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İlyun Bürkev im Porträt: Ozean der Emotionen

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Interview

Mit erst 16 Jahren hat sich die Pianistin İlyun Bürkev bereits auf internationalen Konzertpodien etabliert und mit renommierten Orchestern von der Elbphilharmonie bis zum Mariinsky-Theater musiziert. Ihre Ausbildung begann im Alter von vier Jahren und führte sie vom Staatskonservatorium in Istanbul über Meisterkurse bei Alfred Brendel und anderen Größen bis ins Pre-College von Pavel Gililov am Mozarteum Salzburg, wo sie als erste Schülerin seines Pre-College-Programms aufgenommen wurde. İlyun Bürkev lebt vielen jungen Menschen vor allem eines vor: Klassik muss nicht gerettet werden. Sie darf gelebt werden. In einem Instagram-Projekt will sie für die therapeutische Wirkung klassischer Musik werben getreu ihrem Credo: „Klassische Musik hat diese unglaubliche Kraft, Emotionen zu sortieren und innere Ruhe zu schaffen“. Souverän beherrscht sie die Klaviatur der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie. Sie kuratiert Spotify-Playlists, entwickelt TikTok-Formate, lädt auf Social Media ihre Altersgenossen ein, ihr auf die Reise in die Welt von Bachund Beethoven zu folgen. Im Gespräch mit Guido Krawinkel erzählt Bürkev, wie Disziplin, romantisches Repertoire und der Wunsch nach authentischem Ausdruck ihren „Ozean voller Emotionen“ formen.

Feuilletonscout: 2023 haben sie mit dem Orchester der Klassischen Philharmonie in Bonn gespielt. „Pianistin mit Potenzial“ schrieb die Presse damals. Wo stehen Sie heute im Vergleich zu 2023?
İlyun Bürkev: Das Jahr 2023 war tatsächlich ein Wendepunkt für mich. In diesem Jahr bin ich nach Salzburg gezogen, um am Mozarteum zu studieren. Ich bin seit vier Jahren Pre-College-Studentin bei Professor Paveł Gililov. Er hat ja auch in Bonn die Telekom-Competition gegründet. Unser gemeinsamer Weg begann eigentlich schon 2023, als ich an einer großen Tournee teilnehmen durfte – damals war ich 14. Wir starteten die Konzerte im Berliner Konzerthaus und spielten in elf Städten. Diese Zeit hat mich musikalisch, technisch und persönlich sehr schnell reifen lassen. Dafür bin ich sehr dankbar – meinem Professor, meinen Eltern und natürlich auch der Musik selbst.

Karrierestart im Saal der Träume

Feuilletonscout: War die Tournee mit der Klassischen Philharmonie damals eine Art Karrierestart?
İlyun Bürkev: Ja, absolut. Es war meine erste große internationale Erfahrung. Es lief sehr gut. Danach ergaben sich viele neue Möglichkeiten, etwa mit dem türkischen Jugendorchester in der Elbphilharmonie in Hamburg zu spielen. Das war ein Traum! Dieser Saal ist architektonisch und akustisch einmalig. Ich war so berührt, dass ich beim Spielen fast geweint habe.

Ilyan Bürkev_c_Handan Usta Erbulam
(c) Usta Erbulam

Disziplin als tägliche Komplizin

Feuilletonscout: Wie lange üben Sie jeden Tag?
İlyun Bürkev: Das ist unterschiedlich. Ich mache dieses Jahr Matura und gehe auf ein Musikgymnasium in Österreich – alle Fächer sind auf Deutsch, also nicht in meiner Muttersprache. An Schultagen übe ich vier bis fünf Stunden. Vor wichtigen Konzerten oder Wettbewerben sind es sieben bis neun Stunden. Je intensiver man in diesem Prozess ist, desto mehr entdeckt man – neue Welten, neue Eigenschaften jedes Komponisten. Das ist wie eine wunderbare Reise.

Feuilletonscout: Wenn man so viel übt, fühlt es sich irgendwann eher nach Entdecken als nach Arbeit an?
İlyun Bürkev: Ja, genau. Ab einem gewissen Punkt ist es nicht mehr „Üben“, sondern ein Entdecken. Ich erlebe Musik dann ganz neu – und das ist etwas sehr Besonderes.

Unterschätzte Klangwelten

Feuilletonscout: Welche Komponisten würden Sie denn gerne noch entdecken? Haben Sie Geheimtipps?
İlyun Bürkev: Ich liebe die romantische Epoche – besonders Chopin und Rachmaninoff. Diese Musik ist für mich die Hochblüte des Ausdrucks. Aber man kann von jedem Komponisten unglaublich viel lernen. Jeder hat seine eigene Welt.

Feuilletonscout: Gibt es Komponisten, die Sie für unterschätzt halten?
İlyun Bürkev: Ja, viele! Neben den türkischen Komponisten etwa auch Alberto Ginastera aus Argentinien. Seine Stücke sind besonders und werden viel zu selten gespielt. Jede Kultur bringt eben ihre eigene Magie mit.

Ein Weg aus eigenem Antrieb

Feuilletonscout: Wie kamen Sie überhaupt zum Klavier?
İlyun Bürkev: Interessanterweise sind meine Eltern keine Musiker. Aber meine Mutter liebt klassische Musik – sie wollte als Hobby Unterricht nehmen, hörte aber auf, als ich geboren wurde. Das Klavier blieb im Haus, und mit drei Jahren saß ich schon stundenlang davor. Meine Eltern fanden das ungewöhnlich. Mit sieben machte ich dann die Aufnahmeprüfung am Istanbuler Staatskonservatorium – und wurde aufgenommen. Ab da war klar: Das wird mein Weg.

Feuilletonscout: Gab es Menschen, die Sie besonders geprägt haben?
İlyun Bürkev: Ja, mein erster Lehrer am Istanbul Mimar Sinan Staatskonservatorium, Prof. Burcu Aktaş, war eine große Inspiration. Dann die Pianistin Gülsin Onay, die mir zeigte, wie man als Künstlerin Musik mit dem Publikum teilt. Und natürlich mein jetziger Professor am Mozarteum. Er ist für mich Lehrer, Mentor und Lebenscoach zugleich. Ohne meine Eltern, die mich in allem unterstützen, wäre das alles auch nicht möglich gewesen.

İlyun Bürkev

Wettbewerbe als Bühne der Chancen

Feuilletonscout: Dauerthema Wettbewerbe – wie wichtig sind die für Sie?
İlyun Bürkev: Sehr wichtig, wenn man sich gut vorbereitet. Aber zu viele Wettbewerbe können auch zu stressig sein. Ich habe zum Beispiel den ersten Preis bei der Philadelphia International Piano Competition gewonnen und 2023 beim Jean-Chopin-Wettbewerb teilgenommen – dort war übrigens auch Martha Argerich. Solche Erfahrungen sind unbezahlbar.

Feuilletonscout: Wie fühlt es sich an, in so jungen Jahren schon so viel erreicht zu haben?
İlyun Bürkev: Ich bin dankbar. Jeder Auftritt ist anders, jeder Ort, jedes Publikum. Langweilig wird es nie – im Gegenteil, es bleibt immer spannend.

Feuilletonscout: Wie viele Konzerte spielen Sie im Jahr?
İlyun Bürkev: Das ist immer unterschiedlich, ich denke es sind 25 bis 30. Ich versuche, Schule und Konzertleben im Gleichgewicht zu halten.

Präsenz statt Perfektionismus

Feuilletonscout: Woran denken Sie beim Spielen?
İlyun Bürkev: Wenn ich gut vorbereitet bin, fühle ich mich einfach wie im Flow. Dann denke ich nicht mehr an Schwierigkeiten. Alles passiert ganz natürlich. Vor einem Konzert bin ich konzentriert, aber auf der Bühne ist es, als würde die Zeit stillstehen.

Feuilletonscout: Der Klassikmarkt ist hart umkämpft. Wie behauptet man sich da als junge Pianistin?
İlyun Bürkev: Indem man authentisch bleibt. Natürlich ist Technik wichtig, aber entscheidend ist die eigene Persönlichkeit. Ich möchte auf der Bühne immer etwas von mir selbst teilen – ehrlich, respektvoll, individuell.

Feuilletonscout: Sie komponieren auch?
İlyun Bürkev: Ja, ich habe mit zehn oder zwölf angefangen – während der Pandemie, zum Thema Umweltschutz. Im Moment pausiere ich wegen Schule und Konzerten, aber ich möchte bald wieder komponieren. Ich habe schon Ideen.

Türkische Töne im europäischen Konzert

Feuilletonscout: Sie spielen auch türkische Komponisten. Das ist hierzulande ja selten.
lyun Bürkev: Ja, das ist mir ein Anliegen. Ich spiele Repertoire von Barock bis Moderne, aber türkische Komponisten wie Ahmet Adnan Saygun liegen mir besonders am Herzen. Er war der Lehrer meiner Lehrerin, und ich spiele heute Abend eine Sonatine von ihm. Er arbeitete übrigens auch mit Béla Bartók zusammen – sie sammelten Volkslieder in Dörfern. Diese Musik ist rhythmisch, farbenreich und lebendig. Ich möchte sie einem größeren Publikum vorstellen.

Klassik im Zeitalter der Clips

Feuilletonscout: Gehen Sie jeden Tag mit dem gleichen Elan ans Klavier?
İlyun Bürkev: Ich denke, es ist wie im Sport. Man braucht Disziplin. Natürlich gibt es Tage, an denen die Motivation fehlt – das ist ganz normal. Dann erinnere ich mich daran, wie groß und zeitlos Musik ist. Sie ist wie ein Ozean voller Emotionen. Ich bin dankbar, ein kleiner Teil davon zu sein. Mein Professor unterstützt mich sehr, auch pädagogisch: wie man die Welt sieht, wie man Musik versteht. Das inspiriert mich täglich.

Feuilletonscout: Wie kann man Ihre Generation für Klassik begeistern?
İlyun Bürkev: Klassik hat kein Alter, sie berührt jeden. Ich nutze soziale Medien, um junge Menschen zu erreichen. Kurze Clips auf Instagram etwa, in denen ich spiele und erkläre, was mich bewegt. Ich glaube, man kann Klassik mit modernen Mitteln verbinden.

Feuilletonscout: Aber die Aufmerksamkeitsspanne der Generation Z ist viel kürzer, oder?
İlyun Bürkev: Leider ja. Die vielen kurzen Videos machen ungeduldig. Aber klassische Konzerte bieten das Gegenteil: Zeitlosigkeit. Dort existiert nur Musik, Publikum und Künstler. Wer das einmal erlebt, will es wieder.

Feuilletonscout: Glauben Sie, dass die klassische Musik bleibt?
İlyun Bürkev: Ja, ich bin optimistisch. Sie ist zu besonders, um zu verschwinden. Wir brauchen nur mehr junge Menschen, die sie leben und weitertragen.

Feuilletonscout: Und KI – ist das für Sie ein Thema?
İlyun Bürkev: Ich finde, KI kann Kunst nie ersetzen. Was ein Mensch aus dem Herzen erschafft, ist einzigartig. Ich habe gelesen, dass es jetzt künstliche Sängerinnen oder Schauspieler gibt – aber ich glaube, echte Emotionen entstehen nur durch Menschen.

Vielen Dank für das Gespräch, İlyun Bürkev!

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İlyun Bürkev: Ozean der Emotionen

Young pianist İlyun Bürkev calls 2023 a turning point in her career. That year she moved to Salzburg to study at the Mozarteum with Pavel Gililov and joined a major tour through eleven cities, which accelerated her musical and personal growth. She describes Hamburg’s Elbphilharmonie as a dream hall whose architecture and acoustics moved her deeply.

On school days in Austria she practises four to five hours, increasing to up to nine before competitions. For Bürkev, practising turns into discovery and music becomes a journey. She loves the Romantic era, especially Chopin and Rachmaninoff, but also highlights underrated voices such as Alberto Ginastera and Turkish composers like Ahmet Adnan Saygun, whose rhythmically vivid and colourful works she wants to introduce to wider audiences.

Competitions are important to her when preparation is solid; among others, she has won first prize at an international piano competition in Philadelphia. Authenticity remains central: technique is the foundation, yet personality shapes the sound. She sees classical concerts as an antidote to the shortened attention span of her generation, offering a space of timeless focus. Artificial intelligence, in her view, can never replace artistic creation, because genuine emotion can only come from human beings.

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