Maria Sotriffer gehört zu jenen jungen Geigerinnen, die Virtuosität nicht ausstellen, sondern als Mittel verstehen. In der Saison 2026/27 ist sie Featured Artist der Jeunesse Musicales Österreich – mit einer Spannweite vom Babykonzert bis zum großen Auftritt im Wiener Musikverein. Im Gespräch mit dem Feuilletonscout spricht sie über Nähe zum Publikum, die Wiederentdeckung vergessener Wiener Komponisten und die Kunst des Zuhörens in einer beschleunigten Gegenwart.
Feuilletonscout: Als Featured Artist der Jeunesse Musicales Österreich gestalten Sie in der Saison 2026|27 eine Konzertreihe, die vom Babykonzert bis zum großen Violinkonzert im Musikverein reicht. Was reizt Sie an dieser Vielfalt der Formate – und was verbindet diese scheinbar so unterschiedlichen Konzerte für Sie künstlerisch?
Maria Sotriffer: Egal, vor welchem Publikum man spielt, es geht immer darum, einen Zugang zu den Menschen im Publikum zu finden. Natürlich ist es ein ganz anderes Erlebnis, in einem großen Saal, unterstützt von einem ganzen Orchester zu spielen, als ein Kammermusik Konzert für Familien mit Babys. Bei Kindern ist vor allem der unmittelbare und direkte Zugang anders. Sie applaudieren nicht oder hören nicht zu, weil man das so macht, sondern nur, wenn es sie interessiert und berührt.
Kein Wunder
Feuilletonscout: Sie standen bereits als Kind auf großen Bühnen und wurden früh als Ausnahmebegabung wahrgenommen. Gab es einen Moment, in dem Sie bewusst entschieden haben, nicht nur „Wunderkind“, sondern eigenständige Künstlerin sein zu wollen?
Maria Sotriffer: Eigentlich mag ich den Begriff Wunderkind nicht. Ich hatte das Glück, in einer Umgebung aufzuwachsen, in der mein Interesse und meine Begabung gefördert wurden. Dennoch war es kein Wunder, sondern viel Arbeit. Ich wollte eigentlich seit ich denken kann immer meine eigenen Vorstellungen in der Musik umsetzen. Es gab nicht den einen Moment, an dem ich mich dazu entschlossen habe.
Immer wieder neu
Feuilletonscout: In Ihrem Repertoire spielen Mozart, Brahms und Tschaikowsky eine zentrale Rolle. Was suchen Sie in diesen Werken immer wieder neu?
Maria Sotriffer: Mozart, Brahms und Tschaikowsky haben bei all ihrer Verschiedenheit Werke geschaffen, die zum Großartigsten gehören, was je geschrieben wurde. Man kann in ihnen jedes mal neue Zugänge finden. Ich möchte mich aber nicht darauf beschränken. Es gehört ja zu den großen Vorteilen meines Instruments, dass das Repertoire extrem vielfältig ist und auch ständig Neues dazu kommt.
Wiener Linien
Feuilletonscout: Gleichzeitig setzen Sie sich intensiv für heute selten gespielte Wiener Komponisten wie Robert Fuchs ein. Warum ist es Ihnen wichtig, dieses Repertoire wieder hörbar zu machen?
Maria Sotriffer: Das faszinierende an Robert Fuchs ist vor allem seine Position als ein Dreh – und Angelpunkt der musikalischen Entwicklung in Wien. Er studierte unter anderem bei Bruckner, wurde von Brahms gefördert und unterrichtete später selbst die bedeutendsten Komponisten der folgenden Generation: So gehörten Erich Wolfgang Korngold, Gustav Mahler, Franz Schmidt, Jean Sibelius, Richard Strauss und Alexander von Zemlinsky zu seinen Schülern. Alleine das ist schon Grund genug, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen. Außerdem denke ich, dass es immer noch viele zu Unrecht vergessene Werke gibt, die auf ihre Wiederentdeckung warten.
Feuilletonscout: Sie spielen auf einer Geissenhof-Violine von 1804, der sogenannten „Wiener Stradivari“. Wie prägt dieses Instrument Ihren Klang und Ihre Beziehung zur Wiener Musiktradition?
Maria Sotriffer: Ich habe das große Glück, eine Geige zu haben, die wirklich zu 100% zu mir passt. Als ich dieses Instrument nach einer langen Suche gefunden habe (oder vielleicht hat es mich gefunden?), war es wirklich wie ein zu-Hause-ankommen. Ich habe sofort gewusst, dass das mein Instrument ist und wollte es nicht mehr hergeben. Dass es sich noch dazu um eine ausnehmend schöne Geige des bedeutendsten Wiener Geigenbauers handelt, aus der Zeit Haydns, Beethovens und Schuberts ist für jemanden, der in Wien in dieser reichen Tradition aufgewachsen ist, natürlich etwas ganz Besonderes.
Formate des Lebens
Feuilletonscout: Im Rahmen Ihrer Jeunesse-Saison stehen Babykonzerte gleichberechtigt neben dem großen Solokonzert im Musikverein. Was reizt Sie an diesen sehr unterschiedlichen Konzertformaten?
Maria Sotriffer: Musik findet im Großen und im Kleinen, im Zarten und Gewaltigen, im Jungen und im Alten statt. Gerade die Vielfalt der Formate macht doch das Leben erst interessant.
Feuilletonscout: Sie sprechen oft von „echtem Zuhören“ als etwas, das in unserer Zeit selten geworden ist. Kann klassische Musik heute einen Gegenpol zur Schnelllebigkeit des Alltags schaffen?
Maria Sotriffer: Musik wird heute oft sehr schnell konsumiert. Alles ist sofort verfügbar, und was nicht sofort gefällt, wird weggewischt. In einem Konzert muss ich mich mit dem ganzen Stück auseinandersetzen. Ich reserviere bewusst 90 Minuten, um mich der Musik zu widmen. Ich denke, dass diese Momente ungeheuer wertvoll sind.
Feuilletonscout: Sie haben mit bedeutenden Künstlerpersönlichkeiten wie Gidon Kremer, Janine Jansen oder Mischa Maisky die Bühne geteilt. Welche Begegnungen haben Sie besonders geprägt?
Maria Sotriffer: Jede dieser Begegnungen war auf ihre eigene Weise sehr prägend und wertvoll für mich. Mit so herausragenden Künstlerpersönlichkeiten auf der Bühne zu stehen, ist eine große Inspiration und zugleich eine besondere Ehre. Man kann von ihrer musikalischen Erfahrung, ihrer künstlerischen Persönlichkeit und ihrer Bühnenpräsenz unglaublich viel lernen. Diese gemeinsamen Momente motivieren mich immer wieder, meinen eigenen musikalischen Weg mit noch mehr Leidenschaft weiterzugehen.
Jenseits der Virtuosität
Feuilletosncout: Der Höhepunkt Ihrer Saison wird Tschaikowskys Violinkonzert im Goldenen Saal des Musikvereins sein. Was bedeutet dieses Werk für Sie – und wie hat sich Ihr Blick darauf im Laufe der Jahre verändert?
Maria Sotriffer: Ich habe bereits sehr früh verschiedenste Aufnahmen dieses Konzerts gehört und war völlig davon eingenommen. Es war schließlich das erste unter den ganz großen Violinkonzerten, das ich einstudierte. Natürlich ändert sich der Zugang, je mehr man sich damit beschäftigt. Man taucht immer tiefer ein und versteht immer besser die Intention des Komponisten. Wenn man die Gelegenheit hat, dieses Werk mit verschiedenen Dirigenten und Orchestern zur Aufführung zu bringen, lernt man andere Blickwinkel kennen und es entsteht immer etwas Neues.
Feuilletonscout: Wenn Sie an die kommenden Jahre denken: Welche künstlerischen Fragen möchten Sie mit Ihrer Musik noch stellen – jenseits aller Virtuosität?
Maria Sotriffer: Virtuosität ist ein Werkzeug, sie ist Mittel zum Zweck, sie ist eigentlich kein Wert an sich, wenn die Musik nicht zur Zirkusnummer verkommen soll. Wenn ich jeden Aspekt meines Instruments beherrsche, dann kann ich auch meine Stimme zu Gehör bringen. Letztendlich geht es darum, die Menschen in ihrem Innersten zu berühren. Wenn ich das erreichen kann, bin ich zufrieden.
Vielen Dank für das Gespräch, Maria Sotriffer!
Maria Sotriffer and Vienna’s heritage
Maria Sotriffer, Featured Artist of Jeunesse Musicales Austria, shapes a season that ranges from intimate formats to major concert stages. For her, the essential task is always the same: to connect with the audience, regardless of venue or scale. Children, in particular, respond with striking immediacy—honest and unfiltered.
She rejects the label of “prodigy,” emphasizing instead discipline and artistic intention. In works by Mozart, Brahms, and Tchaikovsky, she continually seeks new perspectives while remaining open to expanding her repertoire. A central concern is the rediscovery of lesser-known Viennese composers such as Robert Fuchs, a key figure linking musical generations. Her instrument—a 1804 Geissenhof violin—deeply shapes her artistic voice.
Sotriffer views music as a counterforce to modern acceleration: a concert demands time and attention. Encounters with major artists have inspired her without defining her path. Her relationship with Tchaikovsky’s Violin Concerto has evolved over years of performance. Virtuosity, she insists, is merely a tool; the true aim is to reach listeners on a deeper level.

