Von Barbara Hoppe.
Haiti scheint aus den Schlagzeilen verschwunden zu sein. Bei den vielen Krisenherden auf der Welt hat sich der Karibikstaat als stabil desaströs im Weltgeschehen eingerichtet. Das Land steht am Rande des Staatszusammenbruchs, kriminelle Gangs und korrupte Politiker beherrschen die Szenerie. Hört man genauer hin oder begibt sich auf die Suche nach Neuigkeiten aus dem Land, so künden die Nachrichten aus Haiti von unerbittlicher Gewalt und Zusammenbruch. Der haitianische Autor Gary Victor ist dabei eine ernst zu nehmende Stimme.
Haitis Abstieg: Von der Hoffnung zur Anarchie
Haiti, die erste schwarze Republik der Neuzeit seit der Unabhängigkeit 1804, versinkt seit den 1990er-Jahren in einen Kreislauf aus politischer Instabilität, Armut und Korruption. Ende der 1990er, als Victor seinen Roman schrieb, markierte die Rückkehr von Präsident Jean-Bertrand Aristide 1994 nach einem Militärputsch einen trügerischen Hoffnungsschimmer, doch Strukturanpassungsprogramme des IWF verschärften die soziale Spaltung. Die Wahlen 2000, von Betrugsvorwürfen überschattet, führten zu internationalen Sanktionen und wirtschaftlichem Kollaps. Seitdem eskalierte der Verfall: Aristides Vertreibung 2004 löste Chaos aus, das Erdbeben 2010 und Cholera-Epidemien verschlimmerten die Lage, und seit den 2010er-Jahren beherrschen Banden wie Cité Soleil die Straßen. Heute ist Haiti ein Quasi-Staatsversagen – mit über 80 Prozent Armutsquote, Mordraten jenseits von 50 pro 100.000 Einwohnern und einer Regierung, die von Gangs erpresst wird.
Mahnmal aus der Vergangenheit
Und dann stößt man plötzlich auf ein Buch, das wie ein Mahnmal aus der Vergangenheit wirkt. „An der Kreuzung der Parallelstraßen“, geschrieben in dieser Vorabendstimmung, sieht voraus, wie Misere und Mythen zu apokalyptischer Gewalt führen.
Der Roman von Gary Victor, 2000 auf Französisch als „À l’angle des rues parallèles“ erschienen und nun erstmals auf Deutsch beim Litradukt Verlag vorliegend, ist ein eindringliches Zeugnis der Missstände in dem karibischen Land. Geschrieben vor 25 Jahren, erweist es sich als klarsichtige Prophezeiung der katastrophalen Entwicklungen, die Haiti bis heute heimsuchen. Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince als Sohn des Soziologen René Victor, hat mit diesem Roman – seinem härtesten, wie der Klappentext betont – lange gezögert, ihn zu veröffentlichen.
Der Amoklauf durch eine Welt im Wahn
Die Handlung jagt den Leser durch ein Port-au-Prince Ende der 1990er, wo Éric, ein entlassener Beamter, Opfer der Strukturanpassungen, in Rachegelüsten aufgeht. Er plant, den Minister Mataro zu töten, den er für sein Privatunglück verantwortlich macht. Doch der Amoklauf wird zum Höllenritt: Éric navigiert durch eine Stadt, in der Spiegel blind werden, Schriften sich umkehren und Heiligenstatuen umherirren. Der „Erwählte“, ein machtgieriger Populistenführer, lässt Gott ermorden, während die Bevölkerung in panischer Apokalypse versinkt. Victor wechselt nahtlos von realen Schauplätzen wie dem Kosovo-Viertel – benannt nach seiner Brutalität – zu surrealen Visionen, die Voodoo-Rituale und politische Paranoia vermischen.
Trance-Bericht aus der Hölle
Gary Victors Schreibstil fasziniert durch seine Intensität: Die Ich-Perspektive Érics liest sich wie ein fiebriger Bericht, der in Trance durch eine verrückt gewordene Welt rast. Ein harter Roman. Ja. Der härteste von Gary Victor? Ganz sicher. Und doch: Gerade die unmittelbare Gewaltbereitschaft seines Protagonisten gepaart mit mythischen und surrealistischen Elementen schaffen mehr Distanz als sein bedrückender und zutiefst erschütternder Haiti-Roman „Eine Violine für Adrien“. Angesichts der katastrophalen Zustände empfindet man fast etwas wie Empathie für Érics Wut und seine Ungeduld gegenüber den Zuständen in einem ver-rückten Land.
Der Litradukt Verlag, Spezialist für haitianische Literatur seit 2006, liefert mit Peter Triers Übersetzung ein Juwel. Es ist seine klarsichtige Härte, die den Roman 25 Jahre später aktuell macht und uns einlädt, Haitis Schicksal nicht als ferne Tragödie zu sehen.
Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.
| Gary Victor | An der Kreuzung der Parallelstraßen a.d. Französischen von Peter Trier |
| Litradukt Verlag, Trier 2025 | bei Thalia |
Das Wichtigste in Kürze
- Literarische Spiegelung von Haitis Staatszerfall
- Visionärer Roman zwischen Realität und Mythos
- Litradukt-Edition macht Vergangenes aktuell
Gary Victor: ‘At the intersection of parallel streets’
Haiti remains a symbol of state collapse. Violence, corruption, and poverty have shaped the country since the 1990s. Gary Victor’s novel At the Crossing of Parallel Streets, first published in 2000 and now translated into German by Litradukt, exposes with haunting clarity the political and moral disintegration of Haiti.
Born in Port-au-Prince in 1958, Victor wrote the novel at a time of deceptive hope following President Aristide’s return. His protagonist Éric, a victim of economic reforms and social despair, wanders through a Port-au-Prince on the brink of madness. Reality and delusion, politics and Voodoo, violence and myth merge into an apocalyptic vision.
Victor’s intense and feverish style turns the narrative into a trance-like descent into a Caribbean hell. Peter Trier’s translation preserves the novel’s linguistic force and vision. At the Crossing of Parallel Streets reads today as a prophetic document: Haiti’s downfall was long foreseen — and already written in fiction.


Pingback: Kulturtipps im Februar | Murmann Magazin
Pingback: Der Podcast am Sonntag: Gary Victor „An der Kreuzung der Parallelstraßen“