Die Pianistin Heghine Rapyan stammt aus Armenien und lehrt in Salzburg. Sie fühlt sich der Musik ihres Heimatlandes, insbesondere der von Stéphan Elmas verbunden, von der sie geradezu schwärmt. Was es damit auf sich hat, hat sie in einem mit Guido Krawinkel geführten Gespräch verraten.
Feuilletonscout: Armenische Musik ist hierzulande kaum bekannt. Was sollte man wissen?
Heghine Rapyan: Armenien hat eine sehr reiche und alte Kultur. Das kommt noch aus sehr früher Zeit. Wir waren das erste Land, das das Christentum als Glauben akzeptiert hat – das war im Jahr 306. Und schon ab dieser Zeit existierten Musik und auch eine eigene Notation in Armenien. Die Musik hat sich dann im 19. und 20. Jahrhundert sehr entwickelt. Da gab es den Priester Komitas Vardapet, der die armenische klassische Musik begründet hat. Seitdem sind sehr begabte Komponisten nach Europa gegangen, haben dort studiert und dann komponiert. So hat sich die armenische klassische Musik ab dem 19. Jahrhundert etabliert und weiterentwickelt. Wir haben eine sehr reiche Kultur, viele Komponisten in ganz unterschiedlichen Richtungen: romantische Musik, eine sehr reiche Kirchenmusik, dann moderne Musik, auch atonale Tendenzen, traditionelle und notierte Musik. Es gibt sehr viele schöne Opern und Sinfonien.
Romantik im Nachhall
Feuilletonscout: Sie haben durch Ihre Beschäftigung mit der Musik von Stéphan Elmas und dadurch, dass Sie selbst aus dem Land kommen, einen ganz anderen Hintergrund dafür. Sie sind also gewissermaßen prädestiniert für Elmas. Was macht ihn und seine Musik aus?
Heghine Rapyan: Stéphan Elmas ist in Smyrna, dem heutigen Izmir, in einer armenischen Familie geboren worden – am Weihnachtstag. Seine Mutter ist während der Geburt gestorben, und er wurde dann von seiner Großmutter, seinem Vater und seinem Onkel erzogen. Später ist er nach Wien gegangen, um sein musikalisches Studium weiterzuentwickeln. Er ist auch sehr oft nach Weimar gereist und hat für Franz Liszt gespielt. Liszt hat ihm eine großartige musikalische Karriere prophezeit und sein Talent sehr geschätzt. Elmas hat viel in Europa konzertiert und sehr viel komponiert. Schließlich ist er nach Genf übergesiedelt und hat dort bis zum Ende seines Lebens gelebt. Dort befindet sich auch sein Grab.
Durch eine Krankheit ist Stéphan Elmas taub geworden. Er hat sein Gehör völlig verloren – in wirklich sehr jungem Alter. Er konnte also nicht mehr hören und beobachten, wie sich die zeitgenössische Musik entwickelt. Deswegen ist seine Musik in einer romantischen Sphäre geblieben. Was er im Ohr hatte, war die Musik von Schumann, Chopin, Liszt, und in diesem Geist hat er komponiert. Seine Musik klingt sehr romantisch und sehr nah an der großen Epoche der Romantik. Deswegen nennt man ihn auch manchmal den „Chopin von Armenien“.
Ein Ton ins Licht
Feuilletonscout: Diese Musik hat doch irgendetwas Spezielles. Es ist ja keine Kopie, sie hat ihren eigenen Stil. Woran kann man das festmachen?
Heghine Rapyan: Elmas hat einige ganz spezielle Dinge in seiner Musik, und ich glaube, das spiegelt auch seinen Charakter und seinen Typ als Mensch wieder. Erstens: Er ist ein wunderbarer Melodiker, er hat sehr schöne Melodien geschrieben und seine Musik ist sehr positiv, sie geht immer ins Licht. Er glaubt – oder glaubte –, dass alles gut wird. Im Leben war er auch so ein Mensch: Er hat immer positiv gedacht und Probleme einfach mit Liebe gelöst. Das spiegelt sich auch in seiner Musik.
Entdeckung und Verpflichtung
Feuilletonscout: Wie sind Sie denn konkret auf Elmas gekommen? Also: Kannten Sie ihn sowieso, weil Sie aus Armenien kommen, oder haben Sie ihn irgendwann bewusst entdeckt?
Heghine Rapyan: Natürlich habe ich ihn entdeckt. Das war 2002. Ich war damals Studentin am Staatskonservatorium in Jerewan, und mein Lehrer hat mich auf einen Wettbewerb aufmerksam gemacht, bei dem Stücke von Stéphan Elmas gespielt wurden. Der Wettbewerb hieß damals Internationaler Stéphan-Elmas-Wettbewerb und wurde von der Stéphan-Elmas-Foundation in Armenien organisiert. Ich habe mit großer Begeisterung viele Stücke von Elmas gelernt. Es war ein Wettbewerb mit drei Runden, und in jeder Runde musste man seine Werke spielen. Während dieses Wettbewerbs habe ich seine Musik für mich entdeckt – und ich habe den ersten Preis gewonnen. Seitdem habe ich bei meinen Konzerten immer wieder seine Werke ins Programm genommen. Wenn ich die Möglichkeit hatte, habe ich Stücke von Stéphan Elmas gespielt. Und ab 2022 kam dann ein sehr starker Wunsch in mir auf, etwas mehr für ihn zu tun, weil es so viele ungespielte Stücke gibt – und die sind so schön.
Ich dachte: „Ich habe den ersten Preis bekommen, ich muss etwas für ihn machen. Das war nicht umsonst. Was kann ich tun, das bleibt und seinen Namen und seine Musik bekannt macht?“ Ich habe angefangen, ungespielte Stücke aufzunehmen: zunächst sämtliche Klaviersonaten – als Weltpremiere – beim Label Solo Musica in Kooperation mit Naxos in München. Zwei Jahre später habe ich dann auch die kurzen Klaviersolowerke aufgenommen. Beide CDs sind sehr herzlich aufgenommen worden, die Leute mögen diese Musik. Ich bekomme wunderbare Rezensionen, es gibt gute Besprechungen in bedeutenden Musikmagazinen. Und neulich habe ich in Jerewan sein zweites Klavierkonzert mit dem Staatlichen Sinfonieorchester Armeniens unter der Leitung von Fernando Ghaggini aufgeführt – ein wunderschönes Werk, ein Meisterwerk, ein Traum. Ich freue mich sehr, dass Elmas’ Musik klingt. Sie muss klingen. Die Leute sollen diese Musik kennen, weil sie schön ist.
Feuilletonscout: Wenn man nun von der armenischen Musik ausgeht: Gibt es noch andere Komponisten, die es zu entdecken lohnen würde?
Heghine Rapyan: Natürlich. Aram Chatschaturjan etwa oder Arno Babajanjan und Eduard Mirzojan. Man muss aber sagen: Stéphan Elmas hat keine rein folkloristische armenische Musik geschrieben. Seine Musik ist sehr universal und gehört zur romantischen Epoche. Er hat einen sehr einzigartigen Stil. Einen zweiten Komponisten wie Elmas kenne ich in der armenischen Kultur nicht, weil andere Komponisten, wenn sie Musik komponieren, immer folkloristische Traditionen integrieren. Man hört dort immer nationale musikalische Traditionen. Elmas hat das nie gemacht. Deswegen ist er sehr einzigartig, wenn man die armenische Musik insgesamt betrachtet.
Es gibt aber einige phänomenale Komponisten. Zum Beispiel Awet Terterian mit seinen Sinfonien und zwei Opern. Er war ein zeitgenössischer Komponist, ist, glaube ich, 1995 gestorben. Seine Sinfonien wurden sehr viel in der Sowjetunion, aber auch in Deutschland, Europa und in den USA aufgeführt – eine sehr spezielle Musik, in der eine ganz reine Seele der armenischen Kultur und Geschichte liegt. Zum Beispiel seine Dritte Sinfonie würde ich sehr empfehlen zu hören. Da bekommt man im dritten Satz wirklich Gänsehaut.


Weitergabe als Haltung
Feuilletonscout: Sie unterrichten in Salzburg. Wie ist Ihr beruflicher Alltag, wo unterrichten Sie?
Heghine Raypan: Ich habe am Komitas-Staatskonservatorium in Jerewan und an der Universität Mozarteum in Salzburg studiert, und jetzt unterrichte ich am Musikum – genauer gesagt am „Musikum Salzburg“, das ist eine Musikinstitution des Landes Salzburg. Wir haben 15 Sprengel im ganzen Salzburger Land. Es ist keine Hochschule, eher eine Musikschule, eine große Institution. Dort unterrichte ich in zwei Sprengeln und habe Schülerinnen und Schüler von 5 bis 22 Jahren. Ich freue mich wirklich sehr, dass ich junge Menschen in Österreich musikalisch begleiten und erziehen darf. Das ist eine große Verantwortung, und dafür bin ich sehr dankbar.
Feuilletonscout: Spielen Ihre Schülerinnen und Schüler auch schon Werke von Elmas?
Heghine Rapyan: Ja, die älteren, die so 18, 19 Jahre alt sind. Wir versuchen, kleine Mazurken, Walzer von Elmas aufzuführen.
Feuilletonscout: Ich habe gelesen, Sie arbeiten auch mit Improvisation im Unterricht. Das ist für Pianisten ja immer noch etwas … exotisch, würde ich sagen, oder?
Heghine Rapyan: Ja, heutzutage wird über Improvisation weniger gesprochen. Aber ich versuche, mit meinen Schülerinnen und Studenten über Improvisation zu arbeiten, weil das eine Befreiung ist. Wer am Klavier improvisieren kann, denkt freier und hat mehr Freiheit im Gestalten als jemand, der das nicht kann. Deswegen mache ich das ab und zu mit einigen Studenten, bei denen ich spüre, dass sie es können. Es funktioniert natürlich nicht mit jedem.
Feuilletonscout: Was haben Sie denn noch in Bezug auf armenische Musik in der Pipeline? Andere Komponisten, neue Einspielungen – was steht an?
Heghine Rapyan: Gerade habe ich viele Konzerte, auch eine Tour in Deutschland mit Bechstein, bei der ich Klavierwerke von Stéphan Elmas aufführe – in Düsseldorf, Dresden, Berlin und Hamburg. Am 23. April habe ich in Düsseldorf Werke von Elmas gespielt, dazu kommen weitere Rezitale in Dänemark, wieder mit Stücken von ihm und entsprechenden Präsentationen. In Planung ist außerdem die Aufnahme des zweiten Klavierkonzerts von Stéphan Elmas. Das ist ein sehr großes Projekt. Wir haben gerade ein Crowdfunding im Internet gestartet, um finanzielle Unterstützung zu bekommen. Hoffentlich klappt es, so dass wir im Dezember die Aufnahmen realisieren können, damit wir dieses zweite Klavierkonzert und auch ein Klaviertrio von Stéphan Elmas – als Weltpremiere – veröffentlichen können. Das Klavierkonzert existiert bereits auf Tonträger, aber das Trio wäre tatsächlich eine Weltpremiere.
Vielen Dank für das Gespräch, Heghine Rapyan!
Das Wichtigste in Kürze:
- Romantische Klangsprache jenseits folkloristischer Prägung
- Wiederentdeckung eines kaum gespielten Œuvres
- Persönliche Vermittlung zwischen Armenien und Europa
Die nächsten Konzerte:


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Stéphan Elmas, Romanticism and the Armenian heritage
Pianist Heghine Rapyan, originally from Armenia and now based in Salzburg, is deeply committed to the work of Stéphan Elmas. In conversation, she outlines the rich tradition of Armenian music, which dates back to early Christian times and developed significantly in the 19th century through figures such as Komitas Vardapet.
Born in Smyrna and later active in Vienna and Geneva, Elmas remained rooted in the Romantic tradition. Having lost his hearing at a young age, he was cut off from contemporary musical developments. His musical language reflects Schumann, Chopin, and Liszt without merely imitating them. Rapyan emphasizes his gift for melody and describes a music that consistently “moves toward the light.”
Her own encounter with Elmas began in 2002 at a competition in Yerevan, which she won. Since then, she has devoted herself to performing and recording his works, including previously unplayed piano sonatas and solo pieces. She recently performed his Second Piano Concerto in Armenia. Rapyan regards Elmas as a unique figure in Armenian music due to his lack of folkloric influence. Alongside her concert career, she teaches in Salzburg, passing on her artistic perspective to younger musicians.
