sie nicht wissen, ob er sie noch auf festen Grund führen wird.


Hier verblühte sich die deutsche Romantik. Hier nahm Neues seinen Anfang. Von hier aus ereilte uns ein Heilsversprechen, ein spezifisch deutscher Messianismus. Viele Jahre später spricht Wagner in seinen eigens für Ludwig II. geschriebenen Memoiren von der Hoffnung auf ein Volkskönigtum, die ihn in den vierziger Jahren angetrieben habe. Mit diesem Begriff ist dem königlichen Leser auch für die Beteiligung des Komponisten an den Dresdner Aufständen ein akzeptables Deutungsmuster an die Hand gegeben. Wagner war, um es im Jargon unserer Zeit zu sagen, einer der einflussreichsten Influencer seiner Epoche. Tatsächlich ist Ludwig II. der bayerische Volkskönig geworden, wider Willen. Er sonderte sich ab, machte sich selten, wurde Geheimnis über den Tod hinaus und wuchs gerade darum in den Herzen der Bayern, ja denen von Menschen in aller Welt zu einer charismatischen Herrscherfigur, deren Ausstrahlung über das Ende der europäischen Monarchien währte und bis heute andauert. Ludwig II. von Bayern ist Volkskönig selbst über das Maß hinaus, das Wagner sich vorstellen konnte.
Das ist der Pfad von Richard Wagners Waldgang. Einst führte er einen ins Gewagte, ins Unsichere, ins Unbekannte. Hier sah und hörte er völlig neue musikalische Couleurs, heckte eine Vermischung der Tongruppen aus, wie sie noch nie jemand vernommen, plante diese unerhörte Musik, welche die ganze Romantik noch einmal zusammenfassen und in Fluten musikalischer Verheißung wegschwemmen sollte. Aber dann wollte er sie von sich werfen, denn in seinem muschelförmigen musikalischen Hinterkopf braute sich längst etwas völlig anderes zusammen.
Vor uns hinter der Mauer wanderte Wagner, hier im Denkmal von Prof. Richard Guhr am Rande des Parks, am Ende der Musikgeschichte und an den Toren der Zukunftsmusik und eines neuen Welttheaters. Als wir auf diesen einsamen Wegen gehen, die in bereitwilliger, vorrevolutionären Februarkeuschheit vor uns liegen, wissen wir, wo wir uns befinden, örtlich und zeitlich. Wo Deutschland liegt, sein Doppelherz, Sachsen und Thüringen, Zentral-Deutschland, von hier gingen die entscheidenden Impulse aus. Und ich seh’s auch im Auge meiner Begleiterin, ihrem Himmelsblau; diese unbändigen Freude und Zuversicht, dass noch nicht alles verloren, dass noch alles zu gewinnen ist. Sich noch einmal auf sich selbst besinnen, noch einmal sich wiederfinden, noch einmal bei sich selbst sein, wieder man selbst sein dürfen. Ein Dresdner Vorfrühling, Wochen vor jenem feinsinnlichen Hofmannsthal, aber voller weit größerer Versprechungen.
Komm! ins Offene, Freund! denkt man, wenn man in die herrliche, unendlich scheinende Ebene schaut. Hier fand sie also statt, Wagners Hinwendung zur Natur, zum Menschen, zur Nation, zur Freundschaft, zu sich selbst. Mich erinnert die in sich ruhende weite Landschaft von Zentral-Deutschland auch an Zentral-Pennsylvania, wo ich ein wunderbares Jahr als Dozent an einem privater Liberal Art College unter lebensklugen, landwirtschaftlich geprägten Menschen gelebt und ihr Leben geteilt habe. Und keinen Moment habe ich im vergangenen Sommer geglaubt, die Menschen aus dem angeblichen Swing State Pennsylvania könnten sich von der Taschenspielerin aus Oakland einlullen lassen. Die fabelhaften Leute dieses amerikanischen Bundesstaates, der Virtue, Liberty und Independence zu seinen Tugenden gewählt hat, sind sich in ihrem dunklen Drange doch des rechten Weges stets bewusst. Ja, ich habe meinen Studenten auch das Lohengrin-Vorspiel vorgespielt. Und nie werde ich das Staunen, die Verblüffung, das Strahlen auf den Gesichtern dieser an Pop-Musik gewöhnten jungen Leute vergessen, als sich im Hörsaal langsam das A-Dur dieses Klangs entfaltete, die hohen Streicher und Holzbläser, das metallische spiegelnde Blau dieser Musik, wie sie sie noch nie vernommen hatten. Meinen Eindruck kann ich nur mit einem Gedicht frei nach Bertolt Brecht ausdrücken:
Beim Anhören von Tönen
Des todessüchtigen Wagner
Habe ich auf Gesichtern amerikanischer Collegestudenten einen Ausdruck gesehen
Der nicht den Tonarten galt und kostbarer war
Als das Lächeln der Mona Lisa
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| Richard-Wagner-Stätten Graupa Schirmherr Christian Thielemann | Kulturpfad im Schlosspark |
| Tschaikowskiplatz 7 01796 Pirna OT Graupa | Öffnungszeiten |
Richard-Wagner-Kulturpfad: On the Lohengrin Trail in Graupa
Dreams of a German boy lead onto the Lohengrinpfad near Graupa, where Richard Wagner, between May and July 1846, sensed the first outlines of his iconic swan opera. In the castle park, now marked by the Tschaikowsky Park and the Richard Wagner Culture Path, woodland, music and national imagination condense. Wagner’s walk through the protected wood of sedge, oaks and beeches becomes a journey into uncertainty, towards new musical colours that both recapitulate and surpass Romanticism.
In the background stand Robert Schumann and the tension between familiar Romantic idioms and a bold step into an unknown future. At the same time, Ludwig II of Bavaria appears as a late echo of Wagner’s dream of a “people’s kingship”: a ruler who withdraws, becomes myth precisely through his absence, and radiates far beyond the end of European monarchies.
The path at Graupa thus links woodland and music history, German Romanticism and a specific messianic impulse. From the double heart of Saxony and Thuringia emanate currents that reach as far as central Pennsylvania, where the Lohengrin Prelude meets astonished students raised on pop music. The metallic blue of its A major sound connects the quiet tracks of Graupa with the global resonance of Wagner’s music of the future.
*Das Schwanenbild in Grün ist KI-generiert.
