Gary Victor macht es seinen Lesern nicht leicht – und genau darin liegt der Reiz seiner Romane um Inspektor Dieuswalwe Azémar: Sie sind brutal, rasant, düster – und doch so lebendig, dass man Port-au-Prince nach der Lektüre nicht mehr vergisst. Von Barbara Hoppe.
Haiti noir: Kriminalroman, Gesellschaftsroman, Voodoo-Thriller
Wer von einem klassischen Kriminalroman mit gemütlicher Ermittlungsarbeit träumt, ist bei Gary Victor an der falschen Adresse. Seine Bücher um Inspektor Dieuswalwe Azémar – darunter „Schweinezeiten“, „Soro“, „Suff und Sühne“, „Im Namen des Katers“ und nun der neue Band „Erschütterungen“ – sind ein literarischer Hurrikan über ein Land im Ausnahmezustand. Gewalt, politische Intrigen und korrupte Eliten gehen hier eine unheilige Allianz ein mit Aberglauben, Voodoo-Ritualen, Mythen, Sex und Machismo.
Haiti im Taumel
Die Serie zeigt ein Haiti, in dem der Staat sich weitgehend verabschiedet hat, in dem Bandenchefs, Priester und Geschäftemacher die Lücken füllen – und in dem ein einzelner Polizist versucht, zumindest ein Minimum an Gerechtigkeit zu retten. Dass Victor diese Missstände nicht dokumentarisch trocken, sondern mit einer literarischen Überhöhung erzählt, macht den besonderen Ton aus: Die Exzesse wirken grotesk, fast surreal, und gerade dadurch umso eindringlicher.
Warum zwei „w“ zählen
Dieuswalwe – mit zwei „w“ – ist mehr als ein eigentümlicher Name: Es ist die kreolische Schreibung von „Dieu soit loué“, „Gott sei gelobt“. Schon in diesem Namen steckt die Spannung, die Victors Krimis ausmacht: In einem von Voodoo, christlicher Frömmigkeit und archaischen Ängsten geprägten Land trägt ausgerechnet ein vom Leben gezeichneter Polizist einen frommen, fast zynisch wirkenden Namen.
Azémar ist Alkoholiker, schwer gezeichnet von seiner Vergangenheit als Elitesoldat und dennoch ein Meisterschütze, der trotz Silberblick und selbst mit ordentlich kleren – dem haitianischen Zuckerrohrschnaps – im Blut unfehlbar „zwischen die Augen“ trifft. Man fragt sich unwillkürlich, wie ein schielender, alkoholisierter Mann je Elitesoldat werden konnte – und warum er noch immer so treffsicher ist, während um ihn herum die Institutionen zerbröseln. Azémar nennt sich selbst den „Kloakenreiniger“ einer Gesellschaft, die sich an Korruption, Gewalt und Ausbeutung gewöhnt hat, und verteilt seine Form von Gerechtigkeit an jene, die Unschuldige drangsalieren.
Der beschädigte Rächer
Das ist moralisch alles andere als glattgebügelt. Doch Victors Kunst besteht darin, diesen beschädigten Mann zu einem Sympathieträger zu machen: Man ertappt sich dabei, mit fast schuldbewusster Erleichterung zuzusehen, wie Azémar unter Gangstern, korrupten Politikern und religiösen Scharlatanen aufräumt – mit derselben Erbarmungslosigkeit, die sie selbst an den Tag legen.





Stationen der Reihe
Die Krimireihe um Inspektor Dieuswalwe Azémar umfasst bislang sechs Bände, die in Deutschland im Trierer Litradukt Verlag erschienen sind. Den Auftakt bildet „Schweinezeiten“, ein „Voodoo-Krimi“, in dem Victor die tiefe Religiosität Haitis mit schwarzer Magie, einer aggressiven Freikirche aus den USA und einem Staat am Rande des Zusammenbruchs verknüpft. Es folgen „Soro“, „Suff und Sühne“ und „Im Namen des Katers“, in denen Azémar immer tiefer in die Verstrickung von Politik, Polizei, Banden und religiösen Mächten gezogen wird.
Mit „Erschütterungen“ liegt nun der sechste Fall vor – und er ist in mehrfacher Hinsicht ein Einschnitt: Zum einen ist es Victors erster Roman, den er auf Haitianisch-Kreolisch geschrieben hat. Zum anderen ist es das erste Buch, das der Litradukt Verlag aus dem Kreolischen ins Deutsche übertragen hat. „Erschütterungen“ ist mit seinen knapp 100 Seiten zugleich der schmalste Band der Reihe und erscheint rund sieben Jahre nach dem letzten Azémar-Roman.
Inhaltlich bleibt Victor sich treu: Azémar jagt eine Gang, die sich in seinem Viertel breitmachen will, stößt auf einen mysteriösen Martinistenorden und eine Reihe ritualisierter Morde an jungen Menschen aus der LGBT+-Szene, die einem bizarren Opferkalender folgen. Ein klassischer Kriminalroman also, der Thriller, Mystery und Gesellschaftsroman miteinander verschränkt und dabei ein Haiti zeichnet, das buchstäblich in seinen „Erschütterungen“ versinkt.
Rasanter Stil: Schreiben wie Schießen
Sprachlich schreibt Gary Victor, wie Azémar handelt: schnell, direkt, erbarmungslos. Seine Prosa ist knapp, dialoggetrieben, oft hart an der Schmerzgrenze. Lange psychologische Ausleuchtungen sind seine Sache nicht; stattdessen jagt er seine Figuren atemlos durch Port-au-Prince, durch Hinterhöfe, Elendsviertel und Amtsstuben, in denen die Korruption wie ein zweites Klima herrscht.
Die Brutalität ist dabei nie Selbstzweck, sondern Ausdruck eines Staatsversagens, das tief ins Alltagsleben eingesickert ist. Die literarische Überhöhung – Menschen, die sich in Schweine verwandeln, obskure Orden, die zwischen Esoterik und Machtpolitik changieren, Voodoo-Priester, die mit dem Elend Geschäfte machen – macht das alles nicht „realistischer“, wohl aber spürbarer. Victor gelingt das Kunststück, aus der Überzeichnung eine präzise Gesellschaftsanalyse zu formen. Und so liest man seine Krimis sowohl als hochspannende Noir-Romane als auch als schonungslose Diagnose einer Gesellschaft, die an ihren eigenen Mythen und Widersprüchen zu zerbrechen droht.
„Erschütterungen“: Starke Rückkehr mit kleinen Rissen
Sieben Jahre Pause sind in einer Krimireihe eine lange Zeit – und das merkt man „Erschütterungen“ an. Die atemlose Jagdhandlung sitzt, die Spannung trägt, und Azémar ist so widersprüchlich faszinierend wie eh und je. Gleichzeitig schleichen sich kleine Unstimmigkeiten ein, insbesondere in der Figur des Michel, der nicht in allen Details bruchlos an die früheren Bände anschließt. Wer die Reihe gut kennt, wird an einigen Stellen stutzen und das Gefühl haben, dass hier Erinnerung und aktueller Roman nicht ganz perfekt ineinander greifen. Hinzu kommt, dass die Autokorrektur offensichtlich gelegentlich fleißiger war als das menschliche Korrektorat: Einzelne Wörter wirken verrutscht oder unglücklich geglättet, als hätte eine Maschine den letzten Schliff übernommen. Das stört nicht so sehr, dass man die Lektüre abbrechen würde, aber in einer Reihe, die sprachlich sonst so präzise zielt wie ihr Protagonist, fällt es auf. Umso mehr wünscht man sich für künftige Bände, dass dieser „Fehlerteufel“ wieder verscheucht wird – Lesegenuss und literarischer Anspruch hätten es verdient.
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| Alle erschienen im Litradukt Verlag, Trier | Literatur aus Haiti bei Litradukt |
Das Wichtigste in Kürze:
- Noir-Krimi als Gesellschaftsdiagnose Haitis
- Azémar: zerrissene Figur zwischen Glaube und Gewalt
- Dichte, schnelle Prosa mit surrealen Überhöhungen
Gary Victor and Inspector Azémar: Haiti Noir
Gary Victor’s crime novels featuring Inspector Dieuswalwe Azémar are far from conventional detective stories; they are condensed literary visions of a Haiti in a state of exception. Violence, political intrigue, religion, and superstition intertwine, creating an atmosphere that oscillates between reality and grotesque exaggeration.Azémar, a scarred former elite soldier and alcoholic, moves through this world as a kind of “cleaner of the gutters.” His name—Creole for “God be praised”—stands in sharp contrast to his actions. This tension makes him one of the most compelling figures in contemporary noir fiction.
The series, published in Germany by Litradukt Verlag, continues with “Erschütterungen.” This volume, translated for the first time from Haitian Creole, combines a fast-paced plot with ritual murders, gang violence, and mysterious orders. Victor’s style is concise, dialogue-driven, and forceful. The brutality is never an end in itself but reflects deeper structural failures. Despite minor inconsistencies in character continuity and occasional linguistic roughness, “Erschütterungen” remains a striking and intense return to a world where order survives only as a fragile illusion.
