Nach Gastspielen als Domspatz und Kapellmeister eines Kammerorchesters mit Trüffelschwein als Konzertmeister findet SR endlich zu seiner Bestimmung…
Reimertz bei den Domspatzen
Eine fast wahre Geschichte
Stephan Reimertz wusste früh: Er war zur Höhe geboren.
Nicht zur Höhe des Amtes, des Ruhms oder gar der Bestsellerlisten; das wäre zu platt gewesen. Nein, zur Höhe des Tones. Und zwar des hohen Tones. Altus. Solist. Seraphisch.
»Ich singe nicht mit«, sagte er, »ich erhebe.«
So kam es, dass er eines Tages in einem Anfall von historischer Ironie beschloss, den Regensburger Domspatzen beizutreten.
Als Quereinsteiger, nicht als Queereinsteiger.
Als Lebenssänger.
Er erschien also eines Morgens im schwarzen Rollkragen und mit Partitur in Leder gebunden zur Probe im Domkapitel der Donaustadt. Der Chorleiter, ein geduldiger Mann mit Erfahrung im Umgang mit verkannten Talenten, bat ihn freundlich, sich vorzustellen.
»Vorstellen?« staunte Reimertz. »Ich dachte, ich singe vor.«
Dann kam das Gloria.
Und es kam anders.
Schon bei den ersten Takten übertönte Stephan die Knaben wie ein posthegelianischer Pfau, der aus Versehen in ein Streichquartett geraten ist. Seine Stimme eine Mischung aus Montserrat Caballé, Friedrich Nietzsche und einem leicht verschnupften Hornisten.
Die Knaben verstummten.
„Wer ist das?“ flüsterte einer.
„Ein Musikphilosoph“, sagte ein anderer.
„Vielleicht ein Opfer von Bayreuth.“
Der Chorleiter ließ das Stück noch einmal beginnen. Reimertz schloss die Augen, hob das Kinn und sang oder vielmehr: deklamierte nun das Kyrie wie eine Lesung aus den Briefen Hölderlins.
Er hielt sich an keine Stimme. Auch an keine Tonart.
Aber an sich.
Als es vorbei war, und es war bald vorbei, trat der Domkapellmeister an ihn heran und sagte mit pastoraler Milde: „Lieber Herr Reimertz, Ihre Stimme ist… nun, speziell. Ein Edelstein. Aber leider ein wenig… ungeschliffen.“ „Ich weiß“, sagte Reimertz, „ich bin nicht für den Chor geboren.“ „In der Tat.“ „Ich bin für das Monodrama geschaffen.“
Seitdem hört man ihn sonntags in Rom gelegentlich ganz leise auf der Piazza Navona: Ein Mann in schwarzem Mantel, der das Sanctus summt und dabei fröhlich dreinblickt.
Denn er weiß: Der wahre Solist singt nicht um Applaus.
Reimertz dirigiert ein Kammerorchester mit einem Trüffelschwein als Konzertmeister
(Fortsetzung der Domspatzen-Affäre)
Nachdem der Versuch bei den Regensburger Domspatzen als, sagen wir, avantgardistische Intervention endete, zog sich Stephan Reimertz für einige Wochen in einen Landgasthof in der Toskana zurück, um über »das Verhältnis von Ton, Trüffel und Transzendenz« nachzudenken. Dort, zwischen alten Olivenbäumen, unlesbaren Notenblättern und einem Glas Vino Nobile, begegnete er Ottavio.
Ottavio war ein Trüffelschwein.
Aber nicht irgendein Trüffelschwein.
Ottavio hatte, wie Reimertz sofort erkannte, Taktgefühl.
Der Legende nach konnte Ottavio bei jedem Klaviersonatensatz von Mozart die Stellen erschnüffeln, wo die Melodie zu kippen drohte. Sein Rüssel bebte bei falscher Intonation. Seine Hufe zuckten bei zu flachem Vibrato.
Ottavio war der Furtwängler der Fauna.
Reimertz, begeistert, kaufte Ottavio dem Bauern ab für eine Summe, die man in der Toskana nur mit dem Wort »barock« bezeichnet und beschloss: »Ich werde dirigieren. Und Ottavio wird mein Konzertmeister.«
Veranstaltungsort: Ein halbverfallenes Theater in der Nähe von Lucca. Programm: Angeblich unbekannte Frühwerke von Haydn (vielleicht von Reimertz selbst komponiert). Ensemble: Ein zusammengewürfelter Kreis aus Musikstudenten, ehemaligen Opernliebhabern und einem Klarinettisten, der nur noch mit Sonnenbrille spielt. Und vorne: Ottavio das musikalische Trüffelschwein, mit schwarzer Schleife und einem kleinen Pult, das Reimertz eigens für ihn zimmern ließ.
Unser Kapellmeister trat mit einer Grandezza aufs Podium, als wolle er Beethovens Neunte in den Äther hauchen.
„Signori,“ sagte er, „bitte folgen Sie nicht dem Takt. Folgen Sie dem Tier.“
Und das taten sie.
Ottavio schnaubte zum Einsatz.
Ottavio grunzte zum Fermatenpunkt.
Ottavio verlor allerdings kurzzeitig die Kontrolle, als jemand eine Trüffel-Pasta ins Parkett schmuggelte –
aber Reimertz rettete die Lage mit einem gezielten Ruck seines dirigentischen Seidenschals.
Das Publikum, ein Mix aus verblüfften Kunstliebhabern, zwei Journalisten des Corriere della Sera und einer amerikanischen Operndiva auf Urlaub, war hingerissen.
Am Ende tobte der Saal.
Ein Kritiker schrieb:
„Endlich ein Konzert, das dem gegenwärtigen Zustand der Musik gerecht wird: irrational, inspiriert und vollständig verrückt.“
Und Reimertz notierte später auf eine Serviette im Café Greco:
„Ich wollte nie die Welt verbessern.
Ich wollte nur, dass sie mir zuhört –
und Ottavio.“
Stephan an der Scala
Eine wahre Geschichte, die nie geschehen ist
Es war ein Donnerstag, was ein sehr guter Tag ist, um Intendant der Mailänder Scala zu werden.
Stephan saß in seinem römischen Innenhof, las zwischen zwei Zypressen in einer französischen Übersetzung von Kierkegaard und dachte: „Was mir fehlt, ist ein kleines Opernhaus.“ Dann korrigierte er sich. „Ein großes.“
Also verfasste er, selbstverständlich auf Büttenpapier und in lateinischer Sprache, eine Bewerbung an den italienischen Kulturminister. Die Adresse schrieb er in Goldtinte. Statt eines Lebenslaufs legte er eine Flasche Barolo bei, Jahrgang 1989. Und ein Portrait, das ihn als eine Mischung aus Maria Callas, Friedrich Nietzsche und Tony Bennett zeigt.
Die Mailänder Verwaltung war zuerst ratlos. „Wer ist das?“ fragte die Sekretärin. „Wieder so ein Konzeptkünstler?“ „Oder ein entlaufener Österreicher?“ Ein Praktikant googelte ihn und las ein paar seiner Besprechungen aus dem „Feuilletonscout“ vor.
„Perfetto!“ rief der Bürgermeister. „Das ist genau die Mischung aus Intellekt, Wahnsinn und Barock, die wir brauchen.“
Man lud ihn ein zum Gespräch.
Stephan erschien im weißen Leinenanzug, mit Notizbuch und Opernfernglas.
„Ihre Pläne?“ fragte man.
„Don Giovanni mit echten Verführungen.“
„Noch was?“
„Eine szenische Uraufführung von Nietzsche und Bizet, gemeinsam komponiert von einem imaginären Genie.“
„Und das Budget?“
„Wird von den Göttern übernommen.“
Die Kommission schwieg. Dann sagte der künstlerische Direktor langsam:
„Das ist… entweder verrückt – oder genial.“
Stephan nickte.
„Endlich jemand, der mich versteht.“
Man versprach ihm eine Rückmeldung in drei Wochen.
Er ging in ein nahegelegenes Café, bestellte einen Sazerac und schrieb den ersten Spielplan:
Eröffnung: »Der letzte Europäer« (nach einer Idee von Stefan George).
Kinderoper: »Wagner für Unschuldige«
Moderne Serie: »Zita – Das Verbotene als Musikstück«
Noch bevor die Antwort kam, verfasste Stephan eine Pressemitteilung:
»Ich bin bereit. Die Scala vielleicht auch.«
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