Kolumne von Susanne Falk
Es gibt nicht mehr viele Antworten auf die Fragen dieser Zeit. Nicht, weil die Antworten nicht gut oder wichtig wären, sondern weil die Fragen so unfassbar groß und so fürchterlich erscheinen, dass wir den Antworten darauf nicht mehr vertrauen. Bis wir uns erinnern, dass einer sie alle kannte, die Fragen und die Antworten.
Es war ein zutiefst wirklicher, berührender und bezaubernder TV-Moment: Der 86-jährige Ian McKellen steht im Ed Sullivan Theater auf der Bühne, inmitten der Stephen Colbert Show und deklariert Shakespeare. Nicht die üblichen Monologe, kein Lear, kein Hamlet, kein Macbeth, sondern Sir Thomas More. Ein paar Minuten Shakespeare, ein Augenblick echtes Theater für echte Zuschauer – und die Welt ist eine andere. Wer je Zweifel daran hatte, wie mächtig Kunst, wie bedeutend Literatur sein kann, dem sei diese Monolog empfohlen.
Das Publikum findet sich, mitten in einer Late-Night-Unterhaltungsshow, von einer Sekunde auf die andere in einer lebensverändernden Situation wieder. Vom leichten Plauderton wechselt McKellen innerhalb eines Wimpernschlags zum größten Shakespeare-Darsteller unserer Tage. Hochkultur plötzlich hautnah, lebendig und über alle Maßen aktuell.
Ein über 425 Jahre alter Text zieht einem nach Unterhaltung gierenden Publikum völlig unerwartet und weit über den Bildschirm hinaus spürbar den Boden unter den Füßen weg. Es ist eine flammende Rede für Mitmenschlichkeit, gegenüber Fremden, gegenüber jenen, die aus fernen Ländern zu uns kommen und unsere Hilfe brauchen und gegenüber allen, die ihnen diese Hilfe verweigern. Hinweggefegt ist der ganze Trumpismus. Drei Minuten dauert der Monolog, den McKellen hier performt. Nur drei kurze Minuten und alle verstehen plötzlich, um was es geht und was auf dem Spiel steht, nämlich nichts weniger als die Menschlichkeit selbst.
Die Welt ist so unendlich kompliziert und stellt so unendlich viele, komplexe Fragen an uns. Aber wenn wir nur zuhören würden, dann hätten wir binnen drei Minuten alles verstanden, was wir wissen müssen.
Stephen Colbert wird im Mai diesen Jahres nach ganzen elf Jahren, in denen seine Show eine wichtige Stimme gegen den Wahnsinn war, gezwungen aufzuhören. Viele werden diesen überaus klugen Mann vermissen, mich eingeschlossen. Diese drei Minuten sind das beste Vermächtnis, das er uns hinterlassen konnte – eine Sternstunde des Theaters, eingebettet ins Unterhaltungsfernsehen für eine am Abgrund taumelnde Gesellschaft. Drei Minuten, die alles zurechtrücken. Wenigstens für den Moment.
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My Books! „Shakespeare, always!„
Column by Susanne Falk
There are not many answers left to the questions of our time. Not because the answers are not good or important, but because the questions are so unimaginably vast and so terrible that we no longer trust the answers to them. Until we remember that one man knew them all – the questions and the answers.
It was a profoundly real, moving, and enchanting TV moment: 86-year-old Ian McKellen stands on stage at the Ed Sullivan Theater, in the middle of The Stephen Colbert Show, and declaims Shakespeare. Not the usual monologues – no Lear, no Hamlet, no Macbeth – but Sir Thomas More. A few minutes of Shakespeare, a moment of real theater for a real audience and the world becomes a different place. Anyone who has ever doubted how powerful art can be, how significant literature can be, should watch this monologue.
In the midst of a late-night entertainment show, the audience suddenly finds itself, from one second to the next, in a life-changing situation. From light banter, McKellen switches in the blink of an eye to become the greatest Shakespeare actor of our time. High culture suddenly up close, alive, and more relevant than ever.
A text more than 425 years old unexpectedly pulls the ground out from under an audience hungry for entertainment – palpably, far beyond the television screen. It is a fiery speech for humanity: toward strangers, toward those who come to us from distant lands and need our help, and toward all those who would deny them that help. All the Trumpism is swept away. The monologue McKellen performs here lasts three minutes. Just three short minutes and suddenly everyone understands what it is about and what is at stake: nothing less than humanity itself.
The world is infinitely complicated and confronts us with endlessly complex questions. But if we would only listen, we could understand within three minutes everything we need to know.
Stephen Colbert will be forced to stop this May after a full eleven years during which his show was an important voice against the madness. Many will miss this extraordinarily intelligent man, myself included. These three minutes are the best legacy he could have left us: a shining moment of theater, embedded in entertainment television for a society staggering on the brink. Three minutes that set everything straight. At least for a moment.
