Von Barbara Hoppe.
Jüdische Kulturtage Berlin bedeuten immer ein facettenreiches Bühnenprogramm. Genauso vielfältig ist auch das Literaturprogramm des Festivals. Lud in den vergangenen Jahren das Literaturzelt auf dem Bebelplatz zu literarischen Erkundungen ein, so findet in diesem Jahr das Programm in Kooperation mit der Staatsbibliothek zu Berlin im Haus Unter den Linden statt.
Widerstand in Buchform
Den Anfang macht ein Ende: Die Abschlussveranstaltung von „Mir zenen do!“ –„Wir sind hier!“ zeigt noch einmal eine Auswahl der 450 Bücher und Zeitschriften, die jüdische Überlebende in den Lagern der Displaced Persons nach 1945 schufen und somit Zeugnis ablegten für Widerstand, Lebenswillen und Hoffnung. Ein groß angelegtes Restaurierungsprojekt konnte die wichtigen Dokumente für die Zukunft sichern. Im Stabi-Kulturwerk lädt die Schau „Materialisierte Heiligkeit. Jüdische Buchkunst im rituellen Kontext“ ein, ausgewählte hebräische Handschriften aus der bedeutenden Hebraica-Sammlung der Staatsbibliothek in Augenschein zu nehmen, darunter die größte hebräische Bibel des Mittelalters und seltene Gebetsbücher aus der Blütezeit jüdischer Buchkunst.
Stimmen der Erinnerung
Nicht minder abwechslungsreich gestalten sich die Lesungen und Gespräche im Wilhelm-von-Humboldt-Saal der Staatsbibliothek. Den Auftakt macht der Schauspieler Christian Berkel: In „Sputnik“, dem dritten Teil seiner autofiktionalen Romantrilogie, erzählt er, Sohn einer jüdischen Mutter, die den Holocaust überlebt hat, von seiner Kindheit im Schatten der Shoah und im West-Berlin der 1960er-Jahre. Jahre, in denen die Auswirkungen des Schweigens zwischen den Generationen über den Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus prägend gewesen seien, so der Autor. „Wir wurden in dieses Schweigen hineingeboren. Die Ermordung Benno Ohnesorgs, die bleierne Zeit der späten Siebziger Jahre, der Terrorismus“, erinnert sich Berkel. „Die kulturelle Antwort waren die Musik der Stones, der Beatles, Bob Dylan, David Bowie, das Theater der Schaubühne von Peter Stein, Peter Zadeks „Othello“, oder in Paris die Inszenierungen von Barrault, Chéreau aber auch „1789“ von Ariane Mnouchkine, das französische Kino der Nouvelle Vague, Godard, Truffaut, Rivette, Rohmer, Chabrol“, zählt er auf. Und natürlich die amerikanische Fernsehserie „Holocaust“, die mit 30 Jahren Verspätung in Deutschland auf breiter Ebene die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit angestoßen habe. „Die 70er-Jahre wurden durch die 68er-Bewegung entscheidend geprägt“, so Berkel.
Thomas Mann und das Denken
Mit dem selten beleuchteten Thema „Thomas Mann und das Judentum“ setzt sich der Germanist und Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer auseinander – ein Aspekt seines aktuellen Buchs „Thomas Mann. Werk und Zeit“. Borchmeyer beleuchtet darin die Wandlungen im Werk Manns und sein komplexes Verhältnis zum jüdischen Leben und Denken. In ihrem Buch „Kabinett der Namenlosen“ porträtiert die Schriftstellerin Susanne Schädlich den ‚Jewish Club of 1933‘ in Los Angeles, in dem sich auch viele Theaterschaffende zusammenfanden, die aufgrund mangelnder Englischkenntnisse in Sprachlosigkeit und mitunter Vergessenheit versanken.
Zwischen Wahrheit und Schuld
Ganz und gar nicht sprachlos ist Bestsellerautor Leon de Winter. In seinem neuesten Roman „Stadt der Hunde“ geht es um eine Vater-Tochter-Beziehung, um Schuld und die Suche nach Wahrheit, verortet zwischen Europa und dem Nahen Osten. Politik, Religion und Schicksal – weit schlägt de Winter den Bogen vom persönlichen Trauma seines Protagonisten bis zum Nahost-Konflikt.
Erinnerung als Widerstand
Als Gründungsmitglied der Nobelpreis-gekrönten Menschenrechtsorganisation MEMORIAL berichtet Irina Scherbakowa über die Dokumentation und Aufarbeitung stalinistischer Verbrechen und davon, wie MEMORIAL nach dem Verbot durch Putin 2021 seine Arbeit aus dem Berliner Exil fortführt. Zum Abschluss des Programms spricht Martina Wörgötter, Leiterin des Stefan Zweig Zentrums Salzburg, über Stefan Zweig und seine Vision vom geeinten Europa als geistige Heimat, während Schauspieler Denis Petković dessen Texte interpretiert.
Geschichten im „Bilderbuch-Kino“
Literarische Entdeckungen im „Bilderbuch-Kino“ und historisch-literarische Stadtspaziergänge bietet das Kinder- und Jugendprogramm: Einmal nicht das Tagebuch von Anne Frank, sondern ihre „Füller-Kinder“ stehen im Mittelpunkt einer Lesung mit 40 Kurzgeschichten, Märchen und Beobachtungen, die Anne Frank „ihre Kinder“ nannte und in einem Heft mit dem Titel „Erzählungen und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ festhielt. Die Veranstaltung zur deutsch-jüdischen Dichterin Mascha Kaléko präsentiert ihr Gedicht „Der König und die Nachtigall“ sowie das biographische Bilderbuch „Maschas leuchtende Jahre“. Wer möchte, kann „Mascha Kalékos Berlin“ im Rahmen eines Stadtspaziergang erleben. Ebenfalls unter fachkundiger Leitung zu erlaufen ist das Novemberpogrom aus dem Jahr 1923. Die Stadtrundgänge durch das Scheunenviertel und die Spandauer Vorstadt verbinden literarische Erinnerung, politische Bildung und das Erkunden jüdischer Alltagsgeschichte.
| 38. Jüdische Kulturtage Berlin | 13. – 23. November 2025 |
| Gesamtprogramm: | www.juedische-kulturtage.org |
Was das Literaturprogramm der Jüdischen Kulturtage so besonders macht:
- Literarische Zeugnisse von Überlebenden neu entdeckt
- Lesungen von Berkel, Borchmeyer bis de Winter
- Stadtspaziergänge zu jüdischer Erinnerungskultur
Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.
Der Artikel erschien erstmals in der Kulturbeilage “Jüdische Kulturtage” der Berliner Morgenpost, die im November 2025 erschien.
Jüdische Kulturtage Berlin (Jewish Culture Days Berlin): Literary Diversity
The Jewish Culture Days in Berlin present a literary program as diverse as the festival itself. In cooperation with the Berlin State Library, the exhibition “Mir zenen do!” displays books and journals created by Jewish survivors after 1945 — powerful testimonies of resilience and hope. The show “Materialized Holiness” reveals Hebrew manuscripts, including the largest medieval Hebrew Bible.
Actor Christian Berkel opens the readings with “Sputnik”, exploring family silence and postwar Berlin. Literary scholar Dieter Borchmeyer examines Thomas Mann’s complex relationship to Judaism, while author Susanne Schädlich portrays forgotten exile artists. Leon de Winter’s “City of Dogs” spans guilt and truth between Europe and the Middle East. Irina Scherbakowa reports on MEMORIAL’s human rights work in exile, and Martina Wörgötter reflects on Stefan Zweig’s vision of a united Europe.
Children’s events feature Anne Frank’s “Fountain Pen Children” and Mascha Kaléko’s poetic world. Guided walks through the Scheunenviertel intertwine literature, memory, and Jewish everyday life.

