…und das hat so weh getan: Die Galerie Art Cru in Mitte zeigt Werke der Hamburger Künstlerin Amelie Bartelsen. Von Stephan Reimertz
Sie können auch sprechen, diese in sich verschlossenen, in sich verbannten Wesen, deren benommener Kopf mit den erschrockenen Augen meist unmittelbar in einen ausbauchenden Unterleib übergeht: »ich geh jetzt mal in die Borderline-ambulanz« »ich verstehe den Vorgang auch einfach nicht; da wird man 24 Stunden in einen kahlen Raum gesperrt, weil man irgendetwas angestellt hat, sich das Leben zu nehmen, oder was weiß ich, und alle Jubeljahre steckt irgendein scheiß Krankenpfleger den Kopf zur Tür herein…« Die menschliche, allzumenschliche Dämonenwelt der Amelie Bartelsen ist durcheinander, aufgestört, und folgt doch ihren klaren Ordnungsprinzipien.
Ich möchte mich dem aussetzen. Gerade weil es mich erschreckt.
Eintreten in die Bartelsen-Welt
Wer die paar Stufen in die Galerie Art Cru in Berlin-Mitte steigt, ist sofort umfangen von Wimmelbildern auf weißen A-4-Blättern. Bevor er sich zum näheren Betrachten anschickt, ist er selbst schon Teil der faszinierenden und unausweichlichen Bartelsen-Welt aus kindlich-vertrackt wuselnden Birnenwesen und ihren wirren Ausrufen, die danach schreien, gehört und gedeutet zu werden, und die wir doch nicht so leicht deuten können, weil sie einer abgeschlossenen Welt entstammen und weil sie uns auch einmal bewusst in die Irre führen. »KEIN DRAMA« steht unterstrichen über einer Menschenfigur, die der Gefängniswelt der Zwanziger Jahre zu entstammen scheint, hilflos-täppisch, der wir dann wiederum aufs Wort glauben, wenn sie uns versichert: »ich bin so gerne unsichtbar«.
Verdichtete Innenwelt nicht ohne Humor und Ironie
In der einfachsten Form in Bleistift, Farbstiften und Wasserfarben schlägt Amelie Bartelsen vor uns ihre Welt auf, und wenn wir eintreten, friert uns schnell das Lächeln fest, weil wir von Anfang an nur allzu gut wissen, dass es auch unsere Welt ist. Die Künstlerin hat uns erwischt, sie hat uns gefangen. Wir sind wieder, wo wir angefangen haben, in der Welt, in der an den Konturen des Normalen noch ganz andere Linien erschreckend hervortreten können. »(no) drama« heißt ironisch diese erste Einzelausstellung der 1988 geborenen Künstlerin, die aus mehr als dreißig Blättern besteht. Und gerade wo ihre Weltversion radikal subjektiv ist, reflektiert sie Objektives.




Der schmerzliche Infantilismus in diesen Arbeiten, der sich von sich selbst erlösen will, findet seine verzerrte Entsprechung in dem brachialen Infantilismus, in dem sich der heutige Bürger des westlichen Welt trägt; damit sein Unvermögen zur demokratischen und parlamentarischen bürgerlichen Selbstrepräsentanz dokumentierend. Allein in den Werken Bartelsens wird es erlitten und nicht kokett genossen wie in den versinkenden westlichen Demokratien. In diesen Zusammenhang gehört auch die schmerzlich dokumentierte Zwangshandlung, die Ewige Wiederkehr von Gleichem und Ähnlichem. In den Werken der Künstlerin ist sie durchlebt und als unausweichlich festgehalten, wohingegen wir im Lande auf die Unfähigkeit zur Freiheit und Selbstbestimmung erschrocken gestoßen werden. Wenn man in einer Stadt wie Berlin Fußgänger vor einer roten Ampel stehen sieht, auch wenn weit und breit kein Auto kommt, weiß man, dass man von gefährlichen Psychopathen umgeben ist.
Den Schmerz aushalten. Die Welt bannen
»und das hat so weh getan« … wieviel gehört dazu, dies sechsmal untereinander zu schreiben. Wieviel gehört dazu, es ein einziges Mal zu schreiben. Aber wenn man es geschrieben hat, baut man etwas, wird man etwas aufbauen, ist man nicht mehr hilflos. Amelie Bartelsen kennt als Künstlerin keine Gnade, aber ihren Kunst kennt auch die Güte. Das Dämonotop dieser Welt hinter der Welt könnte unsere Empfindlichkeit verletzen. Den kindlich aufmunternden Steckrübennasen mag man ebenso wenig trauen wie den ganzen vielfüßelnd gemütlichen Rundwesen. Das Erschreckendste aber ist, dass wir dergleichen schon kennen, und dies nur allzu gut; und dass Bartelsen uns wieder in unsere Fieberträume, unsere Wanderungen im Zwischenreich hineinzieht. Allein die mit unabweisbarer Dringlichkeit ausgeführten Blätter geben uns die Dokumente in die Hand, mit denen wir künftig als Bürger unseres eigenen Dämonenreiches durchreisen dürfen; nicht unerkannt, aber anerkannt. Wir müssen da sein, aber wir dürfen auch da sein.
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| Amelie Bartelsen | (NO) DRAMA |
| 4. März – 24. April 2026 | Galerie ART CRU Oranienburger Str. 27 10117 Berlin |
Das Wichtigste in Kürze
- Verstörend klare Innenschau in Linien und Farbe
- Humorvolle Spiegelung gesellschaftlicher Ohnmacht
- Zärtliche, schmerzvolle Menschlichkeit im Dämonischen
Amelie Bartelsen in Berlin: The Human World, Monster Zoo, Realm of Demons
The Art Cru Gallery in Berlin presents Amelie Bartelsen’s first solo show, “(no) drama.” On white sheets, she unfolds a world of distorted, childlike figures that speak, complain, and mock. Her realm of demons feels both comic and unsettling, poetically structured yet born of inner turmoil. With pencil, color, and water, Bartelsen captures human sensitivity, pain, and irony.
Endure the pain. Captivate the world
Her characters appear helpless, defiant, invisible, and yet determined to go on. The intimacy of her psychological landscape mirrors a broader social dilemma: the infantile entanglement of Western society in powerlessness and repetition. Where Berliners wait at red lights, Bartelsen reveals the inner obedience that drives them.Her art knows no mercy, yet holds moments of grace. The repeated phrase “and that hurt so much” becomes an act of self-rescue. In this condensation of vulnerability and wit, Bartelsen emerges as a merciless observer of the human condition—and the demons that dwell within it.

