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Innsbrucker Festwochen der Alten Musik: Scarlatti pur

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker Musik

Exquisite Scarlatti-Soirée bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik mit Sopranistin Carlotta Colombo, Countertenor Paul-Antoine Bénos-Dijan, Tenor Žiga Čopi und Bariton Marco Saccardin. Serenata a 2 con violini Diana ed Endimione, Burlesken, concerti grossi und ein ergreifendes Salve Regina. Von Stephan Reimertz.

Innsbruck als musikalisches Refugium

Nach Salzburg wollten wir heuer nicht gehen. Es ist zu traurig. Seitdem unsere Freundin Erika Zaderer im Alter von fast hundert Jahren gestorben ist, wollen uns die Festspiele ohne Glanz erscheinen. Dazu trägt die oft verspottete und immer krasser werdende Selbstprostitution der Stadt bei. Dies Jahr gibt es auf einem Plakat gar einen zwinkernden Mozart mit der Aufschrift Date mit Mozart. Gemeint ist wohl eher Appointment mit Mozart. Die Salzburger möchten das Hochdeutsche und das Englische am liebsten überspringen und direkt im amerikanischen Slang landen mit ihrem Baccara-English: Yes sir, I can boogie.

Doch andere Städte haben auch schöne Festspiele. Wie zum Beispiel die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, die von Ende Juli bis Ende August stattfinden. Ein vielseitiges musikalische Fest höchsten Niveaus in einer wunderschönen Stadt, in der imperial-österreichische und alpine Sphäre einander begegnen. Die vornehme Hauptstadt Tirols besticht durch natürliches Selbstbewusstsein. Und das schönste: In Innsbruck werden keine Mozart-Plastik-Enten verkauft!

Scarlatti im Haus der Musik

Man merkt, dass die Kaiserstadt nah an der italienischen Grenze liegt. Auch im Programm der Festwochen zeigt sich diese Nachbarschaft. Die exquisite Soirée mit Werken des Komponisten Alessandro Scarlatti, die wir im Haus der Musik erleben durften, gedieh zur unvergesslichen Huldigung an einen Komponisten, den schon seine Zeitgenossen als altmodisch empfanden, dessen Bedeutung für die Neapolitanische Schule aber niemand bestreitet. Der geborene Palermitaner (manche sagen auch, er sei aus Trapani) muss eine Art Leopold Mozart seiner Zeit gewesen sein: Hoch gebildet, fleißig, perfektionistisch und stets von Sorge um seiner Familie erfüllt; ein berühmter Meister mit berühmten Schülern.

Die Accademia Bizantina, 1984 in Ravenna gegründet und stets auf der Suche nach einem möglichen Klang der Musik des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, bot unter der feinnervigen Leitung ihres Direktors Ottavio Dantone einen ebenso frischen und überraschenden, wie auch tiefsinnigen und ergreifenden Abend vor einem vollbesetzten Konzertsaal. Durch die große Glasfront hinter der Bühne schauten wir, anders als in Salzburg, nicht auf einen gruftigen Mönchsberg, sondern auf die in edlem Sommerschlaf dämmende Hofburg der Habsburger. Die Läden des weißen Schlosses sind heruntergelassen, die kaiserliche Familie bekanntlich immer noch im Urlaub.

Mythische Liebeshändel in Miniaturform

Das Ensemble begann mit einem Concerto Grosso, dessen Esprit und Lakonie einen packenden Eindruck von der souveränen Klassizität des Sizilianers zu geben vermochte. Sodann folgte eine echte Trouvaille: Diana ed Endimione, ein als serenata a 2 voci con violini geführtes Liebesdramolett. Die reizvolle Form einer solchen Mini-Oper verdanken wir paradoxerweise dem Opernverbot des päpstlichen Rom, wo das Werk wohl nach 1680 entstand. Die charmanten, doch auch schmerzlichen Liebeshändel der beiden mythologischen Figuren wurden mit überragender stimmlicher und agogischer Präsenz von Carlotta Colombo (Sopran) und Paul-Antoine Bénos-Dijan (Countertenor) verkörpert. Dabei fiel die rhythmische und thematische Vielfalt der psychologisch tiefschürfenden Liebesstudie ebenso auf wie die Tatsache, dass sich die Liebeshändel, Werbung, Gekränktheit, Trennung und Wiederfinden mythologischer Paare im barocken Rom nur sehr wenig von modernen unterscheiden.

Komik, Klang und Kontemplation

Echte Verblüffung verdiente sich das Ensemble mit einigen Scene buffe per Tenore e Basso, in denen vor allem Tenor Žiga Čopi als komisch indignierter, ja zickiger Liebhaber in quakiger Diskantstimme brillieren konnte. Nach einem Concerto Grosso, das eine gestaltreiche, spritzige Blockflötenpartie in den Mittelpunkt stellte, klang der Abend mit einer geistlichen Komposition aus, die den Anwesenden unter die Haut fuhr. Mit seinem Salve Regina, um 1707/08 datiert, eröffnet der Maestro Scarlatti jene Sphäre eines bittersüßen Tonfalls, der bereits an jene lieblich-schmerzliche Empfindungsweise anklingt, in der eine Generation später der sterbenskranke Giovanni Battista Pergolesi über den phlegräischen Feldern des Vomero sein Stabat Mater zu Papier bringt. Das ideal zusammengestellte Stimmquartett Carlotta Colombo, Paul-Antoine Bénos-Dijan, Žiga Čopi und Marco Saccardin entbot den heiligsten Gruß vor dem Hintergrund der sich verdunkelnden Hofburg.

Was die Aufführung sehenswert macht:

  • Scarlatti-Soirée mit psychologischer Tiefe
  • Mini-Oper „Diana ed Endimione“ als Liebesstudie
  • Hofburgblick als stimmungsvolles Bühnenbild
Scarlatti!Accademia Bizantina 
Musikalische Leitung: Ottavio Dantone
Werke von Alessandro ScarlattiCarlotta Colombo | Sopran
Paul-Antoine Bénos-Djian | Countertenor
Žiga Čopi | Tenor
Marco Saccardin | Bariton

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Innsbruck Festival of Early Music: Pure Scarlatti

The Innsbruck Festival of Early Music offered a baroque highlight with its Scarlatti Soirée. At the Haus der Musik, Accademia Bizantina under Ottavio Dantone performed works by Alessandro Scarlatti, whose influence on the Neapolitan school remains undisputed.

The evening opened with a Concerto Grosso showcasing Scarlatti’s classical elegance. A standout was the serenata “Diana ed Endimione,” a miniature love drama born from Rome’s opera ban. Carlotta Colombo and Paul-Antoine Bénos-Dijan gave compelling vocal portrayals of the mythological lovers. Comic interludes featuring tenor Žiga Čopi and baritone Marco Saccardin added surprise, followed by another Concerto Grosso with a vibrant recorder solo. The finale, Scarlatti’s “Salve Regina,” delivered emotional depth and a bittersweet tone.

Through the concert hall’s glass façade, the view of the Hofburg—its shutters closed for the imperial summer break—provided a poetic backdrop to a refined musical evening.

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