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Linda van Coppenhagen: Heimweh in Tönen

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Wie kommt man eigentlich vom Musical zur Oper? Und von Südafrika nach Halle? Wie erlebte man als freiberufliche Sängerin die Coronazeit? Und wie kann aus einer aus der Not heraus geborenen Idee eine spannende CD entstehen? Fragen über Fragen, die die Sängerin Linda van Coppenhagen unserem Autor Guido Krawinkel alle beantwortet. Die Südafrikanerin hat einen spannenden Lebenslauf und jede Menge zu erzählen.

Von der Psychologie zur Bühne

Lieber erst mal was „Ordentliches“ studieren! Diesen Spruch kennen wohl viele Musiker. Aber auch wenn es nicht immer direkt die naheliegendste Option ist, Musik zu studieren, führt der Weg für viele Musiker oft genau dorthin. Anders erging es auch der Linda van Coppenhagen nicht: „Klassische Musik? Nee, das kannst du vielleicht mal als Hobby machen“, war damals die Idee. „Und so habe ich Psychologie studiert, habe auch ein Diplom als Gymnasiallehrerin für Englisch. Das war meine „richtige“ Ausbildung.“ Aber die Musik war dann doch stärker und kam eher durch die Hintertür. „Während ich an der Universität war, habe ich für ein Musical vorgesungen. Der musikalische Direktor dieses Musicals hat mich damals gefragt: Wer bist du? Warum studierst du Psychologie? Warum singst du nicht? Und ich sagte: Na ja, ich muss was Ordentliches machen.“ Musikalisch war Linda van Coppenhagen Quereinsteigerin, sang im Schulchor, hat hier und da mal ein Solo gesungen. Wirklich zum Gesang gekommen ist sie erst an der Universität. „Wenn du nicht Gesang studieren gehst oder etwas machst mit deiner Stimme, dann bist du verrückt“, sagte der musikalische Direktor damals. Was er noch gesagt hat, ist nicht zitierfähig, verfehlte seine Wirkung allerdings nicht. Linda van Coppenhagen nahm Gesangsunterricht, arbeitete an ihrer Stimme, aber eine gewisse Unsicherheit blieb. „Die Kolleginnen, die mit mir auf der Bühne standen, die hatten teilweise mit zwölf Jahren angefangen, die Stimme auszubilden, spätestens mit 16. Da war ich wirklich spät dran. Ich habe dann einen Lehrer gefunden, der mich in der allerersten Stunde hauptsächlich Tonleitern singen ließ. Okay, Linda, sagte er schließlich, ich würde mit dir arbeiten, aber wenn du mit mir Pop-1Repertoire machen willst, komm bitte nächste Woche nicht wieder. Wenn du klassisches Repertoire singen willst, dann sehe ich großes Potenzial.“

Der Zufall als Katalysator

Dieser Lehrer war es auch, der van Coppenhagen erfolgreich mit dem Opernvirus infizierte. Das Ergebnis: heute steht sie auf großen Opernbühnen. „Relativ schnell habe ich damals auch das Koloraturrepertoire für mich entdeckt.“ Dann ging es ganz fix. Nur wenige Jahre, nachdem sie ihre erste Gesangsstunde gehabt hatte, sang sie schon an deutschen Opernbühnen vor. Was sich jetzt so leicht anhört, war jedoch trotz Begabung und einer guten Naturstimme das Ergebnis von harter Arbeit. „Die Stimmqualität war da, und diese Fähigkeit, Koloratur zu singen, fiel mir nicht schwer. Ich hatte großes Glück und ich habe gleich fantastische Lehrer gehabt. Mein erster Lehrer hat nach einem Jahr gesagt: Jetzt musst du zu jemand besserem gehen. Meine zweite Gesangslehrerin, Emma Renzi, war selber große Opernsängerin z.B. in der Scala, fast 22 Jahre lang. Sie war dann diejenige, die meine Technik auf den Punkt gebracht hat. Ich hatte Glück, dass sie aus der italienischen Schule kam und mir geholfen hat, einen Stimmsitz zu finden, die Koloratur schneller in die Stimme zu kriegen. Da hatte ich einen Riesenvorteil, dass ich eine so tolle Lehrerin gefunden habe. Sie war auch der Grund dafür, dass ich in Deutschland überhaupt vorsingen konnte.“

Ein Fuß in der Tür – in Deutschland

Das war 2010 der Fall. Bei einem Meisterkurs zur Barockoper hatte sie den Sänger Kobie van Rensburg kennengelernt, der ihr Potential erkannte und ihr die Tür zu Vorsingen bei Agenturen und Regisseuren öffnete. Ein Jahr später war es soweit. „Das war mein allererstes Vorsingen in Deutschland und da habe ich meine erste Rolle bekommen. Das war für mich schon krass. In Südafrika hatte ich kaum Arbeit, und dann komme ich nach Deutschland und muss direkt eine professionelle Produktion machen. Das war dann quasi der Fuß in der Tür.“ Und es war der Startschuss für eine Reihe von Engagements an deutschen Theatern, ein Weg, der ihr immer noch, wie ein Wunder vorkommt: Als Südafrikanerin, die den Gesang erst spät für sich entdeckt hat, dann die richtigen Lehrer fand und nun hierzulande an renommierten Häusern singt. „Ich bin dankbar dafür, dass es in diesem Beruf darauf ankommt, was man auf der Bühne liefert. Man sollte seine Rolle auswendig kennen, stimmlich organisiert sein und wissen, was man zu tun hat. Wenn man das schafft, dann können formale Qualifikationen weniger wichtig sein. Das war ein Wunder, dass es so geklappt hat.“

Balance zwischen Bühne und Familie

Und dieses Wunder hält an. Mittlerweile arbeitet van Coppenhagen allerdings freiberuflich, um Familie und Musik besser miteinander vereinen zu können. Ihr Mann ist ebenfalls Opernsänger und fest am Theater Halle engagiert. „Wenn ich ein Kind zur Welt bringe, will ich das gut machen. Ich wollte eine gewisse Flexibilität haben, und deshalb haben wir die Entscheidung getroffen, dass ich freiberuflich arbeite. Das ist natürlich keine leichte Entscheidung. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich dieses feste Engagement eingetauscht habe für das Muttersein. Aber es gab so viele Momente, wo es sich als die absolut richtige Entscheidung herausgestellt hat. Und ich habe dann ja auch etwas Neues gefunden. Meine Freiberuflichkeit habe ich dazu genutzt, eine CD herauszubringen. Das kostet sehr viel Initiative, Mut und auch Risiko.“

Vom Lockdown zur CD

Die neue CD entstand in Zusammenarbeit mit dem Pianisten David Grant, auch er Südafrikaner. Am Theater Stralsund lernte man sich kennen: „Er war da fest engagiert, aber er wusste, dass ich als damals frisch freiberufliche Sängerin zu Beginn der Coronazeit total unglücklich war. Ich wusste nicht, wie es weitergeht mit dem Gesang. Und er hat dann gesagt: ‚Linda, ich kenne eine Klarinettistin. Ihr geht es genauso wie dir. Sie ist freiberuflich, sie ist fantastisch und ist wegen des Lockdowns auch beruflich verunsichert. Was ist, wenn wir drei zusammen ein Programm machen? Wir sind nur drei Leute. Und sobald es wieder möglich ist, auftreten zu dürfen, machen wir ein Kammermusikprogramm.‘ Das war wie ein Licht am Ende des Tunnels, wie eine Möglichkeit überhaupt wieder Vorfreude zu haben auf einen Auftritt. Wir haben dann das Repertoire für diese Konstellation Klavier, Klarinette und Stimme durchforstet, da gibt tatsächlich nicht viel.“

Heimweh als musikalische Heimat

Aber es gab dann doch etwas, was van Coppenhagen, Grant und die Klarinettistin Friederike von Oppeln-Bronikowski gefunden haben. Lieder von Louis Spohr etwa, von Richard Strauss und von Franz Schubert. Seltenes Repertoire, romantische Perlen, die diese Besetzung im besten Licht erscheinen lassen. Einfach war die Coronazeit aber nicht für van Coppenhagen. Ihre Familie in Südafrika konnte sie wie David Grant nicht besuchen, zu gefährlich. Um diese Sehnsucht nach der Heimat zu lindern, haben die drei Musiker aber drei Lieder aus Südafrika ins Programm mitaufgenommen. Und am Ende ergab sich dann auch der Titel: „Heimwee“, das ist Afrikaans und heißt Heimweh. „Es hat wirklich perfekt gepasst zu unserem emotionalen Zustand. Das ist so wunderschön, finde ich. In diesem Lied geht es um einen Südafrikaner, wohnhaft in Europa, in London eigentlich. Und er schreibt über seine Sehnsucht nach Südafrika. Als wäre das für mich, für uns geschrieben. Das andere Lied dreht sich um das Wetter in Südafrika und darum wie wunderbar das Wetter in Südafrika ist, auch wenn es stürmisch ist oder wenn es regnet. Diese Lieder entsprachen für David und mich genau unseren Gefühlen und Gedanken und wir dachten, das passt jetzt sehr gut zu unserem Programm über Heimweh, über Sehnsucht nach Musik, über Sehnsucht nach daheim, nach der Heimat.“

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Linda van Coppenhagen | Sopran
David Grant | Klavier
Friederike von Oppeln-Bronikowski | Klarinette
Heimwee
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Was Linda van Coppenhagen so besonders macht

  • Authentische Künstlerbiografie zwischen Südafrika und Deutschland
  • Emotionales Kammermusikprojekt Heimwee mit seltenem Repertoire
  • Wandlung von der Lehrerin zur Opernsängerin

Linda van Coppenhagen: Homesickness in Melodies

South African soprano Linda van Coppenhagen found her path to opera by chance. Originally trained in psychology and education, she discovered her voice during a university musical production. Mentored by renowned teachers like Emma Renzi, she developed her technique and moved to Germany in 2010, where her operatic career quickly took off — a “miracle,” as she calls it.

Now based in Halle, she works freelance, balancing family life and artistry. During the pandemic, she joined pianist David Grant and clarinetist Friederike von Oppeln-Bronikowski to create Heimwee, a chamber music project born from isolation and longing. The album blends songs by Spohr, Strauss, and Schubert with South African pieces that reflect nostalgia and connection to home.

For van Coppenhagen, Heimwee encapsulates her artistic and emotional evolution — from latecomer to acclaimed opera singer, bridging continents through music.

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