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Biennale Venedig: „La Serenissima“ – die Allerdurchlauchtigste

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Unsere Autorin war bei der Kunstbiennale in Venedig unterwegs – zwischen den Hallen des Arsenal, den Länderpavillons und dem besonderen Licht der Lagune. Ein Bericht von Irma Hoffmann.

Kunst Biennale Venedig 2026

Tag 1: Besuch der 61. Kunst-Biennale

Anlass und absolutes Pflichtprogramm meines Venedig-Besuchs war die Kunst-Biennale, ein Event, das alle zwei Jahre viele Kunstinteressierte anzieht, in diesem Jahr jedoch von heftigen Konflikten beeinträchtigt wird:

– Posthume Kuratierung

Konzipiert wurde die diesjährige Biennale unter dem Titel „In Minor Keys“, in Deutsch: „In Moll-Tonarten“ oder, frei übersetzt: „In leisen Tönen“ von Koyo Kouoh. Die inzwischen verstorbene kamerunisch-schweizerischen Kuratorin war die erste afrikanische Frau in dieser renommierten Position. Ihr Team setzte das Konzept nach ihrem Tod unverändert um. Das bedeutet aber auch, neue Ideen, die sich oft erst während des Aufbaus einer Ausstellung entwickeln, waren von vornherein ausgeschlossen.

– Eine Kunstbiennale im Krisenmodus

Forderungen nach dem Ausschluss von Russland und Israel, der Ausfall der traditionellen Eröffnungsfeier sowie die Absage der Vergabe der Goldenen Löwen zum Auftakt überschatteten die internationale Kunstschau.

– Das Arsenal

Um mir unvoreingenommen ein eigenes Bild zu machen, begann ich meine Tour bewusst am Nachmittag, direkt nach meiner Ankunft. Eine kluge Entscheidung, denn die meisten Reisegruppen waren zu dieser Zeit bereits wieder weg.

In den ersten Ausstellungssälen des Arsenal überkam mich ein Gefühl einer visuellen Überforderung: Eine Fülle abstrakter, lauter, raumgreifender Installationen im Halbdunkel und unzählige Texttafeln an den Säulen, deren Lektüre sicher aufschlussreich gewesen wäre, meinen zeitlichen Rahmen hätten sie jedoch gesprengt.

Weiter zu gehen war die richtige Entscheidung, denn schon in den Räumen hinter den langen Eingangshallen wurde es stiller, übersichtlicher und zugänglicher.

Da ein einziger Nachmittag kaum ausreicht, das gesamte Spektrum des Arsenal zu erfassen, folgt hier meine persönliche Auswahl von Exponaten, die mich inhaltlich und ästhetisch am meisten bewegt haben:

Biennale Venedig Theo Eshetu
Theo Eshetu (*1958, London): Garden of the Broken Hearted, 2026
Sculptural installation, olive tree, rotating platform, spotlights, video, sound
61. Esposizione Internazionale d’Arte – La Biennale di Venezia, In Minor Keys
61st International Art Exhibition – La Biennale di Venezia, In Minor Keys 
Photo by: Marco Zorzanello / Courtesy: La Biennale di Venezia

Die Installation von Theo Eshetu lädt zur Besinnung ein; der Olivenbaum steht dabei symbolisch für die Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, für Resistenz und gegen menschliche Ignoranz.

Biennale Venedig Nick Cave Amalgam
Nick Cave (*1959 Chicago): Amalgam (Origin), 2024
Bronze, Edition of 8, with 2APs, 787 × 511 × 577 cm 

61. Esposizione Internazionale d’Arte – La Biennale di Venezia, In Minor Keys
61st International Art Exhibition – La Biennale di Venezia, In Minor Keys 

Photo by: Marco Zorzanello / Courtesy: La Biennale di Venezia
 

Nick Cave, nicht zu verwechseln mit dem namensgleichen australischen Musiker, reflektiert über eine Gesellschaft, die sich im Spannungsfeld zwischen Leben und Tod bewegt, zugleich tief verbunden und tief gespalten. In seinen monumentalen Bronzen „Soundsuits“ verweist er auf sieben Phasen der Trauer und Freude, die hier in einer Krone aus Zweigen mit Blumen und Vögeln symbolisiert werden.

Biennale Venedig Annalee Davis: Let this be my Cathedral
Annalee Davis (*1963 Saint Michael, Barbados): Let this be my Cathedral, 2026
Multimedia installation: herbarium (leaves, fronds, inflorescence, pods, seeds, branches, grasses), lead cast of Eskimo curlew bird shot in Barbados in 1963, Damask woven cushion, blow-torched drawings on wood of The Yonge and The Olde Palmetto Royalls reproduced from Richard Ligon’s The True and Exact History of the Island of Barbadoes
(1657); hand-embroidered, appliquéd and dyed textile shroud;
Olive Senior’s “Birdshooting Season” from Fred Bodsworth’s Last of the Curlews (1995) / 660 × 500 cm

61. Esposizione Internazionale d’Arte – La Biennale di Venezia, In Minor Keys
61st International Art Exhibition – La Biennale di Venezia, In Minor Keys
 
Photo by: Luca Zambelli Bais / Courtesy: La Biennale di Venezia
 

Annalee Davis‘ künstlerisches Werk basiert auf der Tradition ihrer kreolischen Herkunft. Thematisch beschäftigt sie sich mit ihrer kolonialen Vergangenheit, Rassismus, Klassenunterschieden und den daraus resultierenden historischen Traumata. Mit der multimedialen Installation, einem Herbarium mit Pflanzen aus ihrem karibischen Hausgarten und handgearbeiteten Textilien, Zeichnungen von Palmen und einem lebensgroßen, inzwischen wahrscheinlich ausgestorbenen Eskimobrachvogel auf dem Boden will Davis Verzweiflung in aufmerksame Präsenz umwandeln.

Biennale Veneding Bonnie Devine Land in War
Bonnie Devine (*1952 Toronto): Land in War, 2015/26
8 paintings, oil on canvas, 121.92 × 182.88 cm each 
61. Esposizione Internazionale d’Arte – La Biennale di Venezia, In Minor Keys
61st International Art Exhibition – La Biennale di Venezia, In Minor Keys 
Photo by: Luca Zambelli Bais / Courtesy: La Biennale di Venezia

In ihren eindrucksvollen Landschaften setzt sich Bonnie Devine, mit den Erfahrungen ihres Vaters auseinander, der gegen koloniale Gebietseroberungsversuche kämpfte. Das zentrale Thema ihres Werks sind die Auswirkungen des Uranabbaus und dem daraus entstandenen radioaktiven Müll. So führte der Uranabbau in Elliot Lake (Ontario, Kanada) zwischen den 1950er- und 1990er-Jahren zu schweren ökologischen Schäden und einer hohen radioaktiven Belastung des nahegelegenen Serpent River und des Territoriums der indigenen Serpent River First Nation.

Biennale Venedig Kennedy Yanko
Kennedy Yanko (*1988, St. Louis, USA)
The bond between matter and
heaven, 2025
Paint skin, metal, 688.34 × 304.8 × 436.88 cm
 
61. Esposizione Internazionale d’Arte – La Biennale di Venezia, In Minor Keys
61st International Art Exhibition – La Biennale di Venezia, In Minor Keys
 
Photo by: Luca Zambelli Bais / Courtesy: La Biennale di Venezia

Anamorphe Skulpturen kreierten schon Ende der 1950er-Jahre Künstler des Abstrakten Expressionismus, wie zum Bespiel John Chamberlain, der aus zusammengepresstem Autoschrott Assemblagen schuf. Der künstlerische Ansatz von Kennedy Yanko ist somit nicht neu. Neu ist jedoch, dass sie sogenannte „Paint Skins“ (Farbhäute) über die Metallskulpturen legt. Dafür gießt sie große Mengen Farbe aus, lässt sie zu einer planenartigen Fläche trocknen und formt sie anschließend so, dass sich ihre Struktur kaum noch von der des Metalls unterscheidet.

Israelischer Pavillon im Arsenal

Pavilion of ISRAEL Rose of Nothingness  
Pavilion of ISRAEL: Rose of Nothingness   
Belu-Simion Fainaru (*1959, Bukarest)
61st International Art Exhibition – La Biennale di Venezia, In Minor Keys 
Photo by: Luca Zambelli Bais / Courtesy: La Biennale di Venezia

Fainaru ist ein rumänisch-israelischer Bildhauer und Installationskünstler dessen Vater den Holocaust-überlebte. Obwohl er sich seit Jahren intensiv für den Dialog zwischen jüdischen und arabischen Gemeinschaften bemüht, stand sein Beitrag auf der Biennale im Zentrum geopolitischer Proteste.
Seine Rauminstallation vereint zentrale Einflüsse aus der Musik, Literatur und Religion und gilt als Zusammenfassung seines gesamten Oeuvres: Bezüge zu Kompositionen von John Cage, der das Zuhören als gemeinsames kreatives Erlebnis verstand. Literarisch ist es von Paul Celans Gedicht Todesfuge inspiriert.
Zentrales Element der Installation ist ein großes Becken, das mit tiefschwarzem Wasser gefüllt ist. Alle 42 Sekunden fallen von der Decke einzelne Wassertopfen. Diese Zahl und der Rhythmus beziehen sich auf die jüdische Kabbala (jüdische Mystik) und jüdische Rituale und erzeugen eine zutiefst andächtige Stille.

Indischer Pavillion im Arsenal

Die immersive Installation aus hauchzarten architektonisch geformten Stickereien, Membranen, die in der Luft schweben, vermitteln eine Vorstellung von „Zuhause“ Einem Haus, das die Großeltern der Künstlerin nach ihrer Flucht in Delhi erbaut hatten. Die hauchfein gestickte Hommage von Sumakshi Sing erinnert an die Nachmittage, die sie in diesem Haus beim Stricken und Sticken mit der Großmutter verbrachte.

Italienischer Pavillion im Arsenal

Kuratiert von Cicilia Canziani mit dem Titel „Con te con Tutto“, bildet er den krönenden Abschluss meines Streifzugs durch das Arsenal:

Biennale Venedig Pavilion of ITALY Con te, con tutto 
Pavilion of ITALY: Con te, con tutto 
Chiara Camoni * 1974 Piacenza
61st International Art Exhibition – La Biennale di Venezia, In Minor Keys 
Photo by: Marco Zorzanello / Courtesy: La Biennale di Venezia

Den Auftakt der Ausstellung im italienischen Pavillon bildet eine Gruppe von 24 anthropomorphen Terrakotta-Skulpturen von Chiara Camoni, die in der traditionellen Wulstling-Technik geformt sind und deren Erscheinungsbild durch Naturmaterialien und synthetische Plastikfragmente kunstvoll akzentuiert wird. Neben den für ihr Oeuvre charakteristischen Materialien wie Ton und organische Fundstücke integriert sie recycelte Kunststoffe, Industrieabfälle und textile Alltagsgegenstände in ihre Werke, Elemente, die erst bei näherem Hinsehen erkennbar werden.

Biennale Venedig La Serenissima
Foto (c) Irma Hoffmann

Mein Rundgang endet mit einem romantischen Blick vom Arsenal Gelände auf die Silhouette Venedigs – La Serenissima im Licht der Abendsonne.

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