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„Empathy for the Devil“: Gut und Böse im Radialsystem

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Theater

Barbara Hoppe.

Nico and the Navigators kehren mit „Empathy for the Devil“ ins Radialsystem zurück. Das Stück, das 2021 ursprünglich für das 200. Jubiläum des Konzerthauses Berlin als Orchesterfassung geplant war, entstand schließlich pandemiebedingt in einer verdichteten Kammerversion auf kleinerer Bühne.

Im offenen Spielfeld

Im Radialsystem wurde der Raum zum offenen Spielfeld, erläutert Regisseurin Nicola Hümpel. Gemeinsam mit dem Bühnenkünstler Oliver Proske gründete sie 1998 am Bauhaus Dessau das Ensemble. Mehrfach ausgezeichnet für seine bildstarke, genreübergreifende Handschrift – einer Verbindung aus Schauspiel, Tanz, Gesang und digitalen Medien – schafft das Ensemble poetisch-assoziative Bilderwelten zwischen den Künsten. Ideal für die Spielstätte Radialsystem, die die hybride Form aus Konzert, Oper, Theater und Tanz begünstigt.

Empathy for the Devil
Foto: Falk Wenzel Abgebildete Person: Martin Clausen
Empathy for the Devil
Foto: Falk Wenzel Abgebildete Person: Martin Clausen

Zwischen Gut und Böse

Ideal also auch für „Empathy for the Devil“. Das Stück stellt die uralte Frage nach Gut und Böse in den aktuellen Kontext zwischen Krisen, Kriegen und wachsender gesellschaftlicher Spaltung. „Was einst als moralische Gewissheit erschien, zeigt sich zunehmend als fragile Konstruktion“, erläutert Nicola Hümpel den Ansatz des Stücks. „Uns interessierte das ambivalente Verhältnis des vermeintlich Guten zum mutmaßlich Bösen – und die Frage, ob diese Gegenüberstellung nicht selbst Teil des Problems ist,“ führt die Regisseurin aus.

Faust trifft auf Pop

Allem voran stand die offene Recherche: Goethes „Faust“ als philosophischer Hintergrund trifft auf den Song „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones. Doch statt einer eindeutigen Narration entsteht vielmehr eine Collage. „Goethes „Faust“ wirkt bei uns eher als Denkraum“, erklärt Hümpel, „Gedanken aus diesem Kosmos treffen auf andere Stimmen – aus Barockarien, Popsongs oder zeitgenössischer Musik. Aus Fragmenten entsteht so eine Art Kopfkino.“ Persönliche Haltungen und Erfahrungen flossen ebenfalls mit ein. Die Geschichte zeige, so Hümpel, ein wiederkehrendes Muster. „Nach Kriegen und großen Krisen werden menschliche Grundwerte – Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit – plötzlich wieder ernst genommen. Der Schrecken macht diese Werte sichtbar.“ Der Teufel stehe in diesem Sinne nicht nur für das Böse, sondern auch für den negativen Spiegel, an dem sich das Gute überhaupt erst konturiert und seine Dringlichkeit unterstreiche.

Empathy for the Devil
Foto: Falk Wenzel Abgebildete Person: Florian Graul
Empathy for the Devil
Foto: Falk Wenzel / Abgebildete Person: Florian Graul 

Das Böse in uns

Und das tut er mal verführerisch, mal grotesk, mal erschreckend nah. „Das Böse tritt selten als eindeutige Figur auf. Es verändert seine Form – und vielleicht lädt diese Verwandlung zu einer kleinen selbstkritischen Auseinandersetzung ein mit der Frage, wo diese Figur nicht nur außerhalb von uns, sondern auch in uns selbst auftaucht“, hofft die Regisseurin. Dass das Stück dabei auch eine politische Dimension hat, ist ihr wichtig. Wenn Hümpel erzählt, dass in Schwedt inzwischen rund 60 Prozent der Abiturienten die AfD wählen, macht es die Brisanz unserer Zeit deutlich. Daher hofft sie: „Vielleicht beginnt Veränderung dort, wo es uns gelingt, im persönlichen Umfeld festgefügte Gewissheiten ins Wanken zu bringen.“

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Nico and the NavigatorEmpathy for the Devil
16.4.2026, 20 Uhr
17.4.2026, 20 Uhr, im Anschluss Publikumsgespräch
18.4.2026, 20 Uhr
19.4.2026, 18 Uhr
radialsystem
Holzmarktstraße 33
10243 Berlin

Das Wichtigste in Kürze

  • Bildstarke Theatercollage zwischen Faust und Pop
  • Poetische Erkundung von Moral und Wandel
  • Hybridform aus Konzert, Oper und Tanz

“Empathy for the Devil”: Good and Evil at Radialsystem

Nico and the Navigators return to Berlin’s Radialsystem with Empathy for the Devil. Originally conceived as an orchestral project for the Konzerthaus anniversary, it evolved into a concentrated chamber version during the pandemic. Founded in 1998 by director Nicola Hümpel and stage designer Oliver Proske, the ensemble creates poetic worlds between theatre, dance, song and digital imagery.

Empathy for the Devil revisits the question of good and evil amid crisis and social division. Goethe’s Faust encounters the Rolling Stones’ Sympathy for the Devil in a free collage blending baroque arias, pop songs and contemporary music. The piece reveals the devil not only as a symbol of darkness but as a necessary mirror through which moral values regain urgency.Hümpel underscores its political relevance: when, as she notes, a majority of students in Schwedt vote for the AfD, it reflects a deeper need to challenge entrenched certainties – both in society and within ourselves.

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