Maximilian Haberstock und sein Junges Philharmonisches Orchester München im Wiesbadener Kurhaus. Von Guido Krawinkel.
In diesem Konzert bündelten sich jugendliche Energie und künstlerische Reife zu einem Abend, der den großen romantischen Orchesterklang mit verblüffender Selbstverständlichkeit in die Gegenwart holte. Programmatisch zielte der Abend hoch – Wagner, Liszt und Beethoven – und das Junge Philharmonische Orchester München unter Maximilian Haberstock und mit dem Pianisten Maxim Lando zeigte, dass dieser Anspruch nicht nur dekorativer Rahmen, sondern durchaus gelebte künstlerische Realität war.
Wagner: Glanzvoller Auftakt
Das Vorspiel zu Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ geriet zur Demonstration orchestraler Geschlossenheit und Klangmacht, wie man sie sonst eher von etablierten Traditionsorchestern erwartet. Haberstock formte lange Spannungsbögen, ließ die charakteristischen Bläserchöre breit atmen und schichtete die Steigerungen mit einer Ruhe, die seine noch junge Karriere vergessen ließ. Die Streicher überzeugten mit warmem, tragfähigem Ton, während die Blechbläser in den großen Fanfarenmomenten strahlten, ohne je ins Schrille zu kippen.
Liszt mit Maxim Lando
Mit Liszts Klavierkonzert Nr. 2 in A-Dur trat Maxim Lando ins Zentrum des Geschehens – ein Solist, der Virtuosität nie zum Selbstzweck macht, sondern in den Dienst der musikalischen Erzählung stellt. Sein Ton changierte mühelos zwischen kantabler Innigkeit und kristalliner Brillanz; Passagen, die leicht zu bloßen Effektkaskaden verkommen, bekamen bei ihm Linien, Richtung und eine klare dramatische Logik. Haberstock begleitete aufmerksam und auswendig dirigierend, atmete mit dem Solisten und modellierte die heiklen Übergänge zwischen lyrisch-kammermusikalischen Passagen und symphonischem Gestus mit bemerkenswerter Souveränität. Der Schluss wirkte wie eine entfesselte, dennoch kontrollierte Apotheose – das Publikum reagierte mit begeistertem Jubel, den Lando mit hochvirtuosen Zugaben noch weiter anfachte.
Beethoven: Eine Fünfte ohne Routine
Nach der Pause stellte sich das Orchester mit Beethovens Fünfter Symphonie einem Prüfstein, an dem sich auch arrivierte Klangkörper messen lassen müssen. Anstatt auf interpretatorische Extravaganzen zu setzen, suchte Haberstock die innere Dramatik dieser Partitur freizulegen: Der berühmte Eröffnungsgestus klang scharf konturiert, spannungsgeladen, und blieb dennoch organisch in den Fluss des Satzes eingebettet. Die rhythmische Präzision, die Transparenz der Mittelstimmen und eine sorgfältig austarierte Dynamik ließen vor allem das Scherzo und die Überleitung ins Finale in neuem Licht erscheinen. Das triumphale C-Dur des Schlusssatzes wirkte nicht bloß laut, sondern wie das Ergebnis eines konsequent durchgehörten dramatischen Weges – der Saal reagierte mit anhaltenden Ovationen.
Ein Orchester mit Zukunft
Dass ein erst 2023 gegründetes Orchester mit Musikerinnen und Musikern aus über 25 Nationen auf einem derart hohen Niveau agiert, gehört zu den eigentlichen Sensationen dieses Projekts. Hier stand kein „Jugendorchester“ im landläufigen Sinn auf der Bühne, sondern ein Ensemble, das sich mit Ernst, Disziplin und hörbarer Begeisterung der großen europäischen Klangtradition verschreibt und sie zugleich mit frischer Energie auflädt. Maximilian Haberstock erweist sich dabei als ein Dirigent, der jenseits von Showgesten arbeitet, der Klang formt, Strukturen klärt und seinen Musikern den Raum gibt, Verantwortung zu übernehmen – eine Haltung, die man an diesem Abend in jeder Phrase spüren konnte. Dieses Konzert machte eindrucksvoll deutlich, wie überzeugend die Zukunft des orchestralen Musizierens klingen kann, wenn technische Exzellenz, interpretatorische Ernsthaftigkeit und jugendliche Neugier zusammentreffen.
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Das Wichtigste in Kürze
- Wagner-Vorspiel mit jugendlicher Klangmacht
- Liszt-Konzert mit erzählerischer Virtuosität
- Beethovens Fünfte ohne Routinegesten
Junges Philharmonisches Orchester München: A Future of Grand Sound
At Wiesbaden’s Kurhaus, the Young Philharmonic Orchestra of Munich under Maximilian Haberstock combines youthful energy with striking artistic maturity. Wagner’s Prelude to “Die Meistersinger von Nürnberg” becomes a showcase of orchestral cohesion: long-breathed phrasing, expansive brass choirs and a warmly grounded string sound create the aura of tradition usually associated with long-established ensembles.
With Liszt’s Piano Concerto No. 2 in A major, Maxim Lando steps into the spotlight. His virtuosity always serves musical narrative; even the most dazzling passages retain line and dramatic logic. Conducting from memory, Haberstock breathes with the soloist and shapes the transitions between chamber-like intimacy and symphonic force into a convincing dramaturgy.
After the interval, the orchestra faces Beethoven’s Fifth Symphony without relying on eccentric readings. Sharply contoured rhythms, transparent inner voices and finely balanced dynamics allow the Scherzo and the transition to the finale to appear in a fresh light; the triumphant C major feels earned rather than merely loud.The true sensation of the evening is that this orchestra, founded only in 2023 and comprising musicians from more than 25 nations, performs at such a high level. Haberstock emerges as a conductor who shapes sound instead of posing – a genuine promise for the future of orchestral performance.


