Die Händel-Oase Karlsruhe beamt uns in vergessene Welten: Das „Händel-Wunderland“ der Fantasie feiert sich und den Londoner Barockgiganten gleichermaßen. Ein Streifzug durch die Internationalen Händel-Festspiele Karlsruhe von Barbara Röder.
Gleich drei musikdramaturgisch unterschiedlichste ästhetische Produktionen standen bei diesem begehrten, 48. Händel-Opernfestival mit internationalen Stars auf dem Programm: „Tamerlano“ wurde als Festivalauftakt-Premiere in der Regie von Kobie van Rensburg, welcher sich in Blue Screen und allerhand Technikzauberwerk versuchte, gefeiert. Verantwortlich war der Macher van Rensburg ebenso für die Bühne, die Kostüme und die Videos.
Kühle Bilderwelten
René Jacobs, angesehener Barockspezialist, bestach mit seiner klaren, nie auf Spektakel setzenden musikalischen Umsetzung des Kampfes zweier Herrscher aus dem Osmanischen Reich: Tamerlan und Bajazet. Jacobs’ Freiburger Barockorchester spielte diszipliniert, dem Geschehen dienend, warm kalkulierende barocke Tonmalerei. Dauerhaft wirkte die zwischen Aufnahmestudio im unteren Bereich der Bühne und fernöstlichem, osmanischen Palastbauten-Ambiente spielende Handlung für das Auge anstrengend. Die komplette Handlung um die Gefangenschaft Bajazets, die Liebesgeschichte von seiner sich ihm verpflichtenden Tochter Asteria mit Andronico und den herrschsüchtigen Tatarenfürsten Tamerlan ist im Stummfilmschwarz gehalten. Charme und Wärme, Exotik und wahres Drama, wie es Händel in die Musik gezaubert hat, blieben dieser Inszenierung verwehrt.
Der eigentliche Höhepunkt des Opera-seria-Politkrimis ist der Freitod des Bajazets. Erstmals sang bei der Uraufführung 1724 in London ein Tenor die Leidens- und Rachepartie. Niemals zuvor gab es einen Selbstmord auf offener Bühne. Ein eigentliches No-Go. In Karlsruhe blieb trotz herausragender Sänger barocke, dramatische Spannung und aufwühlende Aufgeregtheit ein wenig außen vor. Zu kühl und kopflastig. Zu viel Regietheater mit KI- und Bluescreen-Faible. Ein Experiment, dem wahres Theaterblut und Leidenschaft fehlten. Die ausnahmslos herausragenden Sänger müssen vor blauem Hintergrund handeln. Ihre Story und Welt setzen sich dann in projizierten Bildern zusammen. Kameras zoomen auf die Gesichter und singenden Münder. Weinfässer, Kerker, Schlafstätten, Tiger und Elefanten und sogar ein fliegender Teppich, der die liebestolle Irene durch die Lüfte schweben lässt.
Virtuos, doch distanziert
Gesungen wird prächtig. Der eroberungssüchtige, brutale Tatarenfürst Tamerlan und sein nicht minder rachsüchtiger, gefangener Rivale Bajazet weisen erhebliches Konfliktpotenzial auf. Der Counter Christophe Dumaux gibt einen schneidig üblen Tamerlano mit gefährlich höhensicheren Koloraturen. Der andere, schön artikulierende Counter in der Rolle des Andronico ist Alexander Chance, der den verliebt schmachtenden, weicheren Part innehat. Tenoral, wenig kantig, singt Thomas Walker seinen Bajazet. Dessen verratene Gefühle, dessen Suizid sind in Großaufnahme des Gesichtes minutiös nachzuverfolgen. Seine Tochter Asteria, als Diva-Prinzessin inszeniert, gestaltet Mari Eriksmoen mit glühendem Eifer und sopraner, feuriger Leidenschaft. Sehr spröde und zu altbacken wirkt stimmlich die von Tamerlano verachtete Verlobte Irene von Kristina Hammarström. Dass sie ihren Diener Leone mit einem Teppichklopfer erotisch aufreizt, wirkt recht unbeholfen und regietechnisch altbacken und plump. Gute Miene zum unvermeidlichen Spiel macht der fein, mit dunklem Schmelz intonierende Bassbariton Matthias Winckhler (Leone). Das Freiburger Barockorchester unter René Jacobs musiziert stilsicher, weichgespült, akkurat, zuweilen aber zu verhalten.
Zauberwelt mit Antihelden: „Rinaldo“
Als gelungene Wiederaufnahme kehrte Händels bezaubernde Illusionsoper „Rinaldo“ in der Inszenierung, Bühne und Kostümen von Hinrich Horstkotte zu den Karlsruher Händel-Festspielen zurück. Am Pult stand der barockerfahrene, musikalisch einfühlsam und klug die Partitur ausleuchtende Dirigent Rinaldo Alessandrini. Die fein aufspielenden Deutschen Händel-Solisten erweisen sich als kongenialer Partner für das exquisite Sänger-Darstellerensemble. Allem voran der ungekrönte, liebestrunkene Rinaldo.
Lawrence Zazzo gibt den einfühlsamen, blind verliebten Antihelden Rinaldo; aus frischem, übervollem Herzen gesungen, verzaubert der Counter Zazzo mit seinen makellosen, verspielt entzückten Koloratur-Bravourarien sein Publikum. Er ist ein begnadeter, meisterlicher Sängerdarsteller. Eine Ausnahmeerscheinung als Künstler. Von herrlichem, sopranem Liebreiz versprüht Suzanne Jerosme als Almirena Eleganz. Honigsüß intonierend im Duett mit ihrem anfangs heldenhaften, dann gemiedenen Kriegsheimkehrer Rinaldo ist sie die perfekte Braut, die nur aufs Äußere schaut. Die Zauberin Armida agiert herrlich unbeherrscht und singt feurig ausladend. Valeria Girardello ist eine zutiefst verletzte, auf Rache sinnende Verführerin mit mächtigem Stimmpotenzial. Das übrige Ensemble mit Francesca Ascioti (Argante), Jorge Navarro Colorado (Goffredo) und Lisandro Abadie (Mago/Araldo) singt bravourös und belebt spielfreudig die herrliche Szenerie.
Die Deutschen Händel-Solisten bieten in diesem barocken Spektakel musikalische Wonnestunden voller Illusion und schönster Liebestrunkenheit. Musikalisch ist diese Oper „Rinaldo“ ein Fest. Optisch feinstes Traumtheater.
Arkadien-Turbulenzen: „Atalanta“
Auf Liebende und Verliebte treffen wir in Händels Dramma per musica „Atalanta“. Sie ist eine liebreizende, 1736 in London uraufgeführte Pastoraloper. Sie entstand zu der Zeit, als sich Händel langsam, nach dem Niedergang der italienischen Oper, dem englischen Oratorium zuwandte. Bemerkenswert ist, dass „Atalanta“ seit Beginn der Festspiele in Karlsruhe noch nie auf dem Spielplan stand. In der stimmungsvollen Christuskirche musizierten die Deutschen Händel-Solisten. Am Pult: Lars-Ulrik Mortensen. In dieser melancholisch-arkadischen, nachttrunkenen, idyllischen Oper treffen wir auf zwei Liebespaare. Verwechslungen und Eifersüchteleien sind natürlich Programm, bevor sich alles zum glückseligen Guten wendet. Zum einen lieben sich König Meleagro und Prinzessin Atalanta, die beide als Hirte Tirsi und Jägerin Amarilli unerkannt fern der Heimat in Verkleidungen getarnt sind. Ferner umgarnen sich der Hirte Aminta und die Schäferin Irene mit allerhand Verwirrungen. Am Schluss finden nach einigen Prüfungen des Herzens die wahren Liebenden zueinander. Jubel und Trompetenfeuerwerk beschließen das arkadische Fest.
Die in zwischenmenschliche Konflikte verwobenen Atalanta-Wesen boten höchst erfreuliches Stimmpotenzial, sodass die Geschichte freudig bukolische Gestalt annahm. Als eifersüchtige Schäferin glänzte der barocke Mezzo von Irene Noa Beinart. Leichtfüßig leidend, mit hellem, geschmackvoll subtilem Tenor, gestaltete Moritz Kallenberg den verliebten Hirten Aminta. Als jugendlich frischer Sopran-Counter verzückte Dennis Orellana (Meleagro). Im innigen Duett mit seiner Angebeteten Atalanta gelang Caterina Sala als Atalanta ein von Freude frohes Rollenporträt. Sala ist eher dem italienischen Fach zugeneigt als dem Barockgesang. Das letzte Wort hat der vom Himmel herabschreitende Mercurio, welcher profund glaubwürdig von Oğulcan Yılmaz gesungen wurde. Er verkörperte auch Nicandro, Irenes Vater, mit seinem mächtig schönen, geschmeidig sämigen Bass.
Die vorzüglich feinsinnig aufspielenden Deutschen Händel-Solisten, eine zupackend farbige Continuo-Gruppe inklusive, entführten musikalisch in vollkommenes Arkadien-Glück. Der satte, festliche Freudengesang des Kammerchors der Christuskirche, mit zwei Hörnern verstärkt, klang besonders apart und ergänzte die herrliche Geschichte der erzählend singenden Solisten. Die mythologisch-musikdramatische konzertante Fassung oblag dem klugen und aufmerksamen, achtsamen Dirigenten Lars-Ulrik Mortensen. Wenn die herrlichen Pauken und Trompeten das „Lang lebe die Flamme, lang lebe die Liebe“ des Chores preisen, sind wir an die Klänge des „Messiah“ des eingebürgerten Londoner Händel erinnert. „Atalanta“ ist ein Vorbote für Händels nächste kreative, glückliche Zeit ab 1736, in der er die englische Sprache in Gesang verwandelt. Ein großartiger, musikalisch aufregender Nachmittag, der mit berauschend viel Applaus bedacht wurde.
Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.
Das Wichtigste in Kürze
- Virtuose Sängerbesetzungen auf höchstem Niveau
- Kontrastreiche Regie zwischen Technik und Poesie
- Barocke Klangkultur mit stilprägenden Orchestern
Händel-Festspiele Karlsruhe: between magic and cold
The 48th Handel Opera Festival in Karlsruhe presented three contrasting productions. “Tamerlano,” staged by Kobie van Rensburg, relied heavily on blue-screen technology. Despite strong musical direction by René Jacobs and an excellent Freiburg Baroque Orchestra, the production felt emotionally distant. Outstanding singers such as Christophe Dumaux and Mari Eriksmoen could not fully compensate for the lack of dramatic intensity.
In contrast, “Rinaldo” offered a compelling revival. Under Rinaldo Alessandrini, the performance unfolded as a vivid and enchanting musical experience. Lawrence Zazzo excelled in the title role with expressive depth and technical brilliance, supported by a superb ensemble and the Deutsche Händel-Solisten.
“Atalanta,” performed in concert form, transported the audience into an Arcadian soundscape. Conducted by Lars-Ulrik Mortensen, the performance impressed with stylistic cohesion and warmth. The ensemble, along with richly colored continuo and refined choral passages, created a festive atmosphere. Altogether, the festival highlighted the wide artistic range of Handel’s operatic work, from experimental staging to poetic beauty and pastoral charm.


