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„Rigoletto“ in Dresden: Lehnhoffs dunkles Vermächtnis

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Theater

Auch ein Jahrzehnt nach dem Tod des Regisseurs Nikolaus Lehnhoff überzeugen im „Rigoletto“ in Dresden Konzentration und Beziehungsreichtum seiner Inszenierung der musikalischen Moritat. Francesco Angelico führt die Sächsische Staatskapelle mit straffer Hand. Das wohlgesonnene Dresdner Publikum schließt Oleksandr Pushniak als tragischen Narren erneut ins Herz. Die intelligente Produktion entlässt die Besucher mit vielerlei Anregungen zurück ins eigene Leben. Von Stephan Reimertz.

Ein Narr im Kerkerlicht

In seinem meist schwarz gehaltenen Bühnenbild, das jederzeit mit Kreuzen besternt, mit manieristischen Leibern des Höllensturzes bevölkert, möbliert und drapiert werden kann, stellt uns Raimund Bauer eine Welt vor Augen, düster und undurchdringlich. Unsere Welt. Das Puppenhaus, in dem der Spaßmacher Rigoletto seine Tochter Gilda gefangenhält, wird hineingeschoben, ganz weiß. Das soll eine Welt der Reinheit sein, doch sie erweist sich auf Dauer als Gefängnis, die Gitter gehen hinunter. Die kreisrunde Öffnung in der Decke gegen Ende lässt den Blick nach oben frei, verstärkt aber die Wirkung von Einsamkeit und Verlassenheit. Nicht im Pantheon befinden wir uns, sondern im Kerker. Auch in der 63. Aufführung seit der Premiere im Juni 2008 überzeugt die durchdachte und präzise Produktion in ihren einschlägigen Bildern und ihrer leicht nachvollziehbaren Personenregie.

Rigoletto in Dresden
Oleksandr Pushniak (Rigoletto), Marina Monzó (Gilda)
© Semperoper Dresden, Foto: Sebastian Hoppe

Lehnhoffs langer Nachhall

Nikolaus Lehndorff hinterließ mit seiner angemessenen Dresdner Rigoletto-Inszenierung das Andenken eines ganz auf die Sache konzentrierten Opernregisseurs, der keine Effekte um ihrer selbst willen kennt. Voll psychologischer und sozialer Sensibilität arbeitet die Produktion die Lage des prekär beschäftigten Entertainers an einem Fürstenhof und die Verfügungsgewalt seines Arbeitgebers über Leib, Leben und Familie heraus. Über den bürgerlichen schwarzen Anzug streift der Hofnarr, dessen Tage gezählt sind, noch einmal das Narrenkostüm, hier in Froschgrün gehalten wie das dezente und interessant zu lesende Programmheft. Stimm- und leibgewaltig verkörpert Oleksandr Pushniak den tragischen Nachfolger all der wandlungsreichen Spaßmacher des achtzehnten Jahrhunderts. Als die musikalische Ballade im März 1851 an der Fenice ihre Uraufführung beging, hatten die Künstler es bereits nur noch mit den aufgepäppelten Nachfolgern des Ancien Régime zu tun. Die Dresdner Produktion reflektiert diesen historischen Moment, in dem sie uns die Festgäste im ersten Akt so bleich gezeichnet vorstellt wie in E. A. Poes neun Jahre vor Verdis Oper veröffentlichten Erzählung von der Maske des Roten Todes.

Masken der Macht

Des Herzogs Preislied Questa e quella ist ebenso wie das eingeschobene Menuett nur mehr kraftlose Erinnerung an Don Giovannis blühende Tage. Iván Ayón Rivas setzt den ruchlosen Aristokraten in jeder Hinsicht auf den absteigenden Ast, wozu sein im Prinzip silbriges, in unserer Aufführung am Freitag vor Pfingsten auch schneidendes Organ gar nicht schlecht stimmt. Francesco Angelico stellt mit der Sächsischen Staatskapelle einen schwingenden, musikantischen, in entscheidenden Momenten auch zurückhaltenden orchestralen Rahmen zur Verfügung, in dem sich Darsteller und Drama plastisch herausmodellieren können. Antonio Di Matteo lässt den subtil auftrumpfenden Mordunternehmer Sparafucile sein Geschäft mit schleicherischer und bedrohlicher Professionalität ausführen, mit der er auch seinen Namen wie eine Markenbezeichnung wiederholt. Dass ein angestellter Vater die Unschuld seiner Tochter vor seinem Dienstherrn beschützt, die gar nicht beschützt werden will, ist weder in der zu Ende gehenden feudalen noch der beginnenden kapitalistischen Gesellschaft vorgesehen, und so setzt sich Rigoletto mit seinem Mordauftrag am Herzog zwischen alle Stühle. Wenn des Mörders Messer die falschen trifft, nämlich Gilda und damit auch das Herz ihres Vaters Rigoletto, versehrt es eben jene Stelle, die es nach Lage der Dinge versehren musste. Marina Monzó gibt stark erscheinend und glasrein singend die flügge Gilda, die der allzu großen Liebe ihres Vaters nur in den Tod zu fliehen vermag.

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Giuseppe VerdiRigoletto
Oper in drei Akten
Libretto von Francesco Maria Piave nach dem Versdrama Le roi s’amuse von Victor Hugo
Premiere: 21. Juni 2008
Musikalische Leitung: Francesco Angelico
Inszenierung: Nikolaus Lehnhoff
Semperoper Dresden

Das Wichtigste in Kürze

  • Düstere Kerkerbilder statt dekorativer Historie
  • Psychologisch feine Zeichnung von Hofnarr und Herzog
  • Staatskapelle in scharf konturiertem Verdi-Klang

Even a decade after Nikolaus Lehnhoff’s death, his Dresden production of “Rigoletto” still convinces through focus and rich psychological interplay. Francesco Angelico leads the Sächsische Staatskapelle with taut, musical precision, while the Dresden audience once again embraces Oleksandr Pushniak’s tragic jester. Raimund Bauer’s predominantly black set presents a dark, impenetrable world, populated by falling bodies of damnation, into which the white doll’s house for Gilda is pushed as an apparent realm of purity that gradually reveals itself as a prison. The circular opening in the ceiling allows a view upwards and yet intensifies solitude and abandonment.

Lehnhoff’s direction avoids empty effects and highlights psychological and social sensitivity: the precariously employed entertainer at court, the prince’s power over his body and family. Rigoletto slips a frog‑green jester’s costume over his bourgeois black suit, while the pallid guests recall Poe’s “Masque of the Red Death”. Iván Ayón Rivas shapes the Duke as a figure in decline, Antonio Di Matteo lets Sparafucile move like a stealthy entrepreneur of death. Marina Monzó’s clear, bright Gilda appears as a young woman who can only escape her father’s excessive love through death. When the assassin’s knife strikes the wrong victim, it feels like the inevitable outcome of a social order that has no place for her protection.

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