Von Barbara Röder.
Ein herrliches Pride-Wochenende bescherte den Besuchern Mitte Juni 2026 die Musikmetropole Wien. Die Welt war zu Gast. Die Wagner-Freunde waren dies ebenso. In der Wiener Staatsoper fiel wie in so manch anderer Hochburg der Musikkultur der letzte Vorhang vor der Sommerpause. Diesmal schloss sich auch der Eiserne Vorhang, der jährlich eine Künstlerinstallation beheimatet. Kreiert wurde dieser für die Spielzeit 2025/26 vom ghanaischen Künstler El Anatsui. Endgültig verabschiedeten sich die Wiener Staatsopernbesucher von dem 2007–2009 entworfenen Sven-Eric-Bechtolf-Ring-Zyklus, der mehrmals mit den besten Wagnersängern der Zeit besetzt war.
Viele Wagner-Gäste erlebten den allerersten Vorhang für die Wagnersche „Bechtolf-Show“. Einige waren wiedergekommen, um sich gebührend zu verabschieden. Die Pausengespräche darüber waren nicht zu überhören! Das Ehepaar Glittenberg gestaltete Bühne und Kostüme dieser Wiener Götterdämmerung. Schlicht, einfach funktional sind sie. Grün steht für die Natur. Tannen für den „Tann“, den Wald, in den sich Siegfried auf die kühlen Matten legt. Ein Kahn ist ein Kahn, mit dem der Held auf dem Rhein zu Hagen, Gunther und Gutrune schippert. Die Kraft, Imagination und Plausibilität der Szenen müssen aus den Sängerdarstellern kommen. Dies gelingt sehr gut, zuweilen sehr überzeugend, in der gültigen, sich hervorragend auf die Musik und Sprache fokussierenden Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf.
Beim Durchblättern des durchdachten, mit informativen, das Werk und die Inszenierung erläuternden Essays gestalteten, dicken Programmhefts der ersten Stunde des Wagnerischen „Bechtolf-Rings“ wird mir ein wenig wehmütig ums Herz. Alte, vertraute Gesichter des Wagner-Sänger-Universums, das Bayreuther Festspielhaus miteingeschlossen, haben in diesem, in Wien zur Heimat gewordenen Wagner-Zyklus gewirkt. Sie kamen, sangen und wurden dafür gefeiert. Zu gerne möchte ich an Juha Uusitalo als Wotan 2011 oder den verstorbenen Johann Botha (Siegmund) erinnern.


Lodernde Freuden – brennende Glückseligkeit:
Die letzte Wiener Götterdämmerung 2026
Die finnische Sopranistin Camilla Nylund ist eine feine Brünnhilde, die aus dem lyrischen, nicht hochdramatischen Fach ihre mörderische Glanzpartie präsentiert. Gut balancierte sopranöse Spitzentöne und eine mitunter zurückgenommene, satte und farbreiche Mittellage weisen auf eine ganz andere, edle, eher in sich gekehrte Brünnhilde hin. Nylund verkörpert einen anderen Charakterzug der sonst so stimmgewaltig aufbrausenden Brünnhilde der Wiener Bühnenvergangenheit. Hörgewohnheiten- und Blickwinkelveränderungen können wohltuend erfrischend sein!
Ohne Andreas Schager, einen der besten Siegfriede zurzeit, wäre dieser „Siegfried“ ein Irrtum! Schager, der in Barrie Koskys Londoner „Siegfried“ einen fulminanten, reifen, hochemotionalen Titelhelden verkörperte, brillierte in Wien mit seinem feindosierten, exponierten Leuchtkraft-Tenor, seinem Spielwitz und einer tiefen Ernsthaftigkeit. Das verleiht der Person Siegfried ikonisches Charakterpotenzial! Freuen wir uns jetzt schon auf Schagers „Rienzi“ und den „Parsifal“ in Bayreuth auf dem Grünen Hügel.
Günther Groissböck (Bass) sang einst den Hunding. Als Hagen gestaltet er diesen passabel. Seiner nicht immer kraftvoll tiefschwarz klingenden Stimme fehlt leider die nötige stimmgewaltige Durchschlagskraft und verleiht der Bösewicht-Figur nicht die Brutalität und kalkulierende Gemeinheit, die sie gebraucht hätte.
Aus der bewährten Sängerriege der „Götterdämmerung“ stach Georg Nigl als wirklich, richtig böser Alberich hervor. Obwohl es sich um eine sehr kleine Partie handelt, gestaltet er sie fulminant. Wie Nigl mit mephistophelischem Charme und Hinterlist agiert und singt, ist eine Pracht!
Ebenso mezzohaft und tonschön ausformulierend gestaltet Szilvia Vörös die hilfesuchende Götterschwester Waltraute. Jenni Hietala gelingt ein gutes Rollenporträt der Gutrune. Ihr farbiger Sopran verleiht der zuletzt um den Tod Siegfrieds trauernden Gutrune Klasse. Attila Mokus bleibt als Gunther hingegen zu unprägnant.
Ilia Staple, Alma Neuhaus und Stephanie Maitland können Siegfried als weich singende Rheintöchter nicht locken. Die Nornen Monika Bohinec, Margaret Plummer und Jenni Hietala, die hier ihr Rollendebüt als Norn gibt, bestechen durch gute Artikulation.


„…denn die Liebe ist das „ewig Weibliche selbst.“ Richard Wagner
Pablo Heras-Casado, einer der profiliertesten Wagner-Dirigenten unserer Zeit, lässt dem gut intonierenden, zuweilen mächtig sonoren Wiener Staatsopernorchester den Raum, die Leitmotive und die Struktur des Werkes organisch auszubalancieren. Gerne dehnt Heras-Casado die musikalischen Hauptszenen wie die Nornenszene oder das kurze musikdramatische Atemholen vor Siegfrieds Tod. Dadurch eröffnen sich andere, oszilierende Klangräume, aus denen der fulminant gelungene Trauermarsch im letzten Aufzug seine besondere Wirkung entfaltet.
Wenn Siegfried in seiner Todesstunde, mit seinem letzten Atemhauch, erkennt, wer er selbst eigentlich ist und wer Brünnhilde für ihn war, wird Heras-Casado zum musikalischen Sachverwalter von Siegfrieds wiedergewonnener Erinnerung. Ein großer, erhabener Moment, der zu Tränen rührt. Wagner, der Psychologe, bekannte einst: „… Siegfried allein ist nicht der vollkommene Mensch; er ist nur die Hälfte, nur mit Brünnhilde wird er zum Erlöser …“
Ein fulminanter, herausragender Abschied vom „Bechtolf-Ring“ in Wien, der zurecht lautstark gefeiert und bejubelt wurde.
Epilog
Beim Blick aus dem Operncafé der Wiener Staatsoper in den zwei Pausen ist das Augenmerk unwillkürlich auf das überlebensgroße Konterfei von Heidi Klum gelenkt. Es scheint, als schaue die Topmodel-Diva mit erhobenem Kopf und leicht arrogantem Bikini-Outfit-Bewusstsein direkt hinein in den Musentempel am Ring. Drinnen menschelt es herrlich. Ein übereifriger Agent (es gibt an diesem Abend so einige in den Logen und im Parkett) zieht in seiner wuseligen Überdrehtheit Blicke auf sich. Er ist wichtig, sehr aktiv. Jeder kennt hier halt jeden. Eine verschworene Gemeinschaft, die sicher weiterzieht zum Ereignis des Wagner-Jahres 2026: zu 150 Jahre Bayreuther Festspiele auf dem Grünen Hügel, mit Beethovens IX. Sinfonie unter Christian Thielemann sowie erstmals mit „Rienzi“ als Eröffnungsoper.
Kurze Frühjahrs-Rückschau im Wagner-„Telegrammstil“
Wagner-Lesart-Tournee mit Kent Nagano
Viermal ging Kent Nagano mit seiner historischen Aufführungspraxis, seiner Wagner-Lesart, diesmal mit der „Götterdämmerung“, auf Tour. Mit dem Dresdner Festspielorchester und Concerto Köln wurde im Jubiläumsjahr 2026, in dem 150 Jahre „Der Ring des Nibelungen“ gefeiert werden, auch Naganos Initiative, Wagners „Ring“-Zyklus historisch erklingen zu lassen, vollendet. Bejubelt und gefeiert wird das so ganz andere Klangerlebnis. Zehn Jahre Forschergeist, den Nagano in die Sache „Ring“ gesteckt hat, gebühren Anerkennung.
Als Wagner-Dirigent ist Nagano jedoch zu zögerlich und im Dirigat zu kleinteilig. Dass Nagano – das Kölner „Götterdämmerung“-Spektakel Anfang Juni 2026 wurde besucht – den Musikern kaum Einsätze gibt, Entscheidungswille und Kraft sowie der Augenkontakt zu den Musikern nur minimal ausgeprägt sind, verleiht dem gesamten Wagner-Lesarten-Projekt zuweilen eine experimentelle Unbeholfenheit in der Klang- und Gestaltungsfindung. Die Sänger laufen auf und ab; es ist ja eine rein konzertante Aufführung. Das stört zuweilen den Fluss des unendlich dahinströmenden klingenden „Welttheaters“. Dass in der gut, beinahe ausverkauften Kölner Philharmonie die Sänger bei aller musikalischen rustikalen Üppigkeit textlich kaum verständlich bleiben, ist bedauerlich. Trotz allem ein interessantes Ring-Experiment, das im Herbst 2026 und 2027, dann komplettiert wieder von sich reden machen wird.
London, ROH: „Siegfried“ – Kosky, Pappano, Schager
Überragend – das ist neidlos anzuerkennen – packt Andreas Schager den „Wagner-Tausendsassa-Stier“ bei den Hörnern. Sein Londoner Siegfried, vom Magier Barrie Kosky in dunkel-skurrile Regieopulenz gesetzt, trumpft gewaltig auf – getragen vom farbintensiven Dirigat des Wagner-Blockbuster-Botschafters Antonio Pappano. So wandlungsfähig war Schagers Siegfried noch nie zu hören und zu erleben. Kosky hat in dieser auf den Kopf gestellten, düsteren und zugleich ein wenig kitschigen Version des „Siegfried“ sehr bedeutsame Spuren hinterlassen. Im Frühjahr 2027 steht dann die „Götterdämmerung“ mit dem bewährten Dreamteam Kosky, Pappano und Schager auf dem Programm.
Meiningen: „Rheingold“ – Markus Lüpertz‘ bunte Erlebniswelten
Am Staatstheater Meiningen tauchte der Malerfürst Markus Lüpertz ganz hinab – oder auch hinauf – in gebrüdergrimmhafte Richard-Wagner-Märchenwald-Sphären. Viele erinnern sich noch an die fulminante Meininger „Ring“-Tetralogie unter dem damaligen Chefdirigenten Kirill Petrenko. Christine Mielitz führte Regie, das Bühnenbild entwarf Alfred Hrdlicka. Als Hommage an diesen legendären „Ring“ erklangen die Schmiedeklänge während der Rheinfahrt und der Ankunft Wotans und Loges bei Alberich noch einmal. Petrenko ließ damals in der Kunstschmiede Tenner die wuchtigen Schläge von Hammer auf Amboss authentisch einspielen.
Für Lüpertz, der für Bühne, Regie und die handbemalten Kostüme verantwortlich zeichnet, ist das „Rheingold“ ein märchenhafter Menschenpark. Fern jeder Personenregie sind Wagners Figuren bunte Wesen aus dem Setzbaukasten seiner fantasievollen Werkstatt. Lüpertz selbst hat sich mit Gehstock links in die Szenerie gemalt. Er ist immer dabei und schaut dem munteren, singend agierenden Treiben zu. GMD Killian Farrell sorgt für den stringenten Fluss im Wagner-Orchester, der Meininger Hofkapelle. Bewährt überzeugend sang Albert Pesendorfer den Wotan. Aus dem gut disponierten Ensemble stach Tamta Tarielashvili mit ihrem fülligen, tiefschwarzen Alt als überragende Erda hervor. Eine Aufführung, die für ihre sängerische und darstellerische Leistung wohlwollenden, kräftigen Applaus erhielt. Ein buntes, beachtenswertes Mosaik in der sich immer wieder neuformierenden Wagner-Inszenierungslandschaft.
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Das Wichtigste in Kürze
- Camilla Nylunds lyrische, differenzierte Brünnhilde
- Andreas Schager als kraftvoller, vielschichtiger Siegfried
- Heras-Casados atmende, strukturklare Wagner-Deutung
Vienna’s Götterdämmerung and Its Final Curtain
The Vienna State Opera bids farewell to the Bechtolf Ring with a compelling “Götterdämmerung.” The staging remains restrained and functional, focusing on music and text. Camilla Nylund presents an unusually lyrical Brünnhilde, shaped by nuance rather than sheer dramatic force.
At the center stands Andreas Schager’s Siegfried, combining vocal brilliance with depth and presence. Günther Groissböck’s Hagen lacks some weight, while Georg Nigl’s sharply drawn Alberich stands out. Supporting roles are solidly cast.
Conductor Pablo Heras-Casado leads with a clear sense of structure and spacious sound, allowing key moments to unfold organically, culminating in a powerful funeral march.
The performance marks a fitting farewell while pointing ahead to Bayreuth and the Wagner anniversary year 2026.

