Die Oper, die sogar Donizetti und Wagner begeisterte: Norma, Vincenzo Bellinis großes Staats- und Liebesdrama aus der Zeit des Gallischen Krieges. Im Gegensatz zu G. I. Caesars Bericht setzt Bellinis lyrisches Drama auf schwerblütige, vom Barockzeitalter inspirierte Dramatik, ausufernde Melodieführung und präzise sprachliche Rhythmisierung, wie sie der Komponist aus seiner sizilianischen Heimat kannte. Von Stephan Reimertz.
Gesang aus Catania
Spricht man vom Sizilianischen in der Musik Vincenzo Bellinis, besonders seiner achten Oper Norma, spielt man meist auf stilistische Eigenschaften an, die mit des Komponisten Herkunft aus Catania und der musikalischen Tradition der Insel verbunden werden. So wird Bellini gerühmt für seine extrem langen, fließenden Linien. In München füllt Elena Stikhina vom Konservatorium in Moskau die Rolle mit elegischer und stimmlicher Grandezza, wie sie die typischen lokalen Bellini-Afficionados begeisterte. Die Sopranistin machte uns wiederum fühlen, wie viel der Komponist dem Stil der Volkslieder seiner Heimat verdankt. In weiten, ruhigen Bögen, wenig rhythmischer Zersplitterung und jener eine fast endlos atmende Melodie schrieb er eine Musik spezifisch sizilianischer Herkunft in die große europäische Oper ein. Das berühmte Beispiel ist die Arie »Casta diva«, wo sich die Musik langsam entfaltet und fast zu schweben scheint.
Melodie ohne Ende
Wagner sah in den langen Melodiebögen Bellinis Vorgänger seiner »unendlichen Melodie« und hat Norma mehrfach dirigiert, stellt auch der musikalische Duktus des deutschen Meisters einen denkbaren Gegensatz zu jener süß-traurigen Stimmung dar, wie sie Bellini aus den sizilianischen Volksgesängen sog und die seinen Opern oft einen elegischen Charakter von Schönheit, innerer Trauer und stiller Leidenschaft verleihen. Die Münchner Produktion hat diese Grundstimmung aufgenommen. Kapellmeister Giacomo Sagripanti und das Bayerische Staatsorchester bewegen sich in der Musik des Meisters aus Catania wie in ihrer Muttersprache.
Kantabilität statt dramatischer Explosion
Während Giuseppe Verdi später stärker auf dramatische Energie setzt, bleibt Bellini näher an einer reinen Gesangskultur, bei der die Stimme im Mittelpunkt steht. Das Orchester unterstützt und der Fokus liegt auf Ausdruck der Linie. So entspricht es einer italienischen Tradition, die Bellini mit Gioachino Rossini und Gaetano Donizetti prägte. Man könnte von einer vereinfachten rhythmischen Gesangsbegleitung sprechen, die das Orchester der Singstimme bietet und in dem die Erinnerung an Tanzschritte sich noch abdrücken. Den Münchnern gelingt es, vollkommen anschmiegsame Tempi zur Verfügung zu stellen, in denen sich der Gesang angemessen entfalten kann. Sie vermitteln die Idee, dass über diesen Bewegungen von Tanzschritten sich die seelische Stimmung der Protagonisten in der Stimme befreit und die übrige feinziselierte Orchesterarbeit mit einem geistigen Kommentar sekundiert.
Gefühl archaischer Einfachheit
Norma spielt in einer druidischen Welt. Die Musik gibt sich meist rituell und schlicht. Das passt zu einer mediterranen, volksnahen Musiksprache: klar, sanglich, emotional direkt. Das Werk besitzt zudem den Vorzug, über anderthalb jener begehrten Sopranduette zu verfügen, wie sie von Opernbesuchern stets als Kostbarkeiten erwartet werden, (etwa »Ah, guarda sorella!« zwischen Fiordiligi und Dorabella in Così fan tutte oder die Barcarolle in Hoffmanns Erzählungen.) Aigul Akhmetshina, die in unserer Aufführung die Adalgisa sang, die jüngere Gegenspielerin und Konkurrentin Normas, besaß allerdings eine Elena Stikhinas nahezu schwesterngleiche Stimme. So ergab sich eher ein Parallel- als ein Komplementäreffekt. Die Tenöre Najmiddin Mavlyanov und Micheal Butler als Pollione und Flavio wiederum erfüllten die männlichen Rollen mit stimmlicher und darstellerischer Würde, wie man sie angesichts eines solchen mythischen Stoffs erwartetet.
Dunkle Bühne, leuchtender Klang
Jürgen Rose gestaltete nicht nur die subtile Personenregie, sondern auch Bühnenbild, Kostüme und Lichtkonzept. Mit der in düsteren und einfachen Farben und Formen gehaltenen Bühne und den abwechslungsreich und phantasievoll gestalteten Kostümen schuf er ein Regiekunstwerk, das einen vollkommenen Rahmen bot für eine der beliebtesten Opern der Musikgeschichte. So konnte sich an der Bayerischen Staatsoper ein Gesamtkunstwerk entfalten, das uns zeigt, »wie man Melodien atmen lässt«, um es mit Wagner zu sagen. »Bellini ist eine meiner Vorlieben, denn seine Musik ist stark gefühlt und eng mit den Worten verschlungen.«
Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.
| NORMA Komponist Vincenzo Bellini. Libretto von Felice Romani. Tragedia lirica in zwei Akten (1831) | Musikalische Leitung: Giacomo Sagripanti Inszenierung, Bühne, Kostüme und Lichtkonzept: Jürgen Rose |
| Bayerische Staatsoper München | weitere Aufführungen |
Das Wichtigste in Kürze
- Weite, atmende Melodielinien von großer Ruhe
- Fein austarierte Tempi und vokale Präsenz
- Geschlossene Bildsprache in dunklen Farben
‘Norma’ at the Munich State Opera: Bellini’s musical world
By Stephan Reimertz.
Bellini’s Norma, set in the time of the Gallic Wars, unfolds its impact less through dramatic intensity than through expansive, cantabile melodic lines. The Munich performance featuring Elena Stikhina exemplifies this quality: her voice sustains the long phrases with calm intensity, recalling the composer’s Sicilian roots. In “Casta diva,” in particular, Bellini’s trust in the natural flow of music becomes evident.
Wagner recognized in Bellini’s style a precursor to his own concept of “endless melody.” In Munich, conductor Giacomo Sagripanti and the Bavarian State Orchestra embrace this idea, creating a cohesive sound that supports the voice without overwhelming it.
Unlike Verdi’s later dramatic force, Bellini remains devoted to pure vocal culture. The orchestra accompanies and comments, leaving space for expression through the voice. The opera appears deliberately archaic: a ritualistic, restrained world in which emotion arises directly from melodic line.Aigul Akhmetshina’s Adalgisa blends closely with Stikhina’s timbre, while the male roles are shaped with dignity. Jürgen Rose’s reduced stage design, in dark tones, provides a fitting frame for a work that relies entirely on musical intimacy.



