Das ADA in Dresden, ganz fluxuriös. Im Blockhaus, der ehem. Neustädter Wache, steigt die ultimative Retrospektive der wohl coolsten Kunst, die das zwanzigste Jahrhundert kannte: Fluxus. Humor, Happening, Improvisation und Minimalismus in Werken von George Brecht, Joseph Beuys, Charlotte Moorman, Dick Higgins, Ben Vautier, Yoko Ono, Nam June Paik, Takako Saito und Wolf Vostell formtenvon den sechziger bis in die Neunzigerjahre unseren Alltag. Von Stephan Reimertz.
Wat is Fluxus? Da stelle mer uns janz dumm, und dann schlagen wir in dem Standardwerk „bis heute“ von Karin Thomas nach:
« Der Begriff bezeichnet eine mixed mediale Aktionsform, die ihre gehaltliche Konzeption auf das reine Konstruieren von gestisch-akustisch wahrzunehmendem Zeitablauf beschränkt und jede planende Absicht bewusst reduziert. »
Hä?
In der Kunstrichtung Fluxus benutzen Künstler oft ganz alltägliche Gegenstände für ihre Werke. Takako Saito hat zum Beispiel Bücher gemacht, in denen überhaupt kein Text steht. Stattdessen sind darin zwei Figuren zu sehen, die aus vielen kleinen Punkten bestehen. Wenn man sich die Seiten ansieht, bemerkt man, wie sich die Köpfe der Figuren gegenüberstehen, als würden sie sich unterhalten, bis sie sich am Ende küssen. Das Buch liegt in einer grünen Stofftasche zusammen mit einem Stück Lineal und kleinen Holzstücken. Man soll dieses Kunstwerk vor allem mit den Fingern untersuchen und die feinen Punkte auf dem Papier fühlen.
Der Künstler Robert Watts möchte die Betrachter eher überraschen oder zum Lachen bringen. Er hat eine Holzkiste gebaut, in der zwei Nachbildungen von menschlichen Brustwarzen aus Gips liegen. Das ist ein sehr ungewöhnlicher Anblick, der erst einmal verblüfft. Außerdem hat er Unterwäsche entworfen, auf der Körperteile von außen aufgedruckt sind. Das wirkt lustig und gleichzeitig seltsam, weil man normalerweise genau das zeigt, was durch die Kleidung eigentlich versteckt werden soll. Diese Künstler wollen zeigen, dass Kunst sich auch mal komisch anfühlen oder uns durch verrückte Ideen zum Schmunzeln bringen darf.
Als ich klein war, in den sechziger Jahren, sagte man mir: Alles ist Kunst. Jeder ist ein Künstler. Also war ich auch einer! übrigens wurde damals auch alles kleingeschrieben. Äußerst ermutigend! Die Grenzen nach Osten waren dicht. Es gab den Eisernen Vorhang. Ansonsten war nichts dicht. Alles war offen. Überschreitungen waren leicht. Man konnte sich sein Kunstwerk im Kinderzimmer zusammenbasteln. Man lernte auch, dass der Übergang von Schreiben zum Zeichnen fließend ist.
Künstler wollten zeigen, dass ganz normale Dinge aus unserem Alltag Kunstwerke sein können. Philip Corner zum Beispiel fing damit an, Geräusche wie das Starten eines Autos aufzunehmen. Später suchte er sich einfache Gegenstände aus, legte sie auf einen Spiegel und dachte jeden Tag ganz in Ruhe über sie nach. Ein anderer Künstler namens Ay-O hat eine Schachtel voller kleiner, glattgebügelter Papierboxen gemacht. Er gibt einem die lustige Aufgabe, einen Finger hineinzustecken und sie dann zu einer langen Schlange oder einer Skulptur zusammenzubauen. Ken Friedman hat sich ebenfalls etwas Besonderes ausgedacht. Er hat kleine Figuren in Müllbeutel eingepackt. Diese Pakete soll man erst einmal eine Weile im Haus oder im Garten aufhängen. Erst nach vielen Monaten durfte man sie nach und nach auspacken und sich jedes Teil ganz genau anschauen. Am Ende baut man für die letzte Figur einen eigenen Platz zum Ausstellen und wird so selbst zu einem kleinen Künstler. Alle drei wollen uns beweisen, dass wir in ganz gewöhnlichen Dingen etwas Besonderes entdecken können, wenn wir uns Zeit dafür nehmen.
In vielen Jahrzehnten in Paris habe ich am Morgen niemals einen Mann oder eine Frau gesehen, die ein Baguette in die Tageszeitung Le Monde eingewickelt hätten. Doch der Künstler kann bei diesem Stück, das in ganz Dresden zur Plakatierung der Ausstellung dient, immerhin sagen, er habe die Idee von Frankreich „ironisiert“ und ikonisiert“. Tatsächlich weiß jeder sofort, was gemeint ist.
Bei diesem Arrangement von Wolf Vostell ist der Übergang zu den berühmtesten Zettelkästen der Zeit, jenen von Arno Schmidt und Niklas Luhmann, zu greifen. Selbst wenn wir nicht wissen, ob der Künstler an seinen Kollegen gedacht hat.
Dies sind nicht etwa die abgeschlagenen Köpfe der biblischen Könige in der Fassade von Notre-Dame, die die Revolutionäre irrtümlich für französische Könige hielten, es handelt sich schlichtweg um Walnussschalen. Wer hätte gedacht, dass knackige Walnüsse ein geheimes Doppelleben als niedliche Nagetiere führen? Robert Watts hat das Rätsel gelöst und uns mit seinen „Art Rats“ kleine Kunstwerke geschenkt, die so tun, als wären sie neugierige Ratten. Diese nussigen Gesellen erkunden mit ihren feinen Schalen-Nasen die Welt und beweisen, dass man für einen individuellen Charakter eigentlich nur die richtige Schalenform braucht. Es ist ein skurriler Gedanke, dass in einer Packung Nüsse eigentlich ein ganzes Rudel kleiner Abenteurer schlummert, das nur darauf wartet, den Frühstückstisch zu erobern.
Fluxus ist wie ein großes, lustiges Spiel. Die Künstler wollen nicht, dass man nur still davor steht und guckt. Sie möchten, dass die Besucher mitmachen, Dinge anfassen, nachdenken oder sogar selbst zu Künstlern werden. Manche dieser Spiele machen Spaß und funktionieren gut. Andere Spiele sind aber absichtlich so gemacht, dass sie einen ganz schön ärgern oder verwirren. Zum Beispiel gibt es ein Spiel von George Brecht, bei dem man seinen Namen aus Würfeln legen soll. Aber das funktioniert nicht richtig, weil auf den Würfeln nur Früchte oder gar nichts drauf ist. Das ist ein kleiner Scherz vom Künstler. Ein anderes Spiel von Ben Vautier ist ein Quiz über Kunst. Dabei kann man Punkte sammeln und sein Wissen testen. In diesem Bereich der Ausstellung darfst du die Spiele selbst ausprobieren und mitmachen.
Stellt euch vor, ein Künstler sagt: „Jeder Mensch ist ein Künstler!“ Das war genau die Idee von Joseph Beuys, der ab den 1960er-Jahren berühmt wurde. Ihn sah man fast nie ohne seinen Filzhut – das war sein Markenzeichen. Anstatt nur teure Bilder zu malen, hat er viele Kunstwerke aus Filz gemacht, weil das Material warm ist und schützt. Ein ganz besonderes Werk von ihm heißt „Ja Ja Ja Nee Nee Nee“ und sieht aus wie ein großer Block aus diesem Filz. Das Verrückte daran ist: Im Inneren versteckt sich ein Tonband.
Wenn man dieses Band abspielt, hört man Musik von einer seiner verrückten Kunst-Shows, die er 1968 mit einem Musiker in Düsseldorf aufgenommen hat. Er wollte damit zeigen, dass man aus alten Aufnahmen und einfachen Materialien coole, neue Kunst machen kann, um die Welt zu verändern.Das sieht aus wie ein sehr ernstes Zaubertrick-Set von einem sehr seltsamen Zauberer oder vielleicht die Bastelkiste von einem Gespenst. Da ist eine Hand, die aussieht, als hätte sie gerade in ein riesiges Kaugummi gefasst, das aber aus Stein ist. Und unten liegen kleine Blechdosen, die aussehen wie Schatztruhen für Zahnstocher. In der Mitte ist ein Fach, das verdächtig nach einem Kasten für Sortier-Aufgaben aussieht, aber statt bunten Murmeln sind da Kreuze drin. Alles in allem sieht es aus, als hätte jemand versucht, eine Schatzkarte zu basteln, während er versucht hat, nicht die Hände schmutzig zu machen, was offensichtlich nicht geklappt hat. Ein bisschen unheimlich, ein bisschen wie ein altes Foto von Dingen, die man lieber nicht angefasst hätte.
Der Künstler Al Hansen war ein Freund von Andy Warhol, einem sehr berühmten Künstler, der Dinge wie Suppendosen gemalt hat. Al war oft in Warhols Atelier, der sogenannten „Factory“. An einem Abend im Jahr 1968 passierte etwas Schreckliches: Eine Frau namens Valerie Solanas kam in das Atelier und schoss auf Andy Warhol. Er wurde dabei schwer verletzt. In dieser Nacht war Al Hansen auf dem Weg zu Warhol. Er kam nur wenige Minuten zu spät und verpasste die Frau, die geschossen hatte, ganz knapp. Als er ankam, war alles sehr chaotisch und viele Menschen waren aufgeregt. Al Hansen war von diesem Erlebnis so geschockt, dass er später ein Künstlerbuch darüber gemacht hat. Es heißt „Why shoot Andy Warhol?“ Darin verarbeitete er den Schrecken dieser Nacht.
Ein Blick in das elegante Studienzentrum des Dresdner Archivs der Avantgarden – Egidio Marzona.

Dem Architekten ist es gelungen, in das elegante Barockpalais eine moderne Betontreppe einzufügen, die der Ursprungs-Architektur an Eleganz nicht nachsteht.
Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.














