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HAAR – MACHT – LUST. Von Satyrn, Perücken und Protest

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HAAR – MACHT – LUST in der Kunsthalle München – ein Ausstellungsbesuch in Bildern von Irma Hoffmann.

HAAR - MACHT - LUST Ausstellungsplakat
Gestaltung basierend auf Ausschnitten von Herlinde Koelbl, Projekt Haare, Punk, 2007 © Herlinde Koelbl /Jacques-Louis David, Anne-Marie-Louise Thélusson, Comtesse de Sorcy, 1790, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München, Dauerleihgabe der HypoVereinsbank, sowie nach einer Idee von Naro Pinosa

„… ich möchte mit hervorragender Kunst Menschen erreichen, die zufällig auf der Theatinerstraße unterwegs sind und sich sagen: Ach, das könnte doch vielleicht interessant sein“, sagte der gebürtige Niederländer Roger Diederen, seit 2013 Direktor der Kunsthalle München, bei einem Interview. „Und … was bringt es denn, wenn ich eine Ausstellung mit meinem Lieblingsthema für mich und meine zehn Kunsthistoriker-Freunde mache? Nichts! … Wir möchten hier ein breites Publikum ansprechen. Und daher kuratieren wir Ausstellungen so, dass sie von allen verstanden werden …“

Sein Konzept scheint aufzugehen: 240.000 Besucher und Besucherinnen haben die letzte Ausstellung Digital by Nature mit generativen und interaktiven Installationen von Miguel Chevalier besucht.

Die aktuelle Ausstellung Haar-Macht-Lust zeigt thematisch untergliedert Kunstwerke und Objekte, Leihgaben aus bedeutenden Sammlungen und Museen, wie dem Prado, dem Louvre und dem Rijksmuseum, aus Theatern und, nicht zu unterschätzen, aus Münchner „Schatztruhen“, Zeugnisse einer ungeheuren Vielfalt zu diesem Thema innerhalb einer Zeitspanne von etwa 3000 Jahren.

HAAR - MACHT - LUST Bild 1 Olaf M. Teßmer
Unbekannt, Kopf eines Genius(Fundort: Nimrud/Kalchu), 883-859 v. Chr. (Assurnasirpal II.), Stein-Alabaster, Staatliche Museen zu Berlin – Vorderasiatisches Museum, Foto: © Olaf M. Teßmer, CC BY-SA 4.0

Der sorgfältig, abwechselnd in engen Locken gelegte Bart dieses Schutzgeistes galt schon bei den Assyrern im nördlichen Mesopotamien (heute Irak), als Zeichen von Macht und zur Abgrenzung zu anderen Völkern.

Im 17. und 18. Jahrhundert waren, besonders unter den Adligen, Perücken eitler Kopfputz und Symbol von Macht und Bedeutung. Jedoch wurden sie nicht selten bei frühem krankheitsbedingtem Haarausfall notwendig. Denn die seit dem späten 15. Jahrhundert bekannte und am französischen Hof grassierende Syphilis, deren Behandlung mit Quecksilbersalben und Arsenverbindungen Haarausfall verursachte, forderte ihren Tribut.
Seit der Erfindung des Penicillins, sind es nicht mehr die Behandlungsmethoden durch Quecksilber und Arsen, die Zellschäden nach sich ziehen, heute haben Strahlen- und Chemotherapie, den gefürchteten Haarausfall zur Folge, wie dies fotografisch Hannah Wilke (1940-1993) mit ihrem Selbstporträt Intra-Venus 1992 dokumentiert. 

Perücken, wie sie Ludwig XIII. (1638-1715), der schon sehr früh unter Haarausfall litt, trug, waren zunächst einfach gestaltet und setzten sich zunehmend in adligen Kreisen durch. Von Ludwig XIII. angefeuert, revolutionierten königliche Perruquiers die Perücken-Knüpftechnik zu komplexer Perfektion mit immer gewagteren und raffinierteren Coiffeur-Kunstwerken, wie den Poufs, deren turmartiger Aufbau mit einem Drahtgestell und dreieckigem Sitzkissen (Pouf) gestützt wurden. Die babylonischen Auswüchse ausgeklügelter Haarbaukunst endeten mit der Französischen Revolution und selbst „höhere Kreise“ kehrten zu mehr Natürlichkeit zurück.

Bis heute erhalten hat sich jedoch die Perücke beim Adel für besondere Anlässe, sozusagen als Unterscheidungsmerkmal innerhalb der gesellschaftlichen Position. So auch bei Richtern und Anwälten des britischen Commonwealth. Hier symbolisiert die aus silbergrauem Pferdehaar geknüpfte Zweitfrisur Unabhängigkeit, Anonymität, Ernsthaftigkeit und Respekt vor der Tradition.

HAAR - MACHT - LUST Angermair Satyrkopf
Christof Angermair (1580-1633): Satyrkopf mit Hirschgeweih, 1624-27 aus Elfenbein, Hirschgeweih, Stahl und Holz, Leihgabe aus dem Bayerischen Nationalmuseum, München,
© Bayerisches Nationalmuseum, München

Schön und erhaben ist der „bis über die Riesenohren“ behaarte Satyr aus Elfenbein mit Warzen im Gesicht und einem unregelmäßig gewachsenen Hirschgeweih auf dem Kopf nicht. Andersartig schon: als stark behaartes Mischwesen mit (Hirsch-) bockartigem Attribut entspricht er schon eher der Vorstellung eines, hässlichen Lüstlings aus der griechischen Mythologie.

HAAR - MACHT - LUST Hoffmann Nietzsche
Max Klinger (1857-1920): Porträtbüste Friedrich Nietzsche, 1903, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto © Irma Hoffmann

Im 19. Jahrhundert schmückten sich nicht nur Adlige, auch Dichter, Denker und Komponisten bevorzugten Abbilder in üppiger Haartracht. Nicht gelockt, aber mindestens genauso beeindruckend hat Max Klinger Friedrich Nitzsches Bart- und Kopfhaar und sogar die Augenbrauen in gewaltigem Ausmaß geformt, womit er dem radikalen Vordenker der Moderne ikonisches Aussehen verlieh.

HAAR - MACHT - LUST Beethoven
Antoine Bourdelle: Beethoven aux grands cheveux [Beethoven mit langem Haar], 1891, Bronze, Musée Bourdelle, Paris, Antoine Bourdelle – CCØ Paris Musées / Musée Bourdelle

Interpretiert man die gewaltige Löwenmähne Ludwig van Beethovens als Ausdruck von Macht und Bedeutung, entspricht dies durchaus seinem Anspruch auf adlige Herkunft aufgrund seines Namenszusatzes „van“, der jedoch lediglich auf den Herkunftsort seiner niederländischen Vorfahren hinweist. Hier stehen idealisiert wuchtige, wilde Locken symbolisch für Genie und rebellische Natur Beethovens.  

HAAR - MACHT - LUST Herlinde Koelbl Behaarter Rücken
Herlinde Koelbl: Behaarter Rücken (aus dem Projekt Haare), 2007, Fotografie,
© Herlinde Koelbl

Dass jeder Mensch über etwa 5 Millionen Körperhaare verfügt (wer hat die wohl gezählt?), ist, gemäß den Lehrtafeln in der Ausstellung, völlig „normal“. Kommen sie jedoch in Form einer Hypertrichose (ungewöhnlich starke Körperbehaarung) daher, werden sie zum Problem, wie auf einem Foto eines stark behaarten Rückens von Herlinde Koelbl eindrucksvoll festgehalten. Dies ist aber kein unlösbares „Problem“, wie auch ein „Damenbart“, den Frau in unserer Zeit dank Waxing, Zupfen, Sugaring oder Epilieren, zumindest zeitlich begrenzt, entfernen kann.
Starke Körperbehaarung kann aber auch Unterscheidungsmerkmal für alle Geschlechter werden, wie das Porträt von Anja Kuzmic von 2025, das Cole Escola als erste nicht-binäre Person bei der Verleihung des Tony-Award-Preises mit lockiger Hochfrisur und starker Brustbehaarung zeigt.

Haar als Ausdruck von Widerstand innerhalb einer Gesellschaft, wird sanft und blumig bei den Hippies in den 1960ern; in schrillen Farben und provokativ bei den Punks, in der Ausstellung mit einem Foto von Herlinde Koelbl demonstriert.

Als im Oktober 1968 das Rockmusical „Hair“, Exportschlager aus den USA, mit dem Titel „Haare“, in München uraufgeführt wurde, belagerten langhaarige friedensbewegte Hippies mit Stirnband das Theater in der Briennerstraße (heute Volkstheater). Das Musical handelt von Rassismus, Armut, Vietnamkrieg und Gewalt und traf damit Themen der Zeit. Die freizügigen Szenen eines glücklichen und friedvollen Lebens riefen unverzüglich die bayerischen Moralapostel auf den Plan: „Nackerte auf der Bühne – des geht gaoned…“ Selbst Donna Summer, Sängerin des Songs „Aquarius“, konnte da nichts ausrichten. Die Nackerten durften sich nur unter einer Decke mit der Aufschrift „Zensiert“ wälzen.

Im Juli 2023 greift das Deutsche Theater in München „Hair“ im Rahmen eines Gastspiels und als Teil des „Flower-Power Festivals“ und der Ausstellung „Flowers Forever“ in der Kunsthalle noch einmal auf, auch dieses Mal gänzlich ohne Nackerte.

Wichtiges Thema der Ausstellung ist das Frisörhandwerk. Roger Diederen meinte auf Nachfrage während der Pressekonferenz, er wünsche sich, dass sich alle Coiffeure diese Ausstellung ansehen.

HAAR - MACHT - LUST August Sander Friseur
August Sander: Friseur, 1930/1982, Silbergelatineabzug auf Agfa-Papier, Galerie Julian Sander, Köln, © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn, 2026

Eine von ca. 600 Fotografien verschiedener Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen August Sanders zeigt einen Frisör, der sich im Jahr 1930 stolz und tadellos mit Krawatte und in weißem Kittel gekleidet vor einem zerfallenen Hauseingang präsentiert.

HAAR - MACHT - LUST Frisörsalon Ausstellungsansicht Kunsthalle München
Frisörsalon, Ausstellungsansicht in der Kunsthalle München © Kunsthalle München 2026, Foto: Robert Haa

In einem begehbaren „Frisörsalon“ werden keine Haare geschnitten, hier kann jeder Besucher und jede Besucherin – mitten in der Ausstellung – virtuell neue Frisuren ausprobieren. Ein spannender Abschluss dieser absolut sehenswerten Ausstellung, die mit ihrem abwechslungsreichen Begleitprogramm für jede interessierte Besucherin und jeden interessierten Besucher ein Schmankerl bereithält.

HAAR – MACHT – LUST
HAIR-STORIES OF POWER AND PASSION
Ausstellung bis zum 4. Oktober 2026
Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Theatinerstraße 8
80333 München
Öffnungszeiten tägl. 10 – 20 Uhr

Das Wichtigste in Kürze:

  • 3000 Jahre Haarikonen von Assyrern bis Popkultur
  • Meisterwerke aus Prado, Louvre, Rijksmuseum und München
  • Virtueller Frisörsalon und vielfältiges Begleitprogramm

INFOS
Vorträge und Lesungen: https://kunsthalle-muc.ticketfritz.de/Event/Kachel/vortraege/44279?wert=Promotion
Führungen: https://www.kunsthalle-muc.de/fuehrungen/
Afterwork: https://www.kunsthalle-muc.de/afterwork/

Das Kino Theatiner Filmkunst zeigt im Rahmen der Ausstellung am 26.07.2026 um 18:00 Uhr das Musical Golden Eighties https://theatiner-film.de/movie/golden-eighties-haar-macht-lust

HAAR – MACHT – LUST. Of satyrs, wigs and protest

Roger Diederen, director of the Kunsthalle Munich, aims to make outstanding art accessible to a broad audience. The exhibition “Haar Macht Lust” follows this principle and traces some 3000 years of the cultural history of hair. Loans from major museums such as the Prado, the Louvre and the Rijksmuseum, as well as from Munich collections, present hair as a sign of power, status and desire.

Assyrian beards, courtly wigs, the wigs of Commonwealth judges and the lascivious ivory satyr mark key stages of this visual language. In the nineteenth century, the manes of thinkers and composers – from Nietzsche to Beethoven – become icons of genius. Photographs address hypertrichosis, body hair and contemporary body practices, as well as the staging of non-binary identity.Hair also appears as a political statement: hippies, punks and the musical “Hair” stand for resistance, utopia and moral panic. A dedicated focus is placed on the craft of hairdressing, from August Sander’s proud portrait of a barber to a walk-in “salon” where visitors can virtually try out new hairstyles. In this way, the show combines art-historical depth with a playful, experiential dimension.

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