Von Birgit Koß.
Der Prophet gilt im eigenen Lande nichts. Dieser Spruch trifft auch auf die indische Autorin Arundhati Roy zu. Die Bookerpreisträgerin, im Ausland geliebt und gelobt, hat es zu Hause stets schwer gehabt und zu Zeiten der national gesinnten Regierung wird es eher schlimmer. Wer sie ist, wo sie herkommt und dass sie als syrisch-christlich Geborene und freiheitsliebende Frau dem “Hindustaat“ nicht nur positiv gegenübersteht – das alles erfahren wir aus ihrem neusten Buch, in dem sie sich mit ihrer Mutter auseinandersetzt. Arundhati Roy hat Zeit ihres Lebens eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter gehabt. Die Autorin wird von deren Tod 2022 zutiefst erschüttert und beschließt, sich damit literarisch zu beschäftigen: „Auf diesen Seiten soll meine Mutter, meine Gangsterin leben. Sie war meine Zuflucht und mein Sturm.“
Die Deutschlandpremiere von „Meine Zuflucht und mein Sturm“ gab es bereits im letzten Herbst im Rahmen des internationalen Literaturfestivals Berlin. Dort sagte Arundhati Roy „Ich verließ Mrs. Roy nicht, weil ich sie nicht liebte, sondern um sie weiter lieben zu können.“ Die Autorin musste ihre Mutter Mrs. Roy nennen, weil sie in der Schule auch ihre Lehrerin war.
Die Mutter als Maß
Mary Roy hatte mit 30 Jahren, geschwächt vom Asthma, völlig mittellos mit zwei Kindern ihren Mann verlassen und kehrte zu ihrer Familie in Kerala, Südindien, zurück, von der sie kaum geduldet wurde. Da sie einen Bachelorabschluss in Pädagogik hatte, gründetete sie mit unendlicher Kraft und Durchsetzungsfähigkeit ihre eigene später sehr anerkannte Schule für zunächst 7 Schüler. Sie brachte ihren Schülern, Mädchen und Jungen gemeinsam bei, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen und unterstützte sie wie und wo sie nur konnte. Da blieb für ihre eignen Kinder anscheinend wenig Kraft und Liebe übrig. Eine weitere Lebensaufgabe von Mrs. Roy war ihr juristischer Kampf, um Erbansprüche christlicher Frauen in Kerala durchzusetzen, den sie schließlich gewann. Arundhati Roy sagte, „Sie kämpfte dafür, nicht eine nette Frau und gute Mutter zu sein, sondern für ihr eigenes Recht“. Somit war die Beziehung zu ihren beiden Kindern ausgesprochen schwierig, aber genau daraus hat Arundhati Roy ihre Stärke gezogen. Sie schreibt: „Ich habe so großes Leid, so viel systematisch erzwungene Not, so absolute Bosheit und so facettenreiche Wiederholungen der Hölle gesehen und darüber geschrieben, dass ich mich nur zu den Allerglücklichsten zählen kann.“ Beim Lesen dieses Buches finden wir viele Figuren, Orte und selbst Gegebenheiten aus „Der Gott der kleinen Dinge“ wieder, ihrem ersten Roman, mit dem sie direkt 1997 den Bookerpreis gewann und den sie ihrer Mutter gewidmet hat, wie auch dieses Buch. Beide sind genial übersetzt von Anette Grube, der es gelingt die überaus bildreiche, wortgewaltige Sprache der indischen Autorin gekonnt zu übertragen.
Kindheit und Widerstand
In „Meine Zuflucht und mein Sturm“ geht es sowohl um das Leben von Mary Roy, als auch um ihr eigenes. Mit 18 geht Arundhati zum Architekturstudium nach Delhi in den 70er-Jahren. Mittellos muss sie sich mehr schlecht als recht durchschlagen, arbeitet als Bühnenbildnerin und Drehbuchautorin, bevor sie 1997 mit ihrem Debüt ihren Durchbruch als Schriftstellerin hat. Als Kind ist ihre Zuflucht die Natur, immer wieder geht sie nach draußen. Hier liegt der Grundstein für ihre spätere Naturverbundenheit und den Kampf für die Umwelt. Arundhati erzählt, dass sie als Jugendliche häufig Geschichten im Kopf entwickelt hat, um zu überleben. Immer wieder wurde sie von ihrer Mutter gedemütigt und beschimpft. Schon als kleines Kind wurde sie aus dem Auto geworfen und musste stundenlang allein durch die Wildnis laufen, wenn sie es ihrer Mutter nicht Recht gemacht hatte. Trotzdem klagt sie ihre Mutter nicht an, sondern ist von deren Stärke und Freiheitswillen beeindruckt und beeinflusst.
Schreiben gegen die Welt
So ist dieses Buch auch eine Erklärung undBeschreibung der Schriftstellerin Arundhati Roy und macht die Einordnung in ein Genre schwierig. Die Vermischung in ihren Texten zwischen Fiktion und Realität gibt sie dieses Mal zugunsten der Realität auf, erzählt aber trotzdem so farbenfroh und abwechslungsreich, dass sich das Ganze fast wie ein Roman liest. Sie berichtet auch eindrücklich über ihr politisches Engagement, dass ihr nach dem frühen Ruhm durch ihren ersten Roman später, als sie sich beispielsweise zum Kaschmirkonflikt äußert, Beleidigungen und Hass einbringt. Bei diesen Demütigungen fühlt sie sich in ihre Kindheit zurückversetzt – dieses Gefühl kommt ihr so vertraut vor und wieder bezieht sie sich schließlich positiv auf ihre Mutter. „Jahrelang wanderte ich danach durch Wälder und Flusstäler, durch Dörfer und Grenzstädte in dem Versuch, mein Land besser zu verstehen. Unterwegs schreib ich. Es war der Anfang meines ruhelosen, renitenten Lebens als aufrührerische Verräterin und Schriftstellerin. Eine freie Frau. Freies Schreiben. Wie es mir Mother Mary beigebracht hatte.“
Schutz durch Öffentlichkeit Unterstützt wird sie dabei immer wieder von guten Freunden. Mit einem hat sie aus ihren Einnahmen einen Fond „Thanks God we are rich“ gegründet, mit dem die beiden Journalisten, Anwälte, Aktivisten, Lehrer, Künstler unterstützen, denen es finanziell schlecht geht. Diese Solidarität hatte die Autorin selber früh erfahren. Ihre Berühmtheit bietet ihr nach wie vor einen gewissen Schutz gegen die staatlichen Autoritäten, auch wenn sie schon mehrfach angeklagt und vor Gericht gestellt wurde. So beendete sie ihren Auftritt im Rahmen des ilb mit den Worten „der einzige Schutz, den ich habe sind meine Leser“, die sie an diesem Abend mit frenetischem Applaus gefeiert haben.
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| Arundhati Roy | |||
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| Der Gott der kleinen Dinge | Karl Blessing Verlag, München 1997 bei amazon bei Thalia | ||
| beide a.d. Englischen von Anette Grube |
Das Wichtigste in Kürze
- Radikale Selbstbefragung zwischen Mutter und Herkunft
- Politisches Schreiben aus biografischer Erfahrung
- Sprachkraft zwischen Erinnerung und Realität
Arundhati Roy and the Shadow of the Mother
Arundhati Roy is one of the most internationally acclaimed voices in contemporary literature, yet she remains controversial in her native India. Her new book, “My Refuge and My Storm,” is a literary exploration of her mother, Mary Roy, a formative and contradictory figure.
Mary Roy left her husband under difficult circumstances, founded a school in Kerala, and successfully fought for equal inheritance rights for Christian women. Her uncompromising sense of independence shaped her daughter but left little room for emotional closeness. Their relationship remained conflicted and painful.
Roy processes these experiences in a text that moves between autobiographical reflection and narrative intensity. Childhood memories, humiliation, and strategies of survival intertwine with her later political stance. Her writing is closely linked to her activism, which has repeatedly exposed her to hostility in India.
At the same time, the book reveals how deeply her origins and personal history inform her literary work. Motifs and characters recall her debut novel “The God of Small Things.”
“My Refuge and My Storm” is not only a book about a mother, but also a self-positioning of a writer shaped by resistance, memory, and linguistic force.


