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Max Liebermann und der deutsche Impressionismus

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Interview

Mit impressionistischer Malerei läutete Max Liebermann um 1900 eine neue Epoche ein – und gab der deutschen Avantgarde im Kaiserreich ein internationales Gesicht. Für das Museum Barberini in Potsdam Anlass für die Ausstellung „Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“. Ein Gespräch mit Dr. Ortrud Westheider, Direktorin des Museum Barberini, von Barbara Hoppe.

Im Bann des Lichts

Feuilletonscout: Wie kam es zu der Idee zu dieser Schau?
Ortrud Westheider: Das Museum Barberini zeigt in seinem Ausstellungsprogramm eine Reihe zum internationalen Impressionismus. In diesem Zusammenhang ist es sehr reizvoll, die Entwicklung in Deutschland zu betrachten.

Feuilletonscout: Wie lang war die Vorbereitungszeit?
Ortrud Westheider: Etwa vier Jahre. Daniel Zamani hat daran schon begonnen zu arbeiten, als er noch Kurator am Museum Barberini war. Jetzt hat er die Ausstellung als Direktor des Museums Frieder Burda in Baden-Baden als erste Station eröffnet. Wir haben das Projekt und den Katalog gemeinschaftlich produziert und daraus eine vielversprechende Kooperation gemacht.

Ikonen auf Reisen

Feuilletonscout: Gab es besondere Herausforderungen zu bewältigen?
Ortrud Westheider: Es handelt sich um die bislang größte Übersichtsausstellung zu diesem Thema. Daher war es wichtig, Museen und Privatsammlungen zu ihren Leihgaben zu bewegen. Wir haben eine durchweg positive Resonanz erfahren dürfen, und es sind ikonische Bilder gereist, die sonst nicht ausgeliehen werden.

Max Liebermann Museum Barberini Städel Museum Amsterdamer Waisenhaus
Max Liebermann
Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus, 1881/82
Öl auf Leinwand, 78,5 × 107,5 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main,
Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.

Liebermanns Unabhängigkeit

Feuilletonscout: Was macht Max Liebermann zu einer zentralen Figur des deutschen Impressionismus?
Ortrud Westheider: Liebermann hat sich über die engen Vorstellungen der kaiserlichen Kunstpolitik souverän hinweggesetzt und ist damit zum Vorbild für viele Künstlerinnen und Künstler in Deutschland um die Jahrhundertwende geworden. Als Präsident der Berliner Sezession und Präsident der Preußischen Akademie der Künste hat er für die Internationalisierung des Kunstbetriebs gearbeitet.

Feuilletonscout: Und welche Rolle spielte er als Sammler und Vermittler französischer Impressionisten?
Ortrud Westheider: Er hat sehr früh französischen Impressionismus gesammelt, weil diese Malerei für ihn der Maßstab der zeitgenössischen Kunst war. Er begleitete den damaligen Direktor der Nationalgalerie in Berlin, Hugo von Tschudi, nach Paris und beriet ihn bei seinen Ankäufen.

Max Liebermann Museum Barberini Papageienmann
Max Liebermann: Papageienmann, 1901
Öl auf Leinwand, 85 × 63,5 cm
Privatsammlung


Stadt, Licht, Fortschritt

Feuilletonscout: Welche Themen und Stile prägen den deutschen Impressionismus zwischen 1870 und 1930?
Ortrud Westheider: Viele Künstler waren zunächst von den realistischen Themen der holländischen Malerei geprägt. Das waren Landschaften und Szenen des einfachen Lebens, wie Marktszenen. Aufenthalte in Paris brachten sie schließlich dazu, die Stadt und die bürgerliche Freizeitkultur zu malen. Der Fortschrittsoptimismus der Gründerzeit wurde ins Bild gesetzt. Und zwar nicht mehr in Gestalt von Eisenwalzwerken, wie Menzel sie gemalt hatte. Fortschritt wird jetzt mit Szenen der Moderne gezeigt, etwa der beleuchteten nächtlichen Stadt oder als Spaziergang im Park.

Feuilletonscout: Wie hat Max Liebermann persönlich auf die oft kritische Aufnahme des Impressionismus in Deutschland reagiert?
Ortrud Westheider: Mit Gleichmut und völlig unbeirrt hat er seine Malerei verfolgt, auch wenn man ihn als Maler der Gosse diffamierte, weil er in Holland die Netzflickerinnen malte und er die Dünenlandschaft in Erdfarben zeigte.

Feuilletonscout: Wie setzt sich die Privatsammlung zusammen, die den Grundstein der Ausstellung bildet?
Ortrud Westheider: Wir hatten das Glück, dass wir eine Gruppe von Landschaften als Grundstein nehmen konnten. Mehr kann ich dazu leider nicht sagen.

Max Liebermann Maria Slavona Hünnerkopf Stillleben
Maria Slavona: Stillleben vor rotem Hintergrund, 1911
Öl auf Leinwand, 80,5 × 100 cm
Stiftung Schlösschen im Hofgarten, Wertheim am Main
© Photo: H. Hünnerkopf

Ein Netzwerk der Moderne

Feuilletonscout: Warum legt die Ausstellung besonderen Wert auf die Vielfalt und Diversität im deutschen Impressionismus?
Ortrud Westheider: Anders als in Frankreich, wo Paris das unangefochten Zentrum war, gab es in Deutschland verschiedene Städte, in denen sich die Freilichtmalerei Bahn brach. Neben Berlin waren das etwa München und Dresden, Karlsruhe und Lübeck.

Feuilletonscout: Welche Beiträge haben Künstlerinnen wie Maria Slavona oder Sabine Lepsius zur Bewegung geleistet?
Ortrud Westheider: Sabine Lepsius hat wie einige andere Künstlerinnen in der Ausstellung den Impressionismus in der Porträtmalerei realisiert. Ihre Bildnisse wirken spontan und lebendig. Maria Slavona ist in unserer Ausstellung dagegen mit farbstarken Stillleben vertreten, die den Weg in den Expressionismus vorbereiten.

Feuilletonscout: Was erwartet die Besucher im chronologischen Überblick von den 1870er bis in die 1930er Jahren?
Ortrud Westheider: Besucherinnen und Besucher unserer Ausstellung werden entlang von Themen durch diese Zeit geleitet werden und können sich vom 28. Februar 2026 an im Museum Barberini die gesamte Entwicklung vom Naturalismus bis zum Impressionismus an der Schwelle zum Expressionismus vor Augen führen.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Westheider!

Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland28. Februar – 7. Juni 2026
Museum Barberini
Humboldtstraße 5-6
14467 Potsdam
Katalog zur Ausstellung

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Das Wichtigste in Kürze

  • Größte Übersichtsausstellung zum deutschen Impressionismus.
  • Ikonische Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen.
  • Max Liebermann als Wegbereiter der Moderne und Vermittler Frankreichs.

Max Liebermann and German Impressionism

The Museum Barberini’s exhibition “Avant-garde. Max Liebermann and Impressionism in Germany” offers a sweeping view of the turn of the century and the dawn of modern art. Directed by Dr. Ortrud Westheider, and in collaboration with the Museum Frieder Burda, it is the most extensive exhibition ever devoted to German Impressionism.

At its core stands Max Liebermann, who defied imperial art conventions and, as president of the Berlin Secession, helped internationalize Germany’s art scene. An early collector of French Impressionists, he accompanied Hugo von Tschudi on acquisitions in Paris—pivotal for bringing modern art to Germany.

The exhibition traces subjects from realist genres to urban leisure scenes, charting a path from Naturalism to the threshold of Expressionism. Among the highlights are works by artists such as Sabine Lepsius and Maria Slavona, whose portraits and still lifes expanded the movement’s range.Opening on February 28, 2026, the Museum Barberini in Potsdam invites visitors to rediscover German Impressionism through exceptional loans and newly framed perspectives.

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