Von Irma Hoffmann.
Uraufgeführt 1911 im Berliner Circus Schumann kam der Jedermann 1920 eigentlich als Notlösung, als Provisorium nach Salzburg, weil Hugo von Hofmannsthal das für die Eröffnung der Salzburger Festspiele geplante Schauspiel Das Salzburger große Welttheater noch nicht vollendet hatte und erst 1922 – nur auf Drängen des Regisseurs Max Reinhardt – in der Kollegienkirche in Salzburg uraufgeführt wurde.
Das ursprünglich geplante große Welttheater verschwand, geblieben ist die Notlösung: 2020, 100 Jahre nach der Premiere war das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, wie das mythisch aufgeladene Mysterienspiel im Untertitel heißt, bereits 715 Mal aufgeführt worden war – untrennbar mit dem Aufführungsort, dem Salzburger Domplatz verbunden. 16 Vorstellungen sind allein für die Festspielzeit 2026 angesetzt.
Der Domplatz als Schicksalsraum
Womit lässt sich dieser anhaltende Erfolg erklären? Trotz altertümlicher Sprache in Reimen mit pädagogischer Zielsetzung, wie sie bereits zu Beginn des Stücks mit der Aufforderung des Spielansagers an das Publikum erkennbar wird: „Jetzt habet allsamt Achtung, Leut! Und hört was wir vorstellen heut! […] aus dem Inhalt die Lehr auszuspüren“; trotz moralischer Lehren in volkstümlichen Redensarten, wie „Der sein Herz hat auf irdisch Gut geworfen … Und er nit findet die Himmelspforten …“ Der Erfolg des Jedermann ist nicht nur mit der effektvoll ausgeleuchteten monumentalen Architektur des Salzburger Doms zu erklären, er steht und fällt mit der Regie und den Darstellern.
Carsens Blick auf die Vergänglichkeit
Radikal modernisiert wurde die Inszenierung durch den mehrfach prämierten Regisseur Robert Carsen, der bereits 2004 sein Debüt bei den Salzburger Festspielen gab und in Personalunion als Regisseur, Bühnenbildner und Lichtdesigner in Zusammenarbeit mit dem Bühnen- und Kostümbildner Luis F. Carvalho und dem Lichtdesigner Giuseppe Di Iorio mit seinen opulenten Details für überraschende Effekte sorgt.
Jedermann, dargestellt von Philipp Hochmair soll mitten aus dem Leben gerissen werden und in seiner Angst vor dem Tod muss er sich mit der eigenen Vergänglichkeit beschäftigen, dem Abschied von irdischen Gütern, von Reichtum und Macht. Die Figur Jedermann steht symbolisch für uns alle, wenn wir uns irgendwann fragen werden: Was bleibt am Ende, was bleibt, wenn wir sterben?

© SF/ Monika Rittershaus
Ein Körper im Widerstand
2024 erhielt Philipp Hochmair zum ersten Mal den Zuschlag für die Titelfigur. Seitdem verkörpert er die anspruchsvolle Hauptrolle bereits zum dritten Mal. Furios und von unglaublicher Präsenz ist sein Spiel, ein Marathon schauspielerischen Durchhaltevermögens; er durchläuft spielerisch die Läuterung vom blasierten blasphemischen Neureichen, der von seinem Freund (Guter Gesell, dargestellt von Christoph Luser) im goldfarbenen Luxuscabriolet vor den Dom chauffiert wird, wo es sogleich zu einer unschönen Auseinandersetzung mit einem seiner Schuldknechte (Arthur Klemt) und dessen Frau (Nicole Beutler) kommt, zum verarmten demütig gottesfürchtigen Mann in seiner Nacktheit – bar jeglichen Besitzes. Und er erscheint tatsächlich in einer der letzten Szenen nackt auf dem Domplatz – und sorgt damit für allgemeine Aufregung. Gelassen kommentiert er dies in einem Interview mit der Bemerkung: „Im ersten Jahr hatten wir eine schwarze Unterhose, im zweiten eine weiße und dieses Mal haben wir keine Unterhose…“
Fest und Abgrund
Die Aufführung bedient alle den Theaterbesucher faszinierenden Register, besonders in einer der zentralen Szenen, in der Jedermann ein ausgelassenes Fest mit Freunden und seiner Buhlschaft feiert: zu sehen sind Akrobaten, die ihre halsbrecherischen Kunststücke vorführen, zu hören ist laute und im Genre ständig wechselnde Musik, von sakraler Orgelmusik über Jazz bis zu zeitgenössischen und atmosphärischen Klängen; Paare, die sich dazu bewegen und im Zentrum des Geschehens: der auf dem Tisch tanzende Jedermann mit seiner Buhlschaft (Roxane Duran).

Roxane Duran (Buhlschaft), Philipp Hochmair (Jedermann), Ensemble
© SF/ Monika Rittershaus
Die Choreografin Rebecca Howell hat es mit Bravour geschafft, dem Tod eine Feier des Lebens und der Freude entgegenzusetzen.Selbst der Zuschauer vor mir, dessen Kopf anfangs ständig unkontrolliert nach vorne fiel, wird bei dieser Szene nachhaltig aus seinem Dämmerschlaf gerissen.
Den Tod verkörpert seit 2024 Dominik Dos-Reis, der als junger, heller „Todesengel“ erscheint – ein gelungener Bruch mit alten Traditionen, mit der Darstellung als dunkle Gestalt mit Totenschädel und Sense.

Dominik Dos-Reis (Tod), Philipp Hochmair (Jedermann)
© SF/ Monika Rittershaus
Ein Kanon großer Namen
Wie ein Who is Who liest sich die Liste der Darsteller des Jedermann seit 1920, dessen Titelfigur als größte Auszeichnung in einer Schauspielerkarriere im deutschsprachigen Raum gilt: 1999-2001 war es Ulrich Tukur und 2002-2009 Peter Simonischek. Ähnlich begehrt und jeweils prominent besetzt ist die Rolle der Buhlschaft, ein alter Begriff für Geliebte. Die erste Buhlschaft, damals unter der Regie von Max Reinhardt spielte die deutsche Schauspielerin Johanna Terwin, danach folgten Nadja Tiller, Christiane Hörbiger, Senta Berger, Sunnyi Melles, Veronica Ferres, Nina Hoss, Sophie von Kessel, Brigitte Hobmeier, um nur einige zu nennen.
In dieser Saison ist es nach Daleila Piasko in den Jahren 2024 und 2025, die in Paris geborene und von Michael Haneke entdeckte österreichisch-französische Roxane Duran. In ihrer Rolle lebt sie überzeugend puren Hedonismus, sinnliches Vergnügen und Freude am Leben. Schmerz und Leid werden eliminiert, persönliches Glück maximiert.

Christoph Luser (Jedermanns guter Gesell / Teufel)
© SF/ Monika Rittershaus
Christoph Luser wurde bereits 2024 für seine Interpretation des Guten Gesell im aktuellen Jedermann mit dem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnet. Faszinierend seine Wandlung vom Guten Gesell, der Jedermann in all seinem rücksichtslos-prasserischen Tun bestätigt, zum Teufel mit stechend blickenden Augen mit roten Pupillen, wie er in rauschhaftem Rasen Jedermann in seiner verzweifelten Not im Stich lässt, ihn nicht auf seinem letzten Weg begleitet.
Der Erfolg des „Jedermann“ in diesem dritten Jahr mit der meisterhaften Inszenierung von Robert Carsen, liegt eindeutig an den herausragenden schauspielerischen Leistungen, besonders von Philipp Hochmair, Christoph Luser, Dominik Dos-Reis und nicht zuletzt von Roxane Duran, die vom Publikum mit stürmischem Applaus goutiert wurden.
Ein insgesamt vortrefflicher Abend in stimmungsvoller Atmosphäre vor einmaliger Kulisse und gutem Wetter (der Regen setzte erst nach der Vorstellung ein).
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| Hugo von Hofmannsthal Jedermann Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes | Regie / Bühne / Licht: Robert Carsen |
| 17. Juli bis 25. August 2026 | Termine und Karten |
Das Wichtigste in Kürze
- Hochmair als existenziell fordernder Jedermann
- Carsens visuell dichte, moderne Regie
- Domplatz als wirkungsmächtige Bühne
‘Jedermann’, Salzburg 2026: masterfully directed by Robert Carsen
“Jedermann” has been central to the Salzburg Festival for over a century and remains inseparable from Cathedral Square. Originally conceived as a provisional solution, the play evolved into a defining ritual that continues to captivate audiences in 2026. Its enduring appeal lies less in the traditional text than in each new staging. Robert Carsen revitalizes the work through a visually rich and contemporary interpretation. Serving as director, set, and lighting designer, he creates striking and often opulent imagery with strong theatrical impact.
At the center is Philipp Hochmair, whose performance is marked by exceptional physical and emotional intensity. He charts Jedermann’s transformation from a self-indulgent bon vivant to a man confronted with mortality. Particularly compelling are the large ensemble scenes, including the lavish feast that combines music, choreography, and spectacle. Dominik Dos-Reis introduces a fresh perspective as a luminous, almost ethereal Death. Roxane Duran brings sensual vitality to the role of the Paramour. Ultimately, the production thrives on powerful performances and the unique atmosphere of Cathedral Square, resulting in a compelling theatrical experience poised between vitality and the inevitability of death.




Welch furioser Kommentar von Irma Hoffmann. Danke dafür! Ich kann die geschilderten Eindrücke von vor Ort nur bestätigen. Mich hat das Mercedes Cabriolet sehr beeindruckt. Es hinterließ den Eindruck eines Goldbarrens weniger eines Tresors, wie in früheren Aufführungen. Dass Frau Hoffmann auch die Bühnenbildner und das Design hervorhebt, gefällt mir besonders gut. Sie stehen sonst meist hintenan. Zum Schluss des Stücks hätte ich eine Badehose witziger gefunden. Denn im Himmelreich sollen die Engel angeblich auch irgendetwas tragen. Man weiß nur nicht, was. Weshalb also keine Badehose?