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Benjamin Myers „Strandgut“ –  ein Roman voller Soul

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Buch Literatur

Was bleibt, wenn das Leben sich zurückzieht? Rezension von Barbara Hoppe.

„Strandgut“ – das sind die Dinge, die das Meer freigibt, nachdem es sie lange mit sich getragen hat. Verloren, vergessen, vom Wasser gezeichnet. Ein solches Strandgut sind die Figuren im gleichnamigen Roman des britischen Autors Benjamin Myers.

Und ein solches ist Earlon „Bucky“ Bronco, der in Chikago lebt und noch nie das Meer gesehen hat. Bucky wartet auf den Tod. Der Mittsiebziger hat mit seinem Leben abgeschlossen. Nachdem seine geliebte Ehefrau Maybell gestorben ist, erwartet er nichts mehr vom Leben. Es spielt sich ohnehin nur noch zwischen seiner Wohnung und der Walmart-Apotheke ab. Sein Körper schreit vor Schmerz, Tag ein, Tag aus. Die Sonnenstunden sind lediglich die wenigen Augenblicke, in denen seine Schmerztabletten wirken. Mitten hinein in dieser psychische Düsternis erreicht ihn eine Einladung aus Großbritannien. Das jährlich stattfindende Soul-Festival in Scarborough möchte ihn für einen Auftritt.

Poetik des Ungeschönten

Ja, Bucky war einst Soulsänger, ein verheißungsvolles Talent – doch inzwischen ein fast vergessener Name in den USA. Ein paar wenige Aufnahmen existieren, ein paar Songs, doch dann geschah ein Unglück, und die Karriere war vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Mit Gelegenheitsjobs hat Bucky sich über Wasser gehalten und doch scheint man ihn zumindest in Großbritannien nicht vergessen zu haben. Neugierig besteigt er zum ersten Mal in seinem Leben ein Flugzeug und landet in dem kleinen Ort am Meer. Dort trifft er auf Dinah, eine zerzauste, vom Leben geschüttelte Mittfünfzigerin, auch sie zerrissen und zerrupft von dem, was das Leben ihr angespült hat. Und plötzlich ist die Reise mehr als nur der Auftritt eines alternden, fast vergessenen Soul-Sängers – sie ist Wendepunkt und Aufbruch, und all das, was Soulmusik ausmacht. Gefühl, Geschichte, Widerstand und Sehnsucht. Musik, die von Schmerz und Hoffnung lebt, von der Stimme, die aus dem Innersten kommt. Myers verbeugt sich in „Strandgut“ vor dieser Musik, die einst aus den afroamerikanischen Communities der USA emporstieg und weltweit Herzen berührte. Herzen wie die von Dinah und Bucky, die sich aneinander aufrichten, deren kurzes Aufeinandertreffen eine Herzensgemeinschaft wird – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Benjamin Myers Strandgut
Cover: DuMont Buchverlag

Benjamin Myers – Poet der leisen Töne

Schon mit „Offene See“ hat Benjamin Myers bewiesen, wie poetisch und zärtlich er erzählen kann. Auch „Strandgut“ folgt dieser Linie. „Trauer ist der Preis der Liebe“ – sagt Dinah zu Bucky, ein Satz, der wie ein Kalenderspruch klingt und doch den Atem dieses Romans bildet. Ruhig, und getragen von einer tiefen Empathie für seine Figuren lässt der Autor Raum für Gedanken, für Stille, für das, was zwischen den Zeilen liegt. Da wird nichts verklärt, nichts melodramatisch aufgebauscht, sondern schlicht und lebensnah erzählt. Jeder Satz ist eine Liebeserklärung an die Unvollkommenheit des Lebens – und an die Kraft der Soulmusik.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Benjamin MyersStrandgut
Dumont Buchverlag
Köln 2025
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bei Thalia

Das Wichtigste in Kürze

  • Vergessener Soulsänger im späten Aufbruch
  • Begegnung zweier vom Leben Gezeichneter
  • Poetische Hommage an Musik und Menschlichkeit

Benjamin Myers „Strandgut“ – a novel full of soul

“Strandgut” is the title of Benjamin Myers’ new novel, where characters appear like flotsam washed ashore. Earlon “Bucky” Bronco, in his seventies, waits for death. Since the loss of his wife, he lives in pain and isolation, with only painkillers offering brief relief. Once a soul singer, his career ended abruptly after an accident. Forgotten in the United States, he suddenly receives an invitation to the Soul Festival in Scarborough, England.

For the first time, Bucky boards a plane and travels to the sea. There he meets Dinah, a woman equally marked by life’s hardships. Their encounter transforms his journey into more than a performance: it becomes renewal, hope, and the essence of soul itself – music born of pain, resistance, and longing.Myers tells this quietly, poetically, with deep empathy. He has already shown this gift in The Offing. Strandgut likewise resonates with sentences free of pathos yet filled with resonance. “Grief is the price of love,” says Dinah, a thought that permeates the book. It is a love letter to life’s imperfection – and to the enduring power of soul music.

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