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Ruhrtriennale 2026: Musik gegen das Vergessen

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Musik

Von Stefan Pieper – Zum Abschluss ihrer Reihe Erased Music stellt die Ruhrtriennale 2026 zwei geistliche Werke aus dem Jahr 1939 nebeneinander: Roman Padlewskis Stabat Mater und, als Uraufführung, Charles Tournemires La douloureuse passion du Christ. Was Florian Helgath mit dem ChorWerk Ruhr und den Bochumer Symphonikern daraus macht, geriet in der ausverkauften Jahrhunderthalle Bochum zu einem der stärksten Konzertabende dieses Festivals. Zu hören war eine Musik, die es beinahe nicht mehr gäbe.

Zwei Partituren gegen das Vergessen

Das Jahr 1939, zwei Partituren, zweitausend Kilometer voneinander entfernt. In Polen schrieb der dreiundzwanzigjährige Roman Padlewski ein Stabat Mater, eine der wenigen seiner Kompositionen, die den Krieg überdauert haben. Er selbst fiel fünf Jahre später beim Warschauer Aufstand. In Paris schloss Charles Tournemire kurz vor seinem Tod seine Douloureuse passion du Christ ab und hat keinen Takt davon je gehört, denn die Partitur verschwand in der Nationalbibliothek, wo der Münchner Orgelprofessor Harald Feller sie erst siebenundachtzig Jahre später wiederfand. Bei der Ruhrtriennale erfuhr das Werk endlich seine Uraufführung.

Für diesen Abend hat die Jahrhunderthalle ihre industrielle Monumentalität abgelegt: gedämpftes Licht, Akustikpaneele an den Wänden, ein bis in die letzte Reihe ausverkaufter Saal. Dass der Chor weit hinten auf der Bühne steht, könnte einen Verlust mit sich bringen, doch die hervorragende Akustik dieses Raums belehrt eines Besseren.

Man spürte diese Musik unmittelbar

In Padlewskis Stabat Mater für gemischten Chor a cappella gehört der Raum gut zwanzig Minuten lang dem Chor allein. Und da, vom ersten Ton an, spürt man diese Musik, lange bevor man sie gedanklich erfassen kann. Man staunt, dass ihr Schöpfer erst dreiundzwanzig Jahre alt war. Eine strenge Modalität steht im Raum, an die Vokalpolyphonie der Renaissance erinnernd, doch Klangfarben und Harmonien weisen zugleich weit in die Zukunft. Bald fächert sich der Chorsatz auf bis zu sieben ineinandergreifende Stimmen auf, archaisierend und kontrapunktisch verdichtet und modern zugleich.

Der Chor als Trauerkörper

Die Sängerinnen und Sänger des hervorragend disponierten ChorWerk Ruhr finden dabei zu einem intensiven Gesamtklang zusammen, in dem sämtliche Affektschichten differenziert abgebildet bleiben. Diese Präsenz füllt den Saal dermaßen, als stünden alle unmittelbar am Bühnenrand.

Thema des Stabat Mater ist der Trauergesang einer Mutter um ihr totes Kind. Damit das Thema nicht in Larmoyanz ertrinkt, nimmt Helgath, vor allem im zweiten Satz, die Tempi betont zügig. Das gibt dem Fluss der Musik eine Spannung auf höchstem Niveau. Mit eher weichen Handbewegungen zeichnet er die Affekte, der Chor greift jede einzelne auf, und in der Jahrhunderthalle kommt eine Traurigkeit zum Klingen, in der auch ganz viel Zärtlichkeit mitschwingt: eine große lyrische Wärme, zart und verletzlich, immer wieder auch schwebend und entrückt. Jede noch so feine Wendung öffnet neue emotionale Fenster. Zu dieser unmittelbaren Wirkung passt Florian Helgaths eigene Einschätzung, der dieser Komposition den Gestus eines Liebesliedes zuspricht.

Der Entdeckerwert dieses Stabat Mater ist entsprechend hoch, und man möchte nach diesem Abend unbedingt erkunden, was sonst noch von diesem Komponisten zu hören ist – zum Beispiel sein Streichquartett, mit dem er 1933 debütierte.

Ein durchgetakteter deklamatorischer Gestus

Würde das nun folgende Werk, Tournemires Passion, den Wechsel in eine andere musikalische Welt mit sich bringen? Der bleibt aus, denn der Kompositionsstil des Franzosen fühlt sich regelrecht seelenverwandt mit dem a cappella-Werk aus Polen an. Jetzt aber ist der durchgetaktete deklamatorische Gestus noch sehr viel stärker ausgeprägt, bei einem vergleichbaren überzeitlichen kompositorischen Überblick, der hinter die Romantik zurück und zugleich über sie hinausblicken lässt.

Fünfundsiebzig Minuten lang schreitet diese Passion die Leidensgeschichte ab, Phrase für Phrase, Atemzug für Atemzug, in einer durch und durch sprechenden Musizierauffassung. Die instrumentalen Klangfarben werden dabei selbst zu Charakteren: Holzbläser treten hervor und ziehen sich zurück, das tiefe Blech richtet Wände auf, die Streicher breiten Flächen von großer Transparenz aus, dazwischen setzt das Schlagwerk Akzente oder lässt grelle Impulse dazwischenfunken. Von links her behauptet sich Christian Schmitts Orgel mit einer Klangrealisation, die den Raum vorzüglich ausnutzt.

Die Gewalt des Kollektivs

Mit solch klangsinnlichem Potenzial braust der Orchesterapparat in kollektiven Erregungen auf, um sich im nächsten Satz wieder vollkommen zurückzunehmen. Aber im Kern stehen die menschlichen Stimmen: Der Chor wird zum handelnden Körper, entfaltet seine Stimmen auf fantastische Weise und entlässt solistische Einzelne nach vorn, die dort Rollen wie Pilatus besetzen und anschließend in den Klang zurückkehren. So entsteht ein aufgeheiztes Szenario aus kollektiver Erregung und Verrat. Und es ist die beklemmendste Erkenntnis dieser Passion, dass die Brutalität nie vom Einzelnen ausgeht, immer vom Kollektiv.

Was sich über diese Dauer einstellt, ist bei allen Eruptionen ein hypnotischer Sog, den die fast repetitive Struktur erzeugt. Modale Stimmführungen und Chromatik durchdringen einander, die psychologischen Ebenen werden in erschütternder Direktheit ausgedeutet. Faszinierend ist vor allem die Balance der Temperamente: Der rezitativische Fluss lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen, Helgaths Dirigat dosiert die Tempi unerschütterlich souverän in diesem vollendeten Zustand eines künstlerischen Aufeinanderbezogenseins.

Ein Abend, der sich auf die Musik allein und auf nichts anderes verließ

Und dann bricht alles ab. Wenn Jesus spricht, schweigt jedes Instrument, der Bariton Jérôme Boutillier steht allein im Raum. Weil um diese Stimme herum plötzlich die ganze Weite der Halle mithörbar wird, treffen diese Momente härter als alles Orchestrale, das ihnen vorausging. Tournemire, so Florian Helgath im Programmheft, halte es nicht für nötig, der Musik etwas hinzuzufügen, was der Text gar nicht braucht. Das ist eine Ethik des Verzichts, die dieses Werk moderner macht, als sein Entstehungsjahr vermuten ließe, und die den Abend auf das zurückführt, was ihn von der ersten Minute an getragen hat: die menschliche Stimme als unmittelbarstes Medium für Emotion.

Sämtliche Solistenstimmen gehen mit tiefer Empfindung in ihren vielschichtigen Rollen auf, so auch die Sopranistin Axelle Saint-Cirel und der Tenor Enguerrand de Hys als Erzählstimmen.

Da lebte sie wieder, jene besondere atmosphärische Mischung, die einst die Programmatik der Ruhrtriennale mitbegründet hat: die eigentümliche Verbindung aus industrieller Architektur, musikalischer Erfahrung jenseits des leicht Konsumierbaren und tiefer geistiger, ja spiritueller Konzentration. Dieses intensive Erlebnis schlug unweigerlich eine Brücke zu einer anderen Aufführung im Jahr 2003, als Sylvain Cambreling unter dem Gründungsintendanten Gerard Mortier Olivier Messiaens Saint François d’Assise an ebendiesem Ort dirigierte – ein langer Abend, der niemals in Vergessenheit geraten ist. Dass Ivo van Hove die letzte Festivalausgabe seiner Intendanz noch einmal auf diese Tugend gegründet hat, war eine sehr glückliche Entscheidung. Verließ sich doch hier ein Abend ganz auf seine Musik und nicht auf gute Absichten. So soll es sein.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Ruhrtriennale 2026
Festival der Künste
20. August bis 20. September 2026
Bochum, Dortmund, Duisburg,
Dortmund, Gladbeck
Programm

Das Wichtigste in Kürze:

  • Erhaltene und wiederentdeckte Musik von 1939 
  • ChorWerk Ruhr in außergewöhnlicher Präsenz 
  • Tournemires Passion erstmals vollständig hörbar

Ruhrtriennale 2026: Music to Prevent Forgetting

At the close of its “Erased Music” series, the Ruhrtriennale placed two sacred works from 1939 side by side: Roman Padlewski’s *Stabat Mater* and Charles Tournemire’s *La douloureuse passion du Christ*, which received its premiere in the Jahrhunderthalle Bochum. Florian Helgath, ChorWerk Ruhr and the Bochum Symphony Orchestra turned the programme into one of the festival’s strongest concert evenings.

Padlewski wrote his *Stabat Mater* in Poland at the age of twenty-three. It is among the few works to have survived the war; the composer was killed during the Warsaw Uprising in 1944. Its a cappella writing combines strict modality and Renaissance polyphony with modern harmonies. ChorWerk Ruhr created an intense collective sound in which grief, tenderness and lyrical warmth were equally present.

Tournemire’s Passion, completed shortly before his death and lost in the National Library for 87 years, proved spiritually akin to Padlewski’s work. Its declamatory design turned orchestral colours into dramatic figures, while the human voices remained central. The choir became an active body, and the collective the site of excitement, betrayal and brutality.

The most powerful moments came when, at Jesus’ words, every instrument fell silent and Jérôme Boutillier stood alone in the hall. The result was an evening of deep spiritual concentration, trusting entirely in music itself.

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