Von Birgit Koß.
Steven Uhlys Romane zeichnen sich durch ein irritierendes Spiel mit der Wirklichkeit und der Wahrnehmung beim Lesen aus, so dass man sich häufig gespannt fragt, wohin uns der Autor führen will. Dabei streift er diverse aktuelle Themen wie Obdachlosigkeit, Migration, soziale Härte, Schuld und Sühne und nun die Weltpolitik. In seinem neusten Roman „Death Valley“ entführt uns Steven Uhly in das Amerika Donald Trumps kurz nach seiner zweiten Wahl – und der Protagonist ist ein gewisser Steven Uhly!
Reise ins grelle Nichts
Dieser bekennende Misanthrop und Schriftsteller erfährt zum Beginn der Geschichte von dem tödlichen Krater-Absturz seiner Mutter im Death Valley in Kalifornien. Dorthin reist der Ich-Erzähler, um ihre sterblichen Überreste abzuholen oder zu beerdigen, je nach Kostenlage. Doch seine Reise entwickelt sich zu einem Wettrennen, denn mit der Mutter ist auch ihr Lebensgefährte Gerd bei dem Unfall gestorben. Dessen Sohn Hans Butt, der verhasste Stiefbruder Steven Uhlys, will ebenfalls zum Unfallort reisen. Beide sollen sich um die Beerdigung ihrer Eltern kümmern, aber die interessantere Frage ist, wer es zuerst zurückschafft in das elterliche Haus in der Eifel, das nicht nur mit wertvollen Antiquitäten bestückt sein soll, sondern möglicherweise auch versteckte Juwelen und Goldbarren beherbergt, die Steven Uhlys Mutter auf nicht legalem Wege angesammelt hat und für die es natürlich kein Testament gibt.
Wüste, Vegas, und Darth Vader
Aber das ist nur der Anfang der Absurditäten. Steven Uhly gerät durch eine Flugzeugbekanntschaft nach Las Vegas zu einer millionenschweren Familie – ebenfalls mit Erbschaftsproblemen behaftet – und bekommt von ihr einen roten Lamborghini Urus Pickup geliehen, dessen Navi die Stimme von Darth Vader hat: „May the force be with you!“ Er begegnet auf seinem Roadtrip Trump-Anhängern und Gegnern, einer Esoterikerin in der Wüste und hält sich gegen Ende nicht an den guten Rat eines Afroamerikaners: „Piece of advice: Don’t go ’round talkin’ about politics. Not a good idea these days, especially for foreigners. Got it?“ Stattdessen klagt Steven Uhly vor laufender Kamera die Trump-Administration an, durch Sparmaßnahmen im Naturschutzgebiet Death Valley für den tödlichen Unfall der Eltern verantwortlich zu sein – was zu einem Spießrutenlauf auf dem Rückweg zum Flughafen führt.
Brüder im Gegenlicht
Die beiden Brüder sind als Antipoden konzipiert „Kürbis und Bohnenstange … er so weiß, dass er schon wieder rot ist, und ich so braun, dass ich nie weiß werde“. Während Steven Uhly ein großer, schlanker Schriftsteller ist, dessen Gedankenkarussell sich permanent pessimistisch mit der Umwelt auseinandersetzt, ist der Ostdeutsche Hans klein und dick, eine leicht naive Frohnatur – und Trump-Anhänger. Da der Leihwagen von Hans eine Panne hat, müssen die beiden Halbbrüder einen Großteil ihres Roadtrips gemeinsam bewältigen mit allen vorauszusehenden Pannen und Konflikten. Erst gegen Ende setzt der Wettlauf der beiden durch die Reise gereiften Protagonisten wieder ein und es kommt zu einem überraschenden Showdown.
Zwischen Wirklichkeit und Wahn
Neben den ernsthaften Fragen – Wie kann der Abschied von einer Mutter aussehen, zu der man bei Lebzeiten immer eine große Distanz hatte? Wie umgehen mit den Irrungen und Wirrungen dieser Zeit und welchen Stellenwert hat die „Wahrheit“ noch? – bleibt sich der Autor treu im spielerischen Umgang mit Gewissheiten, die sich genauso schnell wie sie im Kopf der Leser entstanden sind, wieder auflösen.
Es ist deutlich zu spüren, wieviel Spaß dem Autor diese Geschichte gemacht hat. Auf einer Lesung versichert er, dass seine Mutter wohlauf sei und das Buch mit Freude gelesen habe. Er hatte die Idee zu diesem Roman schon vor einigen Jahren, hat sie aber erst im letzten Jahr innerhalb kürzester Zeit umgesetzt. Das Resultat ist ein Roman von Männern für Männer in den besten Jahren. Bei der Buchvorstellung sah man Verleger und Autor fröhlich vereint, die sich beide königlich über dieses Werk amüsierten, das auf seine sehr eigene Art auf die vielen Autofiktionen, die zurzeit den Markt überschwemmen, reagiert. Aber auch den Leserinnen sei dieses skurrile Werk ans Herz gelegt – ein faszinierendes und tiefgründiges Spiel mit flirrenden Wirklichkeiten, bei denen einem das Lachen oft im Halse stecken bleibt, es aber ausnahmsweise ein überraschendes Happyend gibt – sehr tröstlich in diesen oft trüben Zeiten.
Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.
| Steven Uhly | Death Valley |
| secsession Verlag, Berlin 2026 | bei amazon bei Thalia |
Das Wichtigste in Kürze
- Grotesker Roadtrip im Amerika nach Trumps zweiter Wahl
- Familiäres Erbe, Brüderkonflikt und Death-Valley-Kulisse
- Ironische Autofiktion mit überraschend tröstlichem Ende
“Death Valley” by Steven Uhly: A road trip into the absurd
In his novel Death Valley, Steven Uhly leads readers into America after Trump’s second election. The writer and first-person narrator travels to Death Valley to collect his mother’s remains. From this premise, a grotesque race with his half-brother Hans, a Trump-leaning East German, unfolds, in which family inheritance, money, and moral orientation become entwined.
The desert, Vegas, and Darth Vader
On his way, the narrator meets a desert mystic, Trump supporters and opponents, and a wealthy Las Vegas family who lend him a red Lamborghini with a Darth Vader navigation voice. When Uhly appears on television and blames the Trump administration for his parents’ deaths, the road trip turns into a satire of the political climate.
Death Valley plays skilfully with autofictional elements: author and character share the same name, perceptions tilt, truths dissolve. The constellation of the unequal brothers, forced to share parts of their journey, concentrates many conflicts of our present. In the end, Steven Uhly achieves the rare feat of uniting comedy, contemporary diagnosis, and existential questions in a surprisingly consoling happy ending. Death Valleyis a novel that productively unsettles its readers.


