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„Freischütz-Ausstellung“ in Dresden: Kostbar und lehrreich

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Die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden lädt zu einer kostbaren Freischütz-Ausstellung von Partituren, Textbüchern und anderen Spuren aus Leben und Werk Carl Maria von Webers. Von Stephan Reimertz.

Betritt man die oberen Kammern der Landesbibliothek, fällt der Blick sogleich auf die vornehme Physiognomie des Komponisten von unbekannter Hand, die Silhouette verratend den atemberaubenden Schwung einer Musik, wie sie bis dato nie einer vernahm.Das ist der geborene musikalische König seines Volkes, seiner Nation, sein Oberon. In einer Schatzkammer sind die Inkunabeln seines theatralischen Wirkens, namentlich der Oper Euryanthe, Oberon und dem Freischütz aufgebahrt.

Friedrich Kind, Mitglied des Dresdner Liederkreises, hier nach einer Abbildung aus dem Archiv der Grafen Brühl, schrieb mit dem Freischütz eines der markantesten und trefflichsten Opernlibretti des neunzehnten Jahrhunderts. Mit der an Symbolismus und Metaphysik rührenden Schauergeschichte veranlasste er Weber zu seinem einzigartigen zwischen Singspiel, Deutscher Oper und faustischer Tragödie schillernden Werk, welches für Deutsche Inbild ihrer nationalen Identität werden sollte und das zugleich der ganzen Welt gehört. Richard Wagner nannte den Freischütz »die deutscheste aller Opern«. Die mitreißende Schöpfung ist eine Einladung an die Völker der Welt, auf uns Deutsche zu schauen, unsere Treuherzigkeit, unsere Neigung zum Teufelspakt, unsere Stärke und Verletzlichkeit, unseren Glauben, unsere Fähigkeit zur Freude und zum Tanz, unsere Treue, und nicht zuletzt, mit Tacitus zu sprechen, unsern »Starrsinn an der falschen Stelle«.

Wilhelmine Schröder-Devrient Freischütz-Ausstellung Dresden

Die Nachwelt flicht dem Sänger keine Kränze, wenn er in der Zeit vor den akustischen Aufzeichnungssystemen gelebt hat. Es sei denn, Carl Maria von Weber oder Richard Wagner loben ihn und geben seinen Namen damit der Ewigkeit anheim. Wilhelmine Schröder-Devrient gehört zu den wenigen Sängerinnen, deren Name aus plattenloser Epoche zu uns herüberschallt. Geradezu schwärmerisch hat Wagner immer wieder ihrer gedacht und sie namhaft gemacht als Inspirationsquelle für den neuen Heldentypus der Frau, wie wir ihn dann in Senta, Isolde und Brünnhilde kennenlernen sollten. Schröder-Devrient war mit Weber befreundet, der ihr die Titelrolle in seiner Oper Euryanthe bei der Dresdner Erstaufführung anvertraute. Was wir wiederum hier in der Dresdner Ausstellung sehen, ist der Silbergelatineabzug eines Blattes aus der Deutschen Photothek, zeigend Elisa Stünzner als Euryanthe in der Aufführung der Staatsoper Dresden 1923.

Freischütz-Ausstellung Dresden Partitur

Weber und Mendelssohn bilden das einander umkreisende Zweigestirn im Moment der nationalen Erhebung. Unter dem magischen Dresdner Himmel – oft sehen wir ein Lapislazuli bis Violett, das die Blauräume der frühen Holländer wie Kinderfarben aussehen lässt – oder angesichts des faden, damals noch nicht ganz so faden, Antlitz Berlins, werfen sie uns eine Aufforderung zum Tanz hin, eine Einladung zum Leben, ein ungeheures Glücksversprechen, der eine in einer italienischen Symphonie, der andere in der bebenden Freischütz-Musik, ein Jubilieren wie noch nie, eine kindlich-mutwillige Vorfreude auf das Entstehen der eigenen Nation, das uneintauschbare Gefühl, dass es endlich soweit ist. Freude als generalisiertes Konversionsmedium abstrakter Art der Epoche von Schiller und Beethoven wird nun abgelöst. Hier wird es konkret; das Volk anfassbar. Dabei ist ein besonders bezaubernder und tröstlicher Gedanke, dass es das Zauberlustspiel shakespearescher Provenienz ist, das in Felix Mendelssohn Bartholdys Schauspielmusik zum Sommernachtstraum und Carl Maria von Webers Oper Oberon Pate steht.

Der Freischütz wiederum tritt auf die Weltbühne als eine Möglichkeit des Seins, um aus dem Leben der Völker nie wieder abzutreten; als beispielloser Triumph eines vielfältigen und widersprüchlichen Landes, das in einem bestimmten Augenblick zusammenschießt in der Woge eines Melos, welcher die ganze Welt mitreißt. Die Musiken von Weber und Mendelssohn zusammengenommen, das ist die Befreiung des Herzens. Und wenn es in Deutschland überhaupt einen Quadratkilometer gibt, der den Esprit der Edelsten des Landes umzirkt, das das Land zu bieten hat, dann ist es dieser Kern von Dresden, von dem auch 1989 ein Teil der nationalen Revolution ausging. Auch die festliche Hochstimmung, die Huldigung an Treue und Opferbereitschaft in Webers Oper Euryanthe gehören dazu. Hier sehen wir ein »Pas de cinq«, wie der Komponist schreibt, das er zu seiner Euryanthe nachkomponiert hat; Webers eigene Partitur für die Dresdner Erstaufführung.

Freischütz-Ausstellung Dresden Lieblingsoper

Die Veranstalter der Dresdner Ausstellung in der Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek haben sich etwas besonders schönes ausgedacht. Besucher sollten den Namen ihrer Lieblingsoper auf einen Zettel schreiben. Was hätten Sie geschrieben?

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Kein Freischütz für Dresden.
Carl Maria von Weber und die deutsche Oper
Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
Ausstellung bis zum 6. Juni 2026Buchmuseum | Schatzkammer

Das Wichtigste in Kürze:

  • Webers eigenhändige Stimmgabel und Originalpartituren zu Euryanthe
  • Friedrich Kinds Libretto zum Freischütz als nationales Opern-Inkunabel
  • Dokumente zu Wilhelmine Schröder-Devrient und der Dresdner Erstaufführung

„Freischütz-Ausstellung“ (“The Freischütz Exhibition”) in Dresden: A treasure trove of information

The Saxon State and University Library Dresden presents a precious exhibition on Carl Maria von Weber featuring scores, librettos, and documents from his life.

In the upper chambers of the library, the composer’s distinguished physiognomy welcomes visitors. On display are incunabula of his most important operas: Euryanthe, Oberon, and Der Freischütz. A special loan is Weber’s own tuning fork.

Friedrich Kind wrote one of the most distinctive opera librettos of the nineteenth century with Der Freischütz. The gothic tale touching on symbolism and metaphysics inspired Weber to create his work shimmering between Singspiel, German opera, and Faustian tragedy. Richard Wagner called it „the most German of all operas.“

Wilhelmine Schröder-Devrient is among the few singers whose name echoes from the pre-recording era. Wagner remembered her enthusiastically as an inspiration for his new heroic female archetype. Weber entrusted her with the title role in Euryanthe at the Dresden premiere.

The exhibition displays Weber’s own score for the Dresden premiere of Euryanthe, including a subsequently composed „Pas de cinq.“ Visitors are invited to write the name of their favorite opera on a slip of paper.

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